Welche Risiken birgt der Schwarzmarkt?
07.06.2008

Welche Risiken birgt der Schwarzmarkt?

»Gier frisst Hirn auf«

Der offizielle Ticketverkauf ist längst beendet. Doch im Internet werden für die 31 EM-Partien mehrere Tausend Karten angeboten. Wir sprachen mit dem Experten Michael Jeschke über die Risiken des virtuellen Schwarzmarkts.

Text:
Roland Wiedemann
Bild:
Imago
Herr Jeschke, sämtliche Spiele der EURO 2008 sind seit Monaten ausverkauft. Im Internet werden aber jede Menge Tickets offeriert. Kann man diesen Angeboten trauen?

In aller Regel ja. Wer über Ebay Karten ersteigert, kommt damit zu 98 Prozent ins Stadion. Natürlich gibt es auch Betrüger. Aber insgesamt würde ich das Risiko als gering einschätzen, dass man an solche gerät – vorausgesetzt man beachtet ein paar Dinge.



Die da wären?

Man sollte nur bei Anbietern kaufen, die mindestens 20 positive Bewertungen vorweisen können und seit zwei Jahren bei Ebay dabei sind. Das garantiert schon mal eine gewisse Seriosität. Was die Bezahlung angeht, empfiehlt sich Paypal. Artikel, die bei Ebay mit Paypal bezahlt werden, sind bis 1.000 Euro geschützt. Und dann sollte man seinen gesunden Menschenverstand einschalten. Ich sage immer: Gier frisst Hirn auf.

Was in diesem Fall bedeutet?

Dass bei besonders attraktiven Offerten nicht lange nachgedacht wird. Ein Beispiel: Wenn jemand 50 EM-Endspiel-Tickets für 700 Euro das Stück anbietet, muss da etwas faul sein. Da stellt sich bei mir gleich die Frage: Woher hat der Mann so viele Final-Tickets und warum sind sie vergleichsweise so günstig? Realistisch ist derzeit ein Preis von 1500 Euro. Beim DFB-Pokal-Finale hat ein Betrüger 200 Karten zum Preis von 149 bis 199 Euro unter die Leute gebracht. Von denen ist keiner ins Olympia-Stadion gekommen hat. Die Tickets gab es nicht. Das Geld war weg und der Frust groß.

EM-Tickets sind personalisiert. Ist das ein Risikofaktor bei im Internet ersteigerten Karten?

Wer ein Ticket in der Hand hat, wird damit auch ins Stadion kommen. Das war schon bei der WM so und wird bei der EM nicht anders sein. Im Gegenteil, hier ist das Risiko noch geringer. Denn in den offiziellen Verkaufsphasen für die Euro 2008 konnte ein Besteller auf seinen Namen vier Tickets bestellen, ohne die Daten der drei anderen Stadionbesucher angeben zu müssen. Die Tickets sind also nur bedingt personalisiert. Wird man tatsächlich beim Einlass kontrolliert, was sehr unwahrscheinlich ist, könnte man sagen, der Besteller ist schon vorher ins Stadion gegangen.

Ist der EM-Kartenmarkt genauso überhitzt wie bei der WM 2006?

Es hat lange danach ausgesehen, als wäre bei der EURO alles ein bisschen entspannter. Das hat sich inzwischen geändert. Ich habe den Eindruck, der Markt ist sogar noch hitziger als bei der WM. Das ist der Hammer, was da mittlerweile abgeht.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Es gab wohl viele Leerverkäufe.

Leerverkäufe?

Viele Agenturen haben Karten verkauft, die sie noch gar nicht in den Händen hatten. Jetzt bricht eine gewisse Panik aus, weil die Tickets her müssen.

Was sind derzeit die Renner?


Für die Partie Deutschland gegen Polen werden Tickets der 1. Kategorie für 900 bis 1000 Euro das Stück gehandelt. Das Eröffnungsspiel ist auch sehr begehrt. Die Preise für die Spiele des russischen Teams schnellen ebenfalls nach oben. Es gibt jede Menge reiche Russen, die bereit sind, viel Geld auszugeben.

Was unterscheidet den Ligaspiel-Zuschauer von jenen Leuten, die eine EM-Partie sehen wollen?

Das ist ein ganz anderes Publikum. Unter den EM-Besuchern werden sehr viele Geschäftsleute sein. Ins Fußball-Stadion zu gehen, insbesondere bei einer EM oder einer WM, ist ein Social-Event und damit mega hip geworden.

Wird sich der Ticket-Markt während der EM abkühlen?


Das glaube ich eher nicht. Die Euphorie in der Schweiz und in Österreich scheint doch größer zu sein, als bisher angenommen wurde.

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