Wenn Schiedsrichter angegriffen werden

Früchte des Zorns

Die Schiedsrichterei ist ein Risikoberuf: Man kann es keinem recht machen, und wer sich im Unrecht fühlt, wird fies. Dabei können Unparteiische noch von Glück reden, wenn sie beleidgt werden. Nicht selten werden sie Opfer von Gewalt. Wenn Schiedsrichter angegriffen werden
Heft #77 04 / 2008
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Schiedsrichter sind immer Schuld. Sie geben Abseitstore, machen aus Schwalben Elfmeter und Rote Karten oder lassen solange nachspielen, bis die Bayern endlich das entscheidende Tor gemacht haben. Außerdem kann man nicht mit ihnen diskutieren. Dann nesteln sie an der Brusttasche rum, fuchteln mit den Armen oder schauen arrogant über ihr Gegenüber hinweg. Normalerweise hört man dann nach dem Spiel Sätze wie den von Bernd Schuster über Herbert Fandel: »Der Referee hat es nicht verdient, mein Landsmann zu sein.« Oder Rudi Völlers unüberlegte Kritik an Linienrichter Volker Wezel: »Der sollte sich ein Schild umhängen und eine Woche damit rumlaufen: Schämen, schämen, schämen.« Nicht so schön für einen Schiedsrichter. Aber es geht noch viel schlimmer. Schiedsrichter sind nicht nur Opfer von Verbalattacken, mancherorts werden sie auch tätlich angegriffen. Von Spielern, Fans oder einer ganzen Mannschaft.

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Im Juni letzten Jahres traf es Herbert Fandel. Beim EM-Qualifikationsspiel zwischen Dänemark und Schweden verhängte Fandel in der letzten Spielminute beim Stand von 3:3 einen Elfmeter gegen Dänemark und zeigte Christian Poulsen die Rote Karte. Daraufhin stürmte ein volltrunkener Däne auf den Platz und sprang Fandel an die Gurgel. Der wurde zu seinem Glück von dänischen Spielern geschützt, so dass er ungeschoren davonkam. Das Spiel brach er trotzdem ab. Dänemark wurde mit einer Geisterkulisse bestraft, der Fan mit Sozialstunden und einer Bewährungsstrafe. Alles nicht so wild.



Schlimmer traf es Wolfgang Stark. Im Halbfinale der U20-WM 2007 in Kanada trafen Chile und Argentinien in einem chaotischen Spiel aufeinander. Mitschuld am Chaos trug sicherlich auch Wolfgang Stark, der bei seinen beiden Roten Karten gegen Chile wenig Feingefühl bewies und zudem den Chilenen einen Elfmeter verweigerte. Spanische Kommentatoren bezeichneten ihn schon als Desaster, doch das war den heißblütigen Chilenen nicht genug. Nach dem Spiel gingen zunächst die Spieler auf den Unparteiischen und seine Assistenten los, als Stark dann im Laufschritt in die Kabine flüchtete, prasselte ein wahrer Feuerzeugregen auf ihn nieder. Er hatte Glück, dass er unverletzt blieb.

»Ich werde nie wieder einen Fußballplatz betreten«


Kopftreffer mit dem Feuerzeug sind ohnehin sehr beliebt. Erst kürzlich, beim Spiel zwischen Duisburg und Hannover, bekam Lutz Wagner mal wieder eins ab. Wagner blieb aber ruhig und führte die Partie zu Ende. Anders Frisk dagegen brach 2004 das Champions-League-Spiel zwischen AS Rom und Dynamo Kiev ab, nachdem ihm ein Wurfgeschoss eine blutende Wunde am Kopf zugefügt hatte. Trotzdem nur eine Lapalie im Gegensatz zu den Ereignissen nach dem Achtelfinalspiel zwischen dem FC Chelsea und dem FC Barcelona. Frisk erhielt nach dem Spiel diverse Morddrohungen gegen sich und seine Familie. Aus Angst vor Anschlägen ließ er seine Tochter nicht mehr den Briefkasten öffnen und trat schließlich mit den Worten zurück: »Ich werde nie wieder einen Fußballplatz betreten.«

