05.05.2013

Wehmütiger Abschied von der Gegengerade am Millerntor

Als der Punkrock ins Stadion kam 

Seite 3/4: Selbstjustiz gegen Block-Beschilderung
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Imago

Weg vom Anti-Trainer
Hendrik Lüttmer war früher im Fanladen, danach Fanbeauftragter, heute kümmert er sich ums Merchandising des Klubs

»Wir waren 1995 zu den Amateuren abgewandert, weil uns bei den Profis einiges störte, vor allem Präsident Heinz Weisener und Trainer Uli Maslo. Weisener kümmerte sich nicht um den Nachwuchs, und Maslo war der größtmögliche Anti-Trainer, den es auf St. Pauli geben konnte. Als er ins Aktuelle Sportstudio eingeladen war, sagte er sogar, er sei stolz, ein Deutscher zu sein, und wurde dadurch zur Persona non grata. In dem neuen Umfeld bei den Amateuren entstanden viele skurrile, selbst gedichtete Songs. Berühmt war der ›Amateur Instructor Song‹. Ich habe damals selbst auf dem Zaun gesessen und vorgesungen: ›Wer spielt in Braun und Weiß?‹ Die Gegengerade antwortete: ›Ohne Uli‹. Im Gegensatz zu den heutigen Ultras lief das aber wenig geordnet ab, eher anarchisch. Und nach dem Spiel ging es immer in die nahe Fankneipe ›Zum letzten Pfennig‹ – zum Fantalk. Da stellten sich Spieler der 2. Mannschaft auf Bierkisten und wurden von den Fans befragt.«


Kommando Eisensäge 
Dagmar Grigoleit wurde nach 15 Jahren auf der Gegengerade zur Stadionführerin und Stadionsprecherin

»Als wir 2001 wieder mal in die Bundesliga aufgestiegen sind, haben wir von unseren Plätzen plötzlich das linke Tor nicht mehr sehen können. Schuld war eine neue Block-Beschilderung, die der Fußballverband eingefordert hatte. Wir fragten auf der Geschäftsstelle nach und irgendein Praktikant sagte sinngemäß: ›Wenn euch das stört, dann macht das doch ab.‹ Gesagt, getan: Wir sind in der Nacht vor dem nächsten Spiel über den Zaun geklettert. Zwei haben das Schild mit einer Eisensäge abgesägt, zwei haben Schmiere gestanden. Das Sägen konnte man bestimmt bis zu den Landungsbrücken hören, es hat uns aber niemand erwischt. Das abgesägte Schild haben wir durch ein kleineres ersetzt, und einen Spieltag später ersetzte der Klub die Schilder überall. Wir haben unser Geheimnis bis heute nicht verraten. Inzwischen sollte das aber verjährt sein, oder?«


Freude Schöner Götterfunken 
Bastian Pöhls, 32, ist heute Regionalreporter von Sat.1

»Ich bin als 14-Jähriger immer aus Bad Bramstedt anderthalb Stunden mit der S-Bahn ans Millerntor gefahren. In unserem Fanklub mit dem klangvollen Namen ›Chaosfraktion‹ war übrigens auch der heutige Mannschaftskapitän Fabian Boll. Zunächst gingen wir in die Nordkurve und wechselten 1997/98 in die neu eingerichtete ›Singing Area‹ auf der Gegengerade. Dort wurde genau darüber nachgedacht, was man absonderte. Gegner wurden nicht mit Hass empfangen, sondern mit Ironie. Wenn Mannschaften aus dem Osten kamen, hieß es etwa: ›Wir haben euch was mitgebracht: Geld, Geld, Geld.‹ Die bescheidenen Fähigkeiten des eigenen Teams würdigten wir zur Melodie von ›Freude schöner Götterfunken‹. Im Text hieß es: ›Freude schöner Fußballzauber / Das ist unser St. Pauli / Zuckerpässe, Zaubertore / Fußballgötter allesamt‹. Wir spielten nicht in der Champions League, aber man konnte ja so tun. Und immer, wenn es regnete, und der Platz dementsprechend weich wurde, was dem rustikalen Spiel des FC St. Pauli oft entgegenkam, hieß es zur Melodie von ›Guantanamera‹: ›Hamburger Wetter! Wir haben Hamburger Wetter!‹«

 
 
 
 
 
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