Was von der WM bleibt

Die Stille nach dem Schluss

»Ich weiß, was von dieser Weltmeisterschaft in Erinnerung bleibt«, sagte der große Zinédine Zidane. »Der Name des Weltmeisters und die Verweigerung der Franzosen.« War das wirklich alles? Wir ziehen noch einmal Bilanz. Was von der WM bleibt
Heft#105 Sonderheft 2010/11
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Am Aztekenstadion von Mexiko City hängt eine Bronzeplatte, die an das Halbfinale der WM 1970 zwischen Italien und Deutschland erinnert. Ein Jahrhundertspiel sei dieses 4:3 gewesen, vielleicht sogar das beste aller Zeiten. Gianni Rivera, Italiens »Golden Boy«, schoss damals das Siegtor für die Squadra Azzurra. Fragt man ihn heute nach seiner Meinung zu dieser Partie vor 40 Jahren, lächelt er nur und sagt: »In technischer Hinsicht war es nicht besonders berauschend.«

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Eine selten nüchterne Einschätzung. Denn für gewöhnlich neigen die Protagonisten zu den blumigsten Erinnerungsberichten. Kommen sie ins Erzählen, werden sie zum Radioreporter ihrer selbst. Sie sehen es noch einmal vor sich, so wie es damals war: den Pass, den Schuss, das Netz, das sich wölbt.

Aber war es wirklich so? Oder hat sich im Laufe all der Jahre die eine oder andere Übertreibung in die Erzählungen gemogelt? Wie auch immer, die Fans hängen an ihren Lippen. Diese Legenden sind die Substanz all des Redens über Fußball, das ansonsten ziemlich dröge wäre. Und so ist das, was von einem Turnier bleibt, nicht die Erinnerung, sondern die Verklärung. 

»Un‘estate italiana« – Ach, 1990!

Von der WM 1970 blieb das Jahrhundertspiel, das keines war. Von der WM 1986 blieben die 20 Sonnen von Guadalajara, Briegels Laufduell mit Burruchaga und der geröchelte Satz des ZDF-Menetekels Rolf Kramer: »Toni, halt den Ball ... Nein.« Von der WM 1990 blieb der über den Rasen des Olympiastadions von Rom schreitende Franz Beckenbauer, der schon vier Wochen vorher gewusst haben will, dass Deutschland Weltmeister würde, und nun seine Apotheose zur Lichtgestalt genoss. Dazu dudelt »Un‘estate italiana« von Gianna Nannini noch immer im kollektiven Gedächtnis. Ach, 1990!

Von der WM 2010 werden uns noch eine Weile die Vuvuzelas in den Ohren klingen. Es war das lauteste und auch das kälteste Turnier aller Zeiten. Was aber wird darüber hinaus in Erinnerung bleiben? Das wissen wir wohl erst in ein paar Jahren, wenn es mit Mythen aufgeladen worden ist.

Wenn es denn überhaupt dazu kommt. Der Stoff dafür ist jedenfalls rar.

Früher bot jede WM ihre ureigene Kulisse. Heute ist alles gleich, egal wo. Der Wanderzirkus der FIFA zieht von Land zu Land, lässt Stadien hochziehen, die einander gleichen wie ein Ei dem anderen, die Werbeflächen sind dieselben und die Pausenclowns, die davor posieren, erst recht. Einziges Zugeständnis an die Regionalkultur sind folkloristische Darbietungen bei der Eröffnungsfeier, wenn vermeintlich landestypische Phantasiewesen im Mittelkreis tanzen. Und trottet ein Zebra durch eine MAZ, ahnt der Fan: Es geht im weitesten Sinne um Afrika. 

Das ist der dünne Firnis eines im Kern überall gleichen Geschäftskonzepts, das sich wie ein UFO mitten in ein Land setzt. Wer sich bei einer Weltmeisterschaft ausschließlich in den Stadien bewegt, dürfte alsbald vergessen haben, wo auf der Welt er sich genau befindet. Man nennt das Franchising, eine Distributionspolitik, in der die FIFA viel von McDonald‘s, Starbucks, Ikea oder »Wer wird Millionär?« gelernt hat. Wer also darauf hoffte, dass die Spiele in Südafrika in einem typisch südafrikanischen Ambiente stattfinden würden, hätte genauso gut im Budapester Drive-In original ungarisches Gulasch bestellen können. 

Die FIFA will eine WM perfekt inszenieren – das ist ihre Philosophie. Mit allen Mitteln – auch das ist ihre Philosophie. Sie verdrängt dabei, welch mythologische Kraft das Fehlerhafte entfalten kann. 

Außenreporterin Franzi und die, die hier waren, bevor sie kam

Ganz ähnlich gingen viele der übertragenden Sender mit dem Turnier um. Sie vermittelten in zahllosen Einspielfilmchen ein Bild von Südafrika, das seichter und auswechselbarer kaum sein könnte. In der ARD wurden diese Reiseberichte, die die Zeit zwischen den Spielen überbrücken sollten, von Franziska van Almsick moderiert. Die hieß früher mal »Franzi« und war als schwimmender Frechdachs in Deutschland weltberühmt. Im Sommer 2010 nun jeepte sie aus unerfindlichen Gründen durch Wildtierreservate, sie jeepte in Hüttendörfer, in Townships, sie jeepte zu denen, die in Südafrika wohnen – den Südafrikanern. Dass ihr das Wort »Ureinwohner« nicht über die Lippen kam, muss erstaunen. Denn so schien sie die Arglosen zu sehen, die sie überfallartig besuchte: Das sind die, die hier waren, bevor sie kam.