Auch Pierluigi Collina, Platz eins auf der Liste der respekteinflößenden Personen und einer der Besten Schiedsrichter der Welt, erhielt schon Morddrohungen. Allerdings erst nach seiner aktiven Karriere. Ihm flatterte ein Brief von Unbekannt ins Haus. Der Inhalt: Eine Pistolenkugel. Collina wurde verdächtigt, in seiner Funktion als Schiedsrichter-Koordinator in Italien einige Top-Klubs bevorzugt zu haben. Außerdem fiel sein Name im Manipulationsskandal um Luciano Moggi. Collina wurde unter Polizeischutz gestellt.

Genauso Mauro Bergonzi, ebenfalls italienischer Schiri. Der hatte vorher Glück im Unglück. Nach einem Spiel der Serie A, in dem Bergonzi dem SSC Neapel mit zwei Elfmetern zum Sieg gegen Juventus Turin verhalf, verprügelten ihn einige Turiner Rowdies. Dachten sie jedenfalls. Es war aber nur ein einfacher Bankangestellter, der Bergonzi ähnlich sah.

Keine Fans, dafür eine ganze Mannschaft verdrosch in Thailand einen Schiedsrichter. Nachdem Prakong Sukguamala drei Spielern des Drittligisten FC Kuiburi im Entscheidungsspiel um den Aufstieg gegen Kasem Bundit die Rote Karte gezeigt hatte, verschafften sich die Spieler des FC Zutritt zur Umkleidekabine des Unparteiischen und schlugen ihn brutal zusammen. Irgendwie schaffte Sukguamala es, sich zu befreien und flüchtete. Getrieben von Adrenalin, lief der bereits arg mitgenommene Schiedsrichter in einen Spiegel und zog sich schwere Schnittverletzungen zu, die mit über 50 Stichen genäht werden mussten.

Eine Spur der Gewalt von Flensburg bis Sonthofen

Was bei den Profis zu aufgeregten Debatten und tagelangen Schlagzeilen führt, ist in den Amateurligen des Landes fast schon Normalität. Von Flensburg bis Sonthofen zieht sich eine Spur der Gewalt über die örtlichen Fußballanlagen. Und immer mittendrin: die Schiedsrichter.

Zum Beispiel Jacek Ewertowski. Nach dem Kreisliga-Spiel zwischen dem Deutzer SV und Borussia Kalk, das der Schiedsrichter souverän geleitet hatte, wurde Ewertowski niedergeschlagen. Als er in den Kabinengang kam, erwartete ihn ein Spieler, den er zuvor vom Spielfeld verwiesen hatte und boxte ihm zwei Mal ins Gesicht. Ewertowski ging zu Boden und trug Platz- und Schürfwunden davon.

Ähnlich erging es einem Unparteiischen in Hamburg. Der Schiedsrichter des Kreisklassenkicks zwischen dem FC Porto II und FC Kickers schickte einen Spieler des FC Porto wegen Meckerns vom Platz und bekam daraufhin den Zorn des Spielers zu spüren. Die Folge: Doppelter Kieferbruch und ein Zahn weniger.



Nicht per Faustschlag, sondern mit einem Kung-Fu-Tritt hat Ercan Kaynar vom TSV Safakspor Schiedsrichter Thorsten Dreier im Spiel gegen Tuspo Saarn niedergestreckt. Dreier, kurz vor der Bewusstlosigkeit, forderte daraufhin Polizeischutz an. Das Spiel wurde natürlich nicht fortgesetzt.

Ein ganzer Spieltag wurde in Chemnitz abgesagt, weil Schiedsrichter Frank Lehmann in der Kreisklassen-Partie zwischen dem SV IKA Chemnitz und dem Vietnamesischen SV Chemnitz von einem vietnamesischen Spieler auf dem Feld verprügelt wurde. Zuvor hatte der Spieler nur Gelb (!) gesehen. Lehmann musste mit Kopfverletzungen im Krankenhaus behandelt werden und der Kreisverband sagte alle Partien des nachfolgenden Spieltags ab.

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