Wenn gelbe Karten Nerven töten

Warum darf Großkreutz nicht jubeln?

Weil er das erste Tor im neuen Jahr mit seinen Fans feiern wollte, bekam Dortmund Kevin Großkreutz eine gelbe Karte. Schiedsrichter Peter Gagelmann hat mit dieser Verwarnung neues Öl ins Feuer der leidigen Jubel-Paranoia geschüttet. Wenn gelbe Karten Nerven töten

Bücher von Fritz Walter gibt es viele. Weisheiten sogar noch viel mehr. Kein Turnier, kein kommender Weltstar, keine modische Erscheinung im Fußball, die der alte Fritz nicht kommentiert hätte. Und so finden sich auch zum ausufernden Torjubel, der bei der WM 1966 das erste Mal auch nach Europa schwappt, ein paar nette Zeilen. Wie diese aus »Wie ich sie sah – Die Spiele zur Weltmeisterschaft in England«, Hintergrund ist das Verhalten des Engländers Bobby Charlton, der im Halbfinale gegen Portugal soeben das 1:0 geschossen hat: »Nach diesem gelungenen Streich vollführte Bobby einen Luftsprung nach dem anderen, dabei schleuderte er seinen rechten Arm in die Höhe, als wolle er ein Lasso werfen. Diese Art von südamerikanischer Freudenkundgebung ist zur Zeit hoch in Mode. Man sieht sie bei fast allen Torschützen. Sie ist also auch den kühlen, sachlichen Briten nicht fremd.«

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Bekanntlich ändern sich die Zeiten. Seit der südamerikanischen Lassowerferei ist viel Wasser die Themse runter geflossen, heute gilt nur ein wohlüberlegter und in Trainingslagern einstudierter Torjubel – im Idealfall samt der ganzen Mannschaft plus Betreuerstab – als szenetauglich. Die Liste derer, die spontane Gefühlsausbrüche mit schauspielerischen Glanzeinlagen verwechselten, ist lang. Ein alter Hut ist die »Koks-Einlage« von Liverpools Robbie Fowler, der sich einst, um gegen den Vorwurf der ungesetzlichen Einnahme puderzuckerähnlicher Drogen zu protestieren, nach einem Tor vor die Torauslinie kniete und so tat, als ob er die weiße Begrenzungskreide mit den Nasenlöchern aufsaugen wolle. Eine hirnrissige Idee, die Fowler einige Wochen Sperre kostete, aber irgendwie immer noch Esprit und Witz hatte. Weit weniger geschmackvoll produzierte sich der Uruguayer Santiago Silva, der einen schnöden Elfmetertreffer für Vélez Sársfield tatsächlich mit der Imitation eines Herztodes feierte. Silva bekam dafür übrigens nicht mal eine gelbe Karte. Womit wir bei der Bundesliga wären.

Großkreutz – ein Mann mit einer Frisur, die Fritz Walter gefallen hätte

Genauer gesagt: Beim Rückrundenauftakt zwischen Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund. Der zunächst etwas unspektakulären Partie verlieh Dortmunds Kevin Großkreutz – ein schlacksiger Mann mit einer Frisur, die Fritz Walter vermutlich gefallen hätte – ersten Glanz, als er den Ball nach 49 Minuten ins Leverkusener Tor stocherte. Von frei gewordener Euphorie angetrieben, galoppierte Großkreutz sogleich in die nahe Kurve des heimischen Anhangs und ließ sich von brüllenden Teenagern und kreischenden Männern in die Arme schließen. Ein rührendes Bild – statt die Eckfahne des Gegners zu begatten, sich in Werbebanner einzurollen, Fingerherzen ins weite Rund zu verteilen oder sich voll wilder Vereinszugehörigkeit aufs Trikotwappen zu hämmern, hielt Großkreutz sein so lustig unbeschnittenes Haupt in die vor Freude hüpfenden Körper der mitgereisten Zuschauer. Endlich ist sie vorbei, diese öde Winterpause, dachte man bei diesem Anblick. Nie wieder Oberlippenbehaarten Österreichern bei ihrer Liebe für Pyrotechnik und Wintersport zuschauen, dachte man bei diesem Anblick auch. Dann musste Großkreutz wieder zurück auf den Rasen, denn irgendwann ist auch mal der schönste Jubel vorbei. Und während Kevin Großkreutz Richtung Mittellinie marschierte, zeigte ihm Schiedsrichter Peter Gagelmann die gelbe Karte. Einfach so.

Man kann diesen strikten Regelentscheid akzeptieren oder auf gut deutsch gesagt: einfach drauf scheißen. Das tat Kevin Großkreutz, der einfach kurz danach noch ein Tor schoss und diesen Treffer ganz professionell und nach Auslegung des Regelwerks bejubelte. Er legte den Finger auf die Lippen und zeigte ins Publikum. Immerhin formten Großkreutz´ Finger kein Herz. Solch schwachsinnige Gesten sind von Fifa, Uefa, DFB, DFL und wie die Spielverderber alle heißen, ausdrücklich erlaubt. Vielleicht, weil die Herren in den zu engen Anzügen denken, die Fingerherzen würden ihnen zuliebe geformt. Nach dem Motto: Danke, Funktionäre, dass wir Fußball spielen dürfen!

Großkreutz gegen Gagelmann – das Spiel geht weiter

Man kann sich aber auch über die gelbe Karte von Peter Gagelmann für Kevin Großkreutz fürchterlich aufregen und dem strammen Bremer vorwerfen, dass er vermutlich selbst im Urlaub die korrekte Einhaltung der Dezibelstärken von Straßenmusikern überprüft und notfalls zur Anzeige bringt. Vermutlich aber ist Gagelmann, wie so oft, nur das kleinste Rädchen im Getriebe; die arme Sau, die quasi mit Karte und Pfeife bewaffnet, die Beschlüsse der hohen Herren in den noch höheren Gremien und Beschlüssen, in die Tat umsetzen muss. So lange sich an der kruden Gesetzgebung im Bezug auf jubelnde Fußballer nicht wieder etwas ändert, werden Gagelmann und seine Kollegen also weiter munter Verwarnungen für auf Zäune springende und sich der verschwitzten Trikots entledigenden Fußballer verteilen.

Was ist das nur für eine Welt, in der Miroslav Klose ungestraft seit Jahr und Tag die Öffentlichkeit mit wilden Fingerzahlenspielen verwirren darf und Kevin Großkreutz dafür bestraft wird, weil er mit seinen Auswärtsfans das erste Tor im neuen Jahr bejubeln möchte?

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