05.05.2013

Wehmütiger Abschied von der Gegengerade am Millerntor

Als der Punkrock ins Stadion kam 

Seite 2/4: Der Geruch von Bier und allgegenwärtigem Urin
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Imago

Der Sound für Mama und Papa
Jan Müller-Wiefel hat sich zwischen 1992 und 1998 im »PiPa Millerntor«-Fanzine »Gegen Ironie im Stadion« eingesetzt

»Wenn die Fans um uns herum gegen das Wellblechdach schlugen, ergab das einen super Sound. Meine Eltern waren davon derart fasziniert, dass sie regelmäßig Spiele außerhalb des Stadions verfolgt haben. Sie hatten immer das Gefühl, alles mitzukriegen, was drinnen passierte. Einmal, vor einem Spiel gegen die Bayern, hat ihnen kurz vor Spielbeginn ein älterer Herr zwei Sitzplatztickets geschenkt – auf Höhe der Mittellinie. Es stellte sich heraus, dass er seinen Geburtstag feierte und nicht die ganze Gesellschaft erschienen war. Er hatte sogar drei Kästen Astra für seinen Freundeskreis organisiert. Meine Eltern haben einen Wahnsinns-Fußballnachmittag verbracht, aber nie herausgefunden, wie der edle Spender die Kisten ins Stadion bekommen hatte.«


Selbst in Braun-Weiss
Christian Fiedler, Dauerkartenbesitzer, spielte von 1991 bis 2005 bei den »5. Herren« des Kiez-Klubs

»Die Gegengerade war nicht nur kreatives Sammelbecken zur Unterstützung der 1. Mannschaft. Sie inspirierte viele Fans, selbst dem Ball hinterher zulaufen – natürlich in Braun-Weiß. Ich schloss mich den ›5. Herren‹ des FC St. Pauli an. Die Profis waren zwar sportlich gesehen Lichtjahre von uns entfernt, aber wir benutzten immerhin dieselben Umkleidekabinen und trugen ihre abgelegten Trikotsätze und Trainingskleidung. Unsere Spieltage fanden üblicherweise sonntags morgens statt, wenn die Geburtsstätte des ›Mythos Millerntor‹ ein menschenleerer Ort war. Massen von leeren Plastikbechern, übrig geblieben vom Bundesligaspiel am Vortag, trieben im Wind. Der Geruch von schalem Bier mischte sich mit dem des scheinbar allgegenwärtigen Urins. Aber auch ohne diese Würze strahlte das Stadion etwas Berührendes für jeden aus, der hier sonst inmitten der Toilettenschlangen vor den Containerklos auf den Beginn des Ligaspiels hinfieberte. Begleitet von deinen Mit- und Gegenspielern, dem Geräusch der klackenden Stollen und der prellenden Bälle auf buckligem Asphalt, schritt man die 150 Meter ab, spürte das frische Trikot auf der Haut, das trotz parfümierten Waschmittels den muffigen Schweißgeruch der Trikottasche nicht völlig abgelegt hatte. Man dachte an das Heimspiel der Profis, hörte wie aus der Ferne den berühmten ›Millerntor Roar‹ – erinnerte sich an dieses einzigartige Geräusch: den Torschrei aus tausenden Kehlen, eruptiv und doch nur scheinbar zugleich ausgestoßen. Man hörte ihn wie in Zeitlupe an- und wieder abschwellen. Wer diesen Weg damals Woche für Woche gegangen ist, wird dieses besondere Gefühl nie mehr im Leben vergessen: Mehr Fußball geht nicht!«

 
 
 
 
 
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