Wehmütiger Abschied von der Gegengerade am Millerntor

Als der Punkrock ins Stadion kam 

Die Gegengerade am Hamburger Millerntor war über viele Jahre der kreativste Fanblock der Republik. Dann wurde er abgerissen und neu gebaut. Veteranen nehmen wehmütig Abschied.

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137

Jubelverletzungen
Stefan »Knobi« Knobloch war beim Fanzine »Übersteiger« (Pseudonym »Käpt’n Braunbär«) und arbeitet heute für die »Sportschau«

»Die Gegengerade war unendlicher Spaß! Nirgendwo auf der Welt waren Bierduschen schöner, nirgendwo habe ich mich trotz Knöcheltief-im-Schlamm-stehen wohler gefühlt als dort. Auch wenn es wieder wie aus Kübeln schüttete, schneite oder eiskalter Wind wehte. Schließlich war man ja im Kreise von Gleichgesinnten unterwegs, mit denen man sich auch auf Demos traf, in Kneipen abhing oder Partys feierte. Gleichgesinnte, von denen viele Freunde fürs Leben wurden. Mit Schrecken erinnere ich mich aber auch an einen Jubel auf dem Zaun, der fast zum Verlust meines linken Ringfingers führte (Scheiß Totenkopfring!), oder an einen doppelten Bänderriss im Sprunggelenk beim Torjubel. Die gefährdungsfreie Nutzung der baufälligen Stufen war nicht immer möglich, diese beschissenen Schlaglöcher auf den Rängen des maroden Stadions waren häufig gefährlicher als jeder Pyrotechniker, der neben dir ein Freudenfeuer mit Bengalos entfacht. Inzwischen bin ich auf den Sitzplätzen der neuen Gegengerade. Man wird ja nicht jünger, und zwei Minuten vor Spielbeginn seinen Platz einzunehmen und die perfekte Sicht aufs Spielfeld zu genießen, ist zwar etwas dekadenter, aber leider auch ganz schön geil.«


Chaos ohne Wiederholung 
Michael »Moses« Arndt war Herausgeber des Punkrock-Fanzines »ZAP« und ist  heute Arzt und Drehbuchautor

»Der für mich größte Moment war das Spiel gegen den FC Homburg, meinen Heimatklub, denn ich stamme aus dem Saarland. Es war das letzte Zweitligaspiel in der Saison 1994/95. St. Pauli konnte in die Bundesliga aufsteigen, und wir führten auch bereits ganz klar 5:0, als nach einem Elfmeterpfiff in der 87. Spielminute das Spielfeld gestürmt wurde. Es war eine Situation wie beim Relegationsspiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC im letzten Jahr. Eine Tür ging auf, und 90 Prozent der Fans dachten, das wäre der Schlusspfiff gewesen. Der Schiedsrichter hat das Beste aus der chaotischen Situation gemacht. Er hat einfach behauptet, es sei der Schlusspfiff gewesen, und ist vom Platz gegangen. Zehn Jahre später hat er im Aktuellen Sportstudio zugegeben, dass der Elfmeter eigentlich noch hätte ausgeführt werden müssen. St. Pauli ist aufgestiegen, und es gab kein Wiederholungsspiel. Übrigens habe ich noch einen Geheimplan für die Zukunft: Wenn ich meine ersten Millionen zusammen habe, möchte ich eine VIP-Loge auf St. Pauli haben. Dort werde ich die alte Gegengerade originalgetreu nachbauen – mit schiefen Betonplatten, Sprinkleranlage und dauerhaften 11 Grad Celsius, Hamburger Wetter halt. Dort kann man dann herumstehen und wird sich wie in einer Zeitmaschine fühlen. Drinnen die alte Fußballwelt, draußen die neue.«

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