»Weh tut die Häme der Nachbarschaft«

Von den Fußballgöttern verlassen

Die Spieler des 1. FCR 09 Bramsche sind leidensfähig. Zuletzt ertrugen sie ihre schwerste Prüfung und schlossen sportlich fair die Bezirksoberliga-Saison ab – ohne Punkt und mit 266 Gegentoren. »Weh tut die Häme der Nachbarschaft«Imago
Heft #80 07 / 2008
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Das Jahr Jahr 9, fast 2000 Jahre vor der abgelaufenen Fußballsaison, die Welt hatte den Schock der Kreuzigung von Gottes Sohn noch vor sich, als in Rom der große Kaiser Augustus laut über seinen Heerführer im fernen Germanien seufzte: »Oh Varus, gib mir meine Legionen wieder!« Dort, genauer: auf den Feldern nordöstlich von Osnabrück, hatte sich kurz zuvor in einem blutigen Gemetzel mit über 10.000 Toten das Schicksal der deutschen Nation entschieden.

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Wer weiß, hätte dieser Varus nicht sieges- und vom würzigen Honigwein betrunken unsere Vorfahren unterschätzt, hießen heute die deutschen Fußballer bei der EM 08 vielleicht Materazzi und Camoranesi und nicht Schweinsteiger und Lehmann, wir müssten statt Bier Barolo trinken, statt Bratwürstchen… Genug der abschweifenden Konjunktive. Wahrscheinlich gäbe es dann gar keine »Euro«, sondern nur nationale italienische Meisterschaften – von Lissabon bis Moskau! Das übermächtige Rom zog sich wegen der niederschmetternden Pleite aber hinter Rhein und Donau zurück, baute eine schnuckelige Mauer namens Limes und ließ unsere Ahnen – Arminius und seinen wilden Guerilleros sei’s gedankt – sich fortan gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Dass heute mitten zwischen märchenhaft anmutenden Ansiedlungen wie Malgarten, Grünegras und Kalkriese immer noch ein ganz besonderes Völkchen beheimatet ist, bewiesen die Nachfahren des germanischen Heerführers im 30.000 Einwohner zählenden Provinzstädtchen Bramsche als Protagonisten in einem Albtraum, den auch der Meister cineastischer Nachtmahre, Terry Gilliam (»Brazil«, »Twelve Monkeys«), nicht schaurigschöner hätte aushecken können. Und »Rocky«, die »Du-hast-keine-Chance-also-nutze-sie«-Filmreihe mit Sylvester Stallone, verkümmert gegenüber der Leistung des 1. FCR 09 Bramsche in der Bezirksoberliga Weser-Ems zur braven deutschen TV-Schmonzette.

30 blutige Spieltage lang haben sich die Mannen des zuvor allseits respektierten Rasensportvereins in der 6. Liga in die martialischen Abgründe der Fußballsprache gefummelt, haben sich zum Wohle des Vereins auf dem Feld der Träume abschlachten lassen, wurden massakriert, in Grund und Boden gehauen, lächerlich gemacht. Hatten sich in jedem Spiel wie einst die Eishockeyspieler der CSSR im legendären olympischen Endspiel 1968 nach dem Einmarsch der Soldateska des Ostblocks in Prag gegen das übermächtige Team der UdSSR in jeden Schuss geworfen, gehechtet, gegrätscht. Jedoch ohne den glücklichen Ausgang, der der frenetisch nach vorn gepeitschten Mannschaft der Tschechoslowakei beschieden war. Die Bramscher hatten Ergebnisse von bis zu 0:16 und 0:17 kassiert. Auch gegen Mitabsteiger SSV Jeddeloh kam man in Hin- und Rückspiel auf 1:18 Tore. Die gesamte Saison wurde mit 0 Punkten beendet! Und 5:271 Toren!

