Was wird aus deinfussballclub.de?

Frühherbst

Mit großem Tamtam stellte Sönke Wortmann im April 2008 das Projekt deinfussballclub.de vor. Fortuna Köln räumte damit Fans Mitspracherechte ein. Was ist heute geblieben von den Zielen? Eine Bestandsaufnahme. Was wird aus deinfussballclub.de?Imago Fortuna Köln war immer da. Länger als Helmut Kohl, länger als Yps, länger als eine Jugend in der Provinz. 26 Jahre spielte der Klub in der 2. Liga. 26 Jahre! Und auch wenn Alemannia Aachen den ersten Platz in der ewigen Tabelle der 2. Bundesliga belegt und die Fortunen mittlerweile in der NRW-Liga kicken, gelten die Domstädter immer noch als die heimlichen Könige des Unterhauses. Vielleicht auch, weil sie nur ein einziges Mal, in der Saison 1973/74, den schüchternen Schritt ins Rampenlicht von Liga eins wagten – und dort mit Pauken und Trompeten untergingen. Im Südstadion gewannen sie damals häufiger, als sie verloren, und die Fans sahen verrückte Partien wie ein 3:3 gegen Hertha BSC, ein 3:5 gegen Mönchengladbach oder ein 3:0 gegen den HSV. Nun ist es etwas mehr als zehn Jahre her, dass die Fortuna Köln trotz zweier Kantersiege gegen den etwas größeren Verein der Domstadt aus der 2. Liga abstieg.

[ad]

Im Herbst 2010 sitzen Dirk Daniel Stoeveken und Burkhard Mathiak in einem Drei-Zimmer-Büro keine 200 Meter entfernt vom alten Südstadion, dessen rostige Flutlichtmasten sich wie ein Symbol aus längst vergessenen Zeiten draußen vor dem Fenster von Geschäftsführer Stoeveken aufbauen. Die beiden Mitbegründer der Fußball-Plattform deinfussballclub.de leiten seit gut zwei Jahren die Geschicke der aus dem Stammverein ausgegliederten Spielbetriebsgesellschaft, an der der DFC 99,75 Prozent der Anteile hält. Wie 9273 ihrer Mitstreiter leben sie einen Traum, nämlich den, dass möglichst bald wieder Profifußball gespielt wird unter den antiken Masten, die sie jeden Tag sehen. »In drei bis fünf Jahren wollen wir in der dritten Liga angekommen sein, das ist der mittelfristige Plan«, sagt Stoeveken und sieht dabei nicht aus wie jemand, der nicht an das glaubt, was er da sagt.
 
Wie in einem Wirtschaftskrimi

Das sportliche Ziel, mit dem die Pioniere einst antraten, ist geblieben, aber die heiße Euphorie der Gründertage hat sich auf frühherbstliches Niveau abgekühlt, inklusive dem ersten Nachtfrost. »Das Projekt hat seine Glaubwürdigkeit verloren, von gelebter Basisdemokratie kann überhaupt keine Rede mehr sein«, sagt Rainer Lingmann. Der Projektmanager ist in erster Linie eingefleischter Fortune und bertreibt einen Blog, in dem dezidiert nicht nur die sportliche Entwicklung der Mannschaft unter die Lupe genommen wird. Gleichzeitig ist er einer der größten Kritiker von Stoeveken und Mathiak. »Wenn ich sehe, wie teilweise mit Abstimmungen umgegangen wird, dann drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Macher von DFC gar kein Interesse daran haben, dass die Community tatsächlich mitbestimmt.« Eine Exklusivmeinung? Mitnichten.

