22.09.2013

Wenn Politiker den Fußball ausnutzen

Grobes Foul

Seite 3/4: Oberfußball-Fan Gerhard Schröder
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Und trotzdem erkannte erst Kohl die einmaligen Chancen, die der Fußball den Anzugträgern aus Bonn zur Repräsentation bot. Schließlich wusste der Oggersheimer, dass jeder Politiker gezwungen ist, sich hin und wieder nicht nur als grauer Aktenfresser, sondern als Mensch zu präsentieren. Nur deshalb schauen die Volksvertreter ja regelmäßig auf Stadtteilfesten vorbei und kosten aus hoffnungslos überwürzten Nicaragua-Pfannen. Nirgendwo jedoch können Politiker sich so volksnah geben wie auf den Ehrentribünen der Fußballstadien. Schnell noch den fabrikneuen Schal umgehängt, den der Referent in letzter Minute besorgt hat, ab auf den Schalensitz und genau dann den emotionalen Turbo anwerfen, wenn die Führungskamera die Tribüne abschwenkt. Kohl hatte das begriffen und ließ dennoch so manche Chance auf menschelnde PR sausen.

So verstand der Kanzler zwar die deutsche Kabine ganz selbstverständlich als erweiterten Kabinettssaal, ging mit großer Selbstverständlichkeit in der Umkleide ein und aus und ließ sich nach Siegen auch nicht von nackt herumspringenden Urviechern wie Paul Steiner stören. Er vergaß aber regelmäßig, einen Fotografen mitzunehmen, so dass das Erstaunen groß war, als auf dem jüngst aufgetauchten Video, das Sepp Maier über den WM-Triumph 1990 gedreht hatte, während der Feierlichkeiten in der Kabine auch der linkisch mit Pappbecher herumprostende Kohl durchs Bild lief. Wie man hingegen das eigene Vordringen ins letzte Refugium der Nationalelf optimal zu eigenen PR-Zwecken nutzt, bewies gut zwanzig Jahre später Kohls Nachnachfolgerin Angela Merkel, die nach dem Berliner Heimspiel gegen die Türkei plötzlich mit großer Entourage in der Kabine auftauchte und den halbnackten Mittelfeldmann Mesut Özil zu einem spontanen Integrationsgipfel nötigte, natürlich mit nichtssagendem Grußwort im Dampf der Duschen und ausgiebigem Händeschütteln von Kicker und Kanzlerin für den Fotografen.

Schröder und Stoiber unterbrachen die Kabinettssitzzungen für WM-Spiele

Zwischen Kohl und Merkel lagen gut zwei Jahrzehnte, in denen vor allem zwei Politiker die Beziehungen zwischen dem Fußball und der Politik nachhaltig ruinierten. Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Herausforderer Edmund Stoiber nutzten nämlich die fatalerweise zeitgleich 2002 stattfindenden Großereignisse Weltmeisterschaft und Bundestagswahlkampf, um sich zwanghaft als hundertfünfzigprozentige Fans der deutschen Elf zu geben. Schröder und Stoiber unterbrachen gleich reihenweise Kabinettssitzungen und Wahlkampfveranstaltungen, um in großer Runde die Spiele in Asien zu verfolgen. Das ging oft schief. Als Michael Ballack im Viertelfinale gegen Korea traf, hatte sich Stoiber gerade mit Parteifreunden verplaudert und wollte trotzdem den wartenden Kameraleuten Jubelbilder präsentieren. Also sprang der bayrische Ministerpräsident einfach eine halbe Minute später auf und jubelte einsam vor sich hin, die anderen hatten sich derweil schon wieder hingesetzt. Noch peinlicher geriet eine praktische Übung. Auf einem Sommerfest war Stoiber von euphorisierten Parteifreunden gebeten worden, doch einmal einen Ball auf ein extra aufgestelltes Tor zu schießen. Der Ministerpräsident zimmerte die Kugel in gewöhnlichen Halbschuhen wuchtig auf den Kasten und schoss dabei, wohl irrtümlich, eine neben dem Tor wartende ältere Frau um. Die blutete stark, erholte sich allerdings schnell wieder und versicherte jedem ungefragt, sie werde natürlich trotzdem Stoiber wählen.

Konkurrent Schröder konnte sich an derlei Missgeschicken nicht sonderlich erfreuen, denn auch die Fußballbegeisterung des Kanzlers hatte etwas arg Angeranztes. Dafür hatte Schröder einmal zu oft von den eigenen Stürmertagen beim TuS Talle geschwärmt, einmal zu oft vor den Hauptstadtjournalisten die Elf von Bern aufgezählt und einen Bundesligaklub zu viel genannt, dem angeblich sein Herz gehöre. Wahlweise hatte sich Schröder als fanatischer Fan von Energie Cottbus, Hannover 96 oder Borussia Dortmund gezeigt. Die Lifestyle-Illustrierte »Maxim« verlor daraufhin den Überblick und schrieb in ihrer Bundesliga-Vorschau kurzerhand bei jedem Verein in der Rubrik »Größter Fan« nur einen Namen: »Gerhard Schröder«.

 
 
 
 
 
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