22.09.2013

Wenn Politiker den Fußball ausnutzen

Grobes Foul

Seite 2/4: Adenauer und der Torpfosten
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Die erste ernsthafte Tuchfühlung zwischen beiden Lagern ist ziemlich genau auf den 29. Juni 1986 im schwülheißen Mexiko-City zu datieren. An diesem Tag verfolgten viele Millionen Menschen an den Bildschirmen, wie Bundeskanzler Helmut Kohl nach dem verlorenen Endspiel gegen die Argentinier jeden einzelnen Spieler an seinen massigen Körper zog. Der »Spiegel«-Journalist Jürgen Leinemann beschrieb die grausame Prozedur schaudernd. »Selbst den wieselflinken Littbarski, der mit einer blitzschnellen Drehung bereits halb am Kanzler vorbei ist, holt dessen öffentliche Hand mit hartem Schulterschlag noch ein.«

Und Keeper Toni Schumacher notierte später in seinen Erinnerungen »Anpfiff« angewidert über den Auftritt des Kanzlers: »Unfähig zu lächeln, grinste er, gratulierte uns rein mechanisch. Es wurde operettenreif, als er für die Fotografen den armen Franz Beckenbauer an den Schultern um die Achse drehte, um seine Anwesenheit neben unserem Trainer verewigen zu lassen.« Und es waren ja nicht nur die erzwungenen Umarmungen. Kohl machte auch vor, wie eine deutsche Delegation künftig bei Fußballspielen einzureiten hatte, üppig bestückt mit Parteifreunden und einigen ausgesuchten Gegnern wie dem omnipräsenten SPD-Mann Hans-Jürgen Wischnewski (»Wenn der Kanzler einlädt, kann man natürlich nicht Nein sagen!«).

Adenauer konnte »einen Torpfosten nicht von einer Eckfahne unterscheiden«
 
1986 war das. All das, was in den Jahrzehnten zuvor an gegenseitiger Kontaktaufnahme gelaufen war, war im Vergleich dazu von vollendeter Unschuld. Nicht umsonst hatte 1954 beim Finale von Bern kein einziger Minister aus Konrad Adenauers Kabinett auf der Tribüne gesessen, vom Regierungschef selbst ganz zu schweigen, der bekanntermaßen Boccia für den deutlich kultivierteren Sport hielt und »einen Torpfosten nicht von einer Eckfahne unterscheiden konnte«, wie die Wochenzeitschrift »Zeit« höhnte. 1966, als das Volk wegen des vom Sowjet Bachramow gegebenen Wembleytors schäumte, gab Bundespräsident Heinrich Lübke ganz unpatriotisch zu Protokoll, er habe deutlich gesehen, wie »der Ball im Netz gezappelt« habe. Und noch 1982, beim Finale gegen Italien, hatte Kanzler Helmut Schmidt in Madrid einigermaßen gelangweilt auf der Tribüne gesessen und nur hin und wieder verlegen zum italienischen Staatspräsidenten Pertini hinübergegrient, der wie ein Gummiball auf seinem Platz herumhüpfte.

Wer damals zum Fußball ging, tat es aus echtem Interesse wie Verteidigungsminister Hans Apel, der sein Herz an den FC St. Pauli verloren hatte, wie der FDP-Grande Wolfgang Mischnick, der fleißig bei der Frankfurter Eintracht mitmischte oder wie der frühere Postminister Richard Stücklen, der sich schon mal im Privatjet des Herausgebers der Postille »Quick« zu den Spielen der WM 1966 nach England fliegen ließ und zwischendurch auch die direkte Ansprache bei der deutschen Mannschaft erprobte. Überliefert ist, dass Stücklen auf dem Weg zu einem Termin nach Dänemark einen Umweg über Malente machte, wo die deutsche Nationalelf gastierte. Stücklen hatte zuvor bei Bundestrainer Schön angerufen und nachgefragt, ob er vorbeikommen dürfe. Grund für die Stippvisite: Er habe einen Trick für die Mannschaft, den er aber nur aufzeichnen könne. Schön ließ sich vom Minister die Finte bei Freistößen aufzeichnen und betonte: »Das ist ein vorzüglicher Trick, der bisher nur von Engländern praktiziert wurde. Ich werde ihn noch einüben.« Man stelle sich eine solche Szene mit Joachim Löw und, sagen wir mal, Philipp Rösler vor.

Politiker nölten so lange rum, bis Uns Uwe in Hamburg blieb

Natürlich unternahmen auch schon damals politische Hinterbänkler ungelenke Versuche, im öffentlichen Fußballdiskurs mitzumischen. So wurde Uwe Seeler schon 1961 um wertvolle Auslandserfahrungen gebracht, weil eine unheilige Allianz aus Boulevardmedien, Heimattümlern und Hamburger Provinzpolitikern gemeinschaftlich so lange herumgenölt hatte, bis Seeler den geplanten Wechsel zu Inter Mailand abblies. Und noch 1978 war es allen Ernstes der CSU-Mann Dionys Jobst, der eine eilige Regierungsintervention vorschlug, um den nach Amerika entflohenen Franz Beckenbauer rechtzeitig zur WM in Argentinien nach Deutschland zurückzuholen, allerdings »ohne dass die deutsch-amerikanische Freundschaft dadurch Schaden nimmt«, wie Jobst besorgt einschränkte. Als Emissär schlug er die Allzweckwaffe Richard Stücklen vor. Der jedoch lehnte 
dankend ab.

 
 
 
 
 
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