Einzelne Abstimmungen können im DFC-Forum zu Possenspielen mutieren, als ginge es um die Ergebnisse auf Parteitagen der CDU. Die Frage, ob das Gehalt des Stürmers Kevin Kruth angehoben werden sollte, entwickelte sich zu einem wahren Krimi. Als Folge teils implizit, teils explizit unterstellter Vorwürfe, der DFC habe unter einem falschen Namen an fast 1000 User eine Nachricht zur Manipulation der Abstimmung verschickt, empfing das DFC-Duo vor ein paar Tagen Besuch in seiner Drei-Zimmer-Geschäftstelle. Zwei IT-affine User waren gekommen, um die Datenbank zu durchforsten. Mit dem Hinweis, es sei natürlich möglich, Datenbanken vor einer solchen Prüfung »aufzuräumen«, war das Ergebnis der Untersuchung: Keine Hinweise auf Manipulation, aber auch keine Öffentlichmachung des mysteriösen Absenders aus Datenschutzgründen.

Im Forum wird nun wieder trefflich diskutiert. Über die Frage, ob es sich hierbei um die geforderte hundertprozentige Transparenz handelt oder einen schon vorher zum Scheitern verurteilten Versuch, den operativen Köpfen des DFC ganz bewusste Einflussnahme auf Abstimmungen anzuhängen.

Stoeveken und Mathiak halten die Diskussion für eine Verschwörungstheorie. Sie kennen die Anomalien im Abstimmungsverhalten (nach elf Abstimmungstagen bis zum 6. Oktober waren 63 Prozent der Stimmen pro Gehaltsaufstockung abgeben worden, später drei Mal innerhalb weniger Stunden auffällig viele dagegen). Stoeveken versichert aber, dass »wir uns immer an die zusammen mit den Mitgliedern erarbeiteten Regeln halten«. Er räumt allerdings ein, dass es manchmal dauere, bis Abstimmungen umgesetzt würden. Den im Forum aktiven Mitgliedern geht es häufig nicht schnell genug. Mathiak sagt: »Auch wenn wir es uns grundsätzlich wünschen, ist es leider nicht immer möglich, alle internen Informationen lückenlos und ungefiltert zu veröffentlichen, da dies  sich in unseren geschäftlichen Verhandlungen etwa mit Sponsoren zu einem echten Wettbewerbsnachteil entwickeln könnte.« Das verstehen die basisdemokratischen Idealisten nicht. Genau wegen dieses Öffentlichkeitsprinzips hatten sie sich doch angemeldet bei deinfussballclub.de.

So treffen im Moment zwei Welten aufeinander, die scheinbar nicht mehr miteinander zu vereinen sind. 



Unter den Flutlichtmasten ist wenig zu spüren von derlei kryptischen Diskussionen, hier zählt einzig und allein die Fortuna. Der Stimmung auf den Rängen ist es zuträglich, dass es an diesem Sonntag beim Spiel gegen Erkenschwick zwei Becher Kölsch zum Preis von einem gibt. »Juten Tach allerseits«, hallt es stakkato-artig im Zehn-Sekunden-Takt unter dem Tribünendach. Klaus Ulonska, Präsident des Vereins hat bei jedem Heimspiel seinen berühmten Spendenball unter dem Arm. Es sieht so aus, als würden die ungefähr 500 Besucher auf der Hauptribüne die 2,50 Euro für ihren Verein spenden, die sie beim Bier gespart haben.

Was wird aus Mink?

Ulonska wirkt nicht wie jemand, der einen Trainer in der Halbzeitpause feuern würde. Matthias Mink, der schon vor dem Einstieg des DFC Coach des Südstadtklubs war, muss an diesem Sonntag im Oktober kein ähnliches Schicksal befürchten wie einst Toni Schumacher. Er sitzt nach dem 4:0 gegen harmlose Erkenschwicker relativ fest im Sattel.

