Wenn Nazis Fußballtaktiker werden

Blitzkrieg auf dem Rasen

Während des Zweiten Weltkriegs versuchte ein Nazi-Funktionär die Taktik der Wehrmacht auf die deutsche Nationalelf zu übertragen. Damit setzte er Reichstrainer Sepp Herberger unter Druck, dem er vorwarf, »jüdisch« zu spielen. Wenn Nazis Fußballtaktiker werden
Heft#111 02/2011
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Der neue starke Mann aus Bayern war dem Reichstrainer von Anfang an nicht geheuer. Bereits im Februar 1938 kabelte Sepp Herberger in die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes nach Berlin, der neue Fußball-Fachwart des Gaues 16 liege »weit abseits unserer Interessen«. Herberger witterte früh, dass Karl Oberhuber aus Bayern gefährlich werden könnte, und sollte recht behalten. Denn zwei Jahre später hatte sich zwischen dem Trainer und dem NS-Funktionär eine echte Feindschaft entwickelt, zu der sich im Nachlass von Herberger gleich zwei Aktenordner finden. Im Mittelpunkt des Konflikts, so zeigen aktuelle Forschungen des Fußballhistorikers Markwart Herzog, stand ein bizarrer Streit um die richtige Spieltaktik im deutschen Fußball.

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1940 war Oberhuber nicht nur zum Bereichssportführer aufgestiegen und damit Stellvertreter des Reichssportführers in Bayern, sondern auch Chefadjutant des bayrischen Gauleiters Adolf Wagner und fühlte sich stark genug, sein Konzept eines wahrhaft deutschen Fußballs durchzusetzen. Eine superoffensive Angriffstaktik, die auf der Idee vom Blitzkrieg basierte, dem von Beginn an massiven Einsatz aller militärischen Mittel. Als Oberhuber die Idee im Dezember 1940 in der auflagenstarken Münchener Zeitschrift »Fußball« publizierte, hatte das Deutsche Reich bereits halb Europa im Sturm genommen. Polen, Dänemark, Norwegen, Frankreich, Holland, Belgien und Luxemburg waren von der Wehrmacht überrannt worden. Das Wort vom Angriff, der die beste Verteidigung ist, so schwärmte Oberhuber, »hat wohl seine tiefste Erfüllung und Berechtigung gerade in unseren Tagen erhalten«.

Die militärische Strategie wollte er auf den Fußball übertragen und auf diese Weise den »fremden Einflüssen« sowie dem »Defensiv- und Abwehrgeist« im deutschen Fußball entgegentreten. Oberhuber attackierte damit vor allem die Spielidee von Herbert Chapman, der als Manager von Arsenal London Mitte der zwanziger Jahre das WM-System entwickelt hatte. Der erste Reichstrainer Otto Nerz und sein Nachfolger Herberger hatten sich an dieser erfolgreichen Schule orientiert, die nun von Oberhuber wahlweise als »englisch«, »undeutsch« oder auch »jüdisch« diffamiert wurde. Das vom DFB favorisierte Modell entspräche einer Spielweise, so hetzte er, »welche ihr Gepräge erhielt durch die Jahre des Pazifismus der vergangenen und überwundenen Systemzeit vor 1933«. Allein der Angriff bringe Persönlichkeiten hervor, so behauptete der Bereichssportführer, »wie sie unsere Zeit braucht – Kämpfer!«





Doch Oberhuber fabulierte nicht nur allgemein vom Angriffsfußball, er hatte ganz konkrete Vorstellungen davon, wie gespielt werden sollte. So forderte er etwa, den von Chapman in die Abwehr zurückbeorderten Mittelläufer als Offensivspieler aufzubieten. Als im März 1941 eine letztlich von Oberhuber aufgestellte Bayern-Auswahl den Südwesten mit 5:1-Toren überrannte, beschrieb der »Fußball« das Oberhuber-System: »Die Hintermannschaft behält ihre M-Formation, doch ziehen sich die Läufer nicht auf die Verteidigung zurück, vielmehr rücken die Verteidiger zu den Läufern vor.« Auf diese Weise solle das Mittelfeld zurückgewonnen, der gegnerische Sturm von Anfang an gedeckt sein, und der Mittelläufer könne sich offensiven Aufgaben zuwenden. Die Angreifer würden durch die Spieler der Hintermannschaft mit Pässen versorgt, die eigene Deckung sei zugleich noch geschlossener. »Zur gleichen Zeit sehen wir wieder fünf Stürmer im Angriff, da die Verbinder nicht so weit zurückzupendeln brauchen«, schloss »Fußball«.

Was Oberhuber als modern verkaufen wollte, war in Wirklichkeit jedoch rückwärtsgewandt. Fünf lupenreine Stürmer hatte bereits das 2-3-5-System vorgesehen, das bis Mitte der zwanziger Jahre dominiert hatte. Und natürlich basierte es ebenfalls auf britischer Fußballtheorie, wie in dieser frühen Zeit nahezu der gesamte Fußball, was die Tiraden Oberhubers nur noch paradoxer erscheinen lässt.
Eine ernsthafte Bedrohung stellte der bayrische NS-Bonze gleichwohl dar. Und zwar nicht nur für Herberger, sondern auch für Fußballjournalisten, die etwa beim »Kicker« weiterhin Herbergers Vorstellungen propagierten. Wenn der Krieg vorbei sei, und damit die Zeit der Berliner Herrschaft im Fußball, drohte Oberhuber in einem Brief, der sowohl die Redakteure des Magazins als auch den Reichstrainer alarmierte, dann werde er aufräumen. Herberger und die Journalisten müssten dann um ihre Jobs fürchten.

Trotz seines nicht unbeträchtlichen politischen Einflusses scheiterte Oberhuber mit seinem Blitzkrieg-Plan im Fußball jedoch sogar bereits im eigenen Bereich. Große bayrische Vereine wie der 1. FC Nürnberg, die SpVgg Fürth oder der FC Bayern München ließen zwar, wie von oben dekretiert, offiziell die Oberhuber-Taktik spielen, widersetzten sich ihr aber in Wirklichkeit. Das ging aus vielen Spielberichten hervor, die Herberger mit großem Genuss abheftete.

Angesichts des WM-Triumphs von 1954 dürfte Herberger im Rückblick auf die seltsame Oberhuber-Kontroverse besondere Genugtuung empfunden haben, denn Werner Liebrich wurde als bester Stopper des Schweizer Turniers geehrt. Die Spuren von Oberhuber hatten sich zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend verlaufen. Beruflich wurden ihm nach dem Krieg die frühen Mitgliedschaften in der NSDAP und SA zum Verhängnis. Das letzte, was Fußballhistoriker Herzog über ihn herausfand, war, dass der Blitzkriegtaktiker sein Geld als Verkäufer von Milchmix-Getränken verdiente.

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