Selbst wohlwollende Rentner im Städtchen schweigen seltsam laut, wenn man sie über »ihren« Verein befragt. Sie atmen feixend, selten boshaft, aber lächeln schräg: »Kein Wunder, denen ist doch der komplette Vorstand und die Mannschaft weggelaufen. Die Mannschaft sogar zwei Mal!«, erfährt man auch schon mal ungefragt. Der emotionale Stau sucht sich seinen Weg nach draußen. Zum Beispiel bei Addi Grote (74), seit 55 Jahren Vereinsmitglied: »So eine vers… Saison hab ich in all den Jahren noch nicht erlebt!« Jedes Wort presst er geradezu durch seine Zähne. »Weh tut schon manchmal die Häme der Nachbarschaft«, stöhnt Willi Johannesdotter (69), der mit seiner Frau bei Wind und Wetter auch zu jedem Auswärtsspiel mitgefahren ist. »Fast jedem Spiel«, räumt er ironisch ein, um gleich übers vorletzte Auswärtsspiel in Emstek zu parlieren: »Wir trafen uns mit der Mannschaft am Klubhaus, und als meine Frau sah, dass gerade mal elf Spieler mitfahren wollten und welche, hat sie zum ersten Mal gesagt: ›Nee, Willi, lass man, wir machen es uns heute mal zu Hause schön…‹« Das Spiel ging 0:17 aus! »Unser Ersatztorwart André Juraschka musste Mittelstürmer spielen«, verteidigt Fußballobmann Frank Barrenpohl. »Woche für Woche treten wir nun seit Beginn der Rückrunde mit einem wild zusammengewürfelten Haufen von Kreisklassespielern, Alten Herren und A-Jugendlichen an. Der zahlenmäßig größte Kader, der je in der Bezirksoberliga gemeldet wurde, vermute ich. Insgesamt 40 Spieler sind aufgelaufen. Das haben die nur für den Verein auf sich genommen«, schwärmt er. »Ich bin unglaublich stolz auf diese Mannschaft, auf den Zusammenhalt, den wir inzwischen wieder haben!«

Gemeinsam mit seinem Bruder Thomas, der wie viele andere altgediente Mittvierziger aus Liebe zum Klub noch mal die Stiefel in der nun viel zu hohen Spielklasse schnürte, und dem Ex-Bürgermeister Schulze versuchen sie auf administrativer Ebene, die Karre aus dem Dreck zu ziehen: »Wir haben mittlerweile 32 neue Sponsoren gewonnen. Die Bramscher Geschäftswelt steht zu uns. Und wir haben 80 bis 100 Zuschauer pro Heimspiel – trotz der Ergebnisse«, schildert er hoffnungsfroh. Warum dann aber selbst diese treuen Sponsoren das letzte Heimspiel gegen Falke Steinfeld durch Nichtankündigung komplett aus dem Ortsbild verbannt haben, kann der sonst so eloquente Fußballobmann nur vermuten: »Vielleicht schämen sie sich nach dem 0:17 doch ein wenig…«

Das Stadion des 1. FCR Bramsche liegt mit seinen drei gepflegten Rasenplätzen an der Jahnstraße in Rufweite des berühmten historischen Schlachtfeldes. Zu Beginn der Saison hatte der alte Vorstand den Trainer und die 1. Mannschaft ins Klubheim geladen und ihnen überraschend mitgeteilt, dass in der Vereinskasse trotz zahlreicher Sponsoren Ebbe herrsche. Grund: Versäumnisse der Vergangenheit erforderten hohe Steuernachzahlungen. Gerüchte machten schnell die Runde, sprachen von ruinösen 500.000 Euro. Das Zehntel, das faktisch etwa übrig blieb, war dann immer noch schlimm genug: Mannschaft und Trainer traten noch am selben Abend geschlossen aus, obwohl »etliche darunter waren, die man bei ihrer Ehre hätte packen können«, wie Frank Barrenpohl glaubt. »Da waren Spieler drunter, die im Verein groß geworden sind und die, wenn man sie frühzeitig über den Zustand des Vereins aufgeklärt hätte…« »Hätte« und »wäre« waren jedoch für den Spielbetrieb in der 6. Liga zu wenig.

Eine spielstarke 4. Herrenmannschaft aus Spätaussiedlern, die nach einem Jahr Mitgliedschaft im Verein gerade in die 1. Kreisklasse aufgestiegen war, sollte und wollte es richten. In der Winterpause, als der Verein sich gerade konsolidierte, machten Dreiviertel dieses Teams schlapp. Derbe Niederlagen, jedenfalls wenn man sie ständig selbst kassiert, sind für die Fußballerseele eben doch zermürbend. Dennoch ist der neue Vorstand auch diesen mit den dramatischen Niederlagen überforderten Spielern sehr dankbar. Auch sie haben durch ihren anfänglichen Eifer den gefürchteten Zwangsabstieg in die 2. Kreisklasse mit verhindert.