Am Ende der letzten NRW-Liga-Saison sah das anders aus. Sportlich befand sich die Fortuna im freien Fall, in der Rückrunde gewann die Karikatur einer Fußballmannschaft von 17 Spielen genau ein einziges. Nur ein um zwei Treffer besseres Torverhältnis gegenüber dem VfB Hüls bewahrte den Verein vor dem Abstieg. Das Publikum im Stadion senkte den Daumen über Minks Kopf und die Community war schnell mit einem Abstimmungsvorschlag bei der Hand. Weil andere Vorschläge am Ende der Monate Juni und Juli aber mehr Stimmen gesammelt hatten, konnte erst im August, als die neue Saison schon angefangen hatte, abgestimmt werden. Gerade einmal gut tausend User beteiligten sich, 649 stimmten gegen eine Vertragsauflösung, 383 dafür. Genau das ist das wohl grundlegendste Problem: Die 9273 User – nur etwa 8000 von ihnen zahlen tatsächlich die 40 Euro, der Rest würde erst dann  Geldbeutel zücken, wenn die 30.000er Marke geknackt wird – sind zu passiv.

Jens Nowotny nicht mehr Berater

Das ist auch der Eindruck, den Jens Nowotny hat. Seit September ist der ehemalige Bundesliga-Verteidiger nicht mehr Berater des DFC, weil er sich auf den Aufbau seiner Beraterfirma konzentrieren will. »Das Projekt muss wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen und dafür braucht es eine Vernetzung mit anderen Vereinen in der Stadt. Genug Ideen sind ja vorhanden, aber die gehören auch in die Tat umgesetzt«, sagt der Ex-Profi.

Die Pioniere Stoeveken und Mathiak wollen erst einmal den sportlichen Erfolg. Sie glauben: Damit steht und fällt das Projekt. Selbst wenn der Aufstieg in die Regionalliga im nächsten Sommer gelingen würde, bliebe es auf absehbare Zeit ein Minusgeschäft. Die Gesellschafter – außer Stoeveken Michael Schwetje, millionenschwerer Gründer von »OnVista« – müssten weiterhin eine finanzielle Unterdeckung ausgleichen, die pro Saison im sechsstelligen Bereich liegt. Erst in der 3. Liga könnte ein »positiver Cash-Flow erwirtschaftet werden« (Stoeveken). 195.000 Euro sind der Netto-Beitrag, der über die zahlenden User bereitgestellt wird, das ist etwa ein Fünftel des Gesamtetats in der NRW-Liga. Geld, ohne das die Fortuna nicht in der fünften Liga mithalten könnte. Selbst die alteingesessenen Fortuna-Fans sind bei aller Skepsis froh, dass jemand Geld in den Spielbertrieb investiert. Dass diese Investitionen sich irgendwann einmal rentieren sollen, daraus macht Stoeveken keinen Hehl. Er ist ja schließlich Führer eines Geschäfts.

»Mich würde es nicht wundern, wenn die Geschäftsführung das Projekt fallen lässt, sobald sie merkt, dass es keinen Profit abwirft. Sie hoffen aber möglicherweise noch darauf, dass irgendwann der Tag kommt, an dem sie es gewinnbringend verkaufen können«, sieht der Kritiker Lingmann nur zwei Optionen.

Nach Aufgeben sehen Stoeveken und Mathiak in ihrer kleinen Zentrale in Köln-Zollstock nicht aus, eher nach Angreifen. »Zum jetzigen Zeitpunkt zu sagen, das Projekt stünde kurz vor dem Scheitern ist viel zu früh. Um wieder öffentliche Aktionen zu initiieren, muss der Boden bereitet sein«, sagt Stoeveken. Fest steht: Ein erneuter Rückgang der Mitgliederzahlen auf unter 9000 wäre keine gute Grundlage, um wieder an eine größere Öffentlichkeit zu gehen. Wie groß die Aufmerksamkeit sein wird, entscheidet sich bis zum nächsten Mai. Trotz eines 3:1 gegen die Sportfreunde eine Woche nach dem Erkenschwick-Spiel beträgt der Rückstand der Fortuna auf die Aufstiegsplätze beträchtliche acht Punkte. Nicht die besten Aussichten, endlich die Geld-Vernichtungsmaschine NRW-Liga zu verlassen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!