In diesem Augenblick entschied sich das Schicksal des Vereins: Es gab keine Aussicht auf Erfolg, keine Lorbeeren zu ernten, kein Schulterklopfen, keine Anerkennung von Arbeitskollegen und Mitschülern. Wie einst Leonidas, der mit einer Handvoll Spartaner dem hunderttausend Mann starken Heer der Perser bei den Thermopylen die Stirn bot, warfen sich Alte Herren und Jugendliche ohne Unterstützung durch Edelsöldner in die Schlacht. »Das war manchmal schon ganz schön nervig«, räumt Jörg Kandelhart (44), Schütze des einzigen Rückrundentores, ein. »Ich arbeite in einer Tapetenfabrik, und einige meiner Kollegen spielen höherklassig. Da kannste dir vorstellen, was da zu Teil abging, wenn ich montags nach einer Klatsche zur Arbeit kam! Aber ich bin sooo stolz! Zeig mir den Verein, der so was hinkriegt! Wo 18- und 45-Jährige so zusammenhalten und das über sich ergehen lassen…« Und warum das Ganze?

Gegen Falke Steinfeld wird der Grund augenscheinlich und ist außerdem im Stadion zu vernehmen, wenn man sich zwischen heimischen und gegnerischen Zuschauern bewegt. Während nämlich das Bezirksoberligaspiel auf dem kleinen Nebenplatz ausgetragen wird, spielen die Kids im großen Stadion – wie anderswo auf einem Bolzplatz, wild und ungezügelt und hemmungslos in Europapokalträumen schwelgend! Es ist dieser Nachwuchs, auf den alle hoffen und für den alle in die Bresche springen: »Wir haben eine gute B- und C-Jugend und ein paar sehr talentierte A-Jugendliche. Die sollen es mal besser haben, eine Perspektive behalten, wenn sie sich an den Verein binden.« Diesen Satz hört man wie auswendig gelernt von allen, vom Vorstand, dem Trainer, Spielern – und auch Fans.

Das 0:2 gegen die Sportvereinigung Aurich ist das Ereignis der Saison


Die Pausenansprache des Trainers Andreas Steinke fällt in diesem letzten Heimspiel gegen Steinfeld außergewöhnlich euphorisch aus, denn es steht nach der 16:1-Hinspielniederlage zur Halbzeit nur 0:0: »Mann, ihr steht total gut! Ihr lauft mit, nehmt euch keine Auszeit wie in den vorherigen Spielen. Die sind total nervös. Denen verspringen die meisten Bälle. Werdet mir jetzt nur bloß nicht größenwahnsinnig! Denkt an das Spiel gegen Aurich!« Ein Ausrufezeichen, das auch viele Zuschauer setzen. Denn das 0:2 gegen die Sportvereinigung Aurich wird von allen als großes Ereignis der abgelaufenen Saison genannt. Und mancher schiebt das 1:3 gegen Brake noch gleich hinterher, um zu betonen, dass das Spiel gegen die Ostfriesen keine Sternschnuppe war. Gegen Aurich schaffte es das Team, bis kurz vor Schluss torlos über die Runden zu kommen. Alle tippten schon auf ein Unentschieden, den ersten Punkt! Es versteht sich von selbst, dass das 0:1 in der 78. Minute dann »völlig zu Unrecht fiel« und »uns das Genick brach«.

Ähnliche Argumente finden beim letzten Heimspiel die Fans des 1. FCR 09, nachdem Falke Steinfeld wieder ein »dämliches Tor, das nicht nötig war«, schoss und schließlich Torwart Dennis Klune doch noch sieben Mal zu einer vertrauten Handlung zwingt. »Unsere beiden besten Spieler mussten auch verletzt in der Kabine bleiben«, wird am Ende das Ergebnis schöngeredet, so dass beim neutralen Beobachter der Eindruck zurückbleibt, dass Niederlagen – siehe WM-Halbfinale 2006 Deutschland gegen Italien – manchmal größer sein können als Siege. Das wird vor allem im Kontrast zum Steinfelder Anhang deutlich, der auf Grund einer extremen Erwartungshaltung schon nach dem 0:0-Halbzeitstand missgelaunt die eigene Mannschaft bepöbelt.

Während im 20 Kilometer entfernten Erzbistum Osnabrück auf dem 97. Katholischen Kirchentag Zehntausende beim Abschlussgottesdienst unter anderem der Heiligen gedenken, findet für das zusammengewürfelte Bramscher Team gegen Steinfeld das Martyrium einer verkorksten Saison seinen Schlusspunkt. Dass ihm vom Klerus dafür der Märtyrerstatus zugestanden wird, ist nur ein blasphemischer Tagtraum. Dass aber irgendwo im Stadion an der Jahnstraße ein kleiner Gedenkstein für die »40« aufgestellt wird oder gar der kleine »Schlachtplatz« neben dem Stadion ihren Namen erhält, liegt in der Obliegenheit der Mitgliederversammlung. Oder werden dazu erst die Urahnen in 2000 Jahren in der Lage sein…?

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