Fernsehkolonialismus, der, von unseren Gebühren getragen, ein Land und seine sozialen Zusammenhänge bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert. Franziska van Almsick, dieser Dieter Kronzucker der im Sterben liegenden Auslandskorrespondenz, kann, wiewohl ihr jede Fachausbildung fehlt, eines ganz gut: ihre Mimik anpassen. Sie wählte dabei zwischen zwei Stufen. Stufe 1: Mitleidsfalten, wenn jemand sich keinen Plasmabildschirm leisten kann. Stufe 2: Der »Schön, bei euch zu sein«-Blick, wenn die »Menschen«, wie sie sie mit maximaler Einfühlsamkeit nennt, fließend Wasser und einigermaßen gute Laune hatten.

Wurde etwas aber zu komplex (mindestens drei verschiedene Gefühlszustände), reichte das Mienenspiel der Laienreporterin nicht mehr aus. Dann musste Sven Kaulbars ran. Der »Storymacher«, wie die ARD ihn vollmundig nennt, war der Mann fürs ganz große Afrika-Kino. Er hatte sich vorab offenbar intensiv mit Schnittprogrammen befasst und collagierte zügellos angebliche Voodoo-Priester mit Trainingseinheiten in Velmore. Manko: Es war nicht verstehbar, was diese mit sinnentleerten Formeln aus dem Off unterlegten Machwerke sagen wollten. Was man immerhin mitnahm: Sven Kaulbars hatte sein inneres Afrika gefunden. Dazu Glückwunsch.

Kaulbarsens Gebrauchslyrik, Van Almsicks Gehversuche – wer die Weltmeisterschaft daheim am Fernseher verfolgte, dem wurde ein Bild von Afrika präsentiert, das mit Afrika weniger zu tun hat als mit dem Serengeti-Park Hodenhagen. Und wo Afrika sich weigerte, wie Afrika auszusehen, wurde es kurzerhand dazu gemacht. Nageln wir einfach ein Leopardenfell aus dem Möbelmarkt davor, und der Breitner zieht sein Mandela-Hemd an! Waka Waka, es ist schließlich time for Africa. Es hätte aber eben auch Zeit für Asien, Australien, Schleswig-Holstein oder den Mars sein können.

Mit ihren hochmodernen Airbussen wären die teilnehmenden Mannschaften bestimmt auch dorthin gelangt. Sie fliegen ein, sie spielen ihren Stiefel runter, sie fliegen wieder aus. In ihrer sämigen Fußballerexistenz, die nur zwischen Stadion und Hotel oszilliert, merken auch sie kaum noch, wo sie wirklich sind. Die Hotels gehören längst einer Kette an, die Stadien nun also auch. Alles gleich, überall. Und so ähneln auch die Wettbewerbe einander: Champions League, Europa League, die beste zweite Liga aller Zeiten, Europa- und Weltmeisterschaft – was davon ist denn die Krönung, wenn die Marketingkartelle alles zum Superlativ hinauf multiplizieren?

Die WM jedenfalls droht diesen Status zu verlieren – den rasanteren Fußball sah man in der Champions League. Bis zu 60 Saisoneinsätze haben diejenigen in den Knochen, denen der Superstar-Status angedichtet wird, bevor das Turnier überhaupt begonnen hat. Entsprechend überspielt, wenn nicht lustlos zeigten sie sich. Wobei zu bezweifeln ist, ob sie selbst im Vollbesitz ihrer Kräfte in der Lage gewesen wären, den Phantasiefußball zu zelebrieren, den Werbung und YouTube den Fans als aktuellen Leistungsstand dieses Sports suggerieren.

Gleichwohl war es enttäuschend zu sehen, wie sich Kaká und Lionel Messi mit letzter Kraft ins Viertelfinale schleppten. Wayne Rooney und Cristiano Ronaldo hatten sich schon schon eine Runde zuvor verabschiedet. Und Frankreichs Équipe – Raymond ne va plus – schaffte sich gleich komplett selbst ab.

Fallhöhe wie ein Fettwanst, der aus dem Kinderkarussell fliegt

Die spätrömische Dekadenz der vermeintlichen Stars ist durchaus etwas, das in Erinnerung bleiben wird. Dabei starben sie noch nicht einmal in Schönheit, wie etwa die große brasilianische Generation um Zico und Socrates, die 1982 und auch 1986 so lange nicht vom futbol arte lassen konnten, bis sie jeweils schon im Viertelfinale ausgeschieden war. Diesmal jedoch flogen die Superhelden aus dem Turnier wie ein Fettwanst aus dem Kinderkarussell – ohne jegliche Eleganz und ohne echte Fallhöhe.

Genauso weit wie einst Zico und Socrates kam ihr Antipode Dunga 2010 als Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft, mit einer ultradefensiven Taktik, die zunächst zwar kaum zu knacken schien, sich in der Runde der letzen Acht gegen die Niederlande aber als zu halsstarrig erwies. Den Fans der Selecao wird, wenn neben all der Wut und Enttäuschung überhaupt noch Platz ist, Dungas geschmacksverirrte Bohrinseljacke in Erinnerung bleiben, die so wenig nach Copacabana aussah wie der Fußball, den er spielen ließ. Nicht einmal Luís Fabianos Doppelhand-Tor gegen die Elfenbeinküste wollte sich so recht einprägen. Er tat sich wohl selbst keinen Gefallen, als er, um seine Missetat zu legitimieren, das Wort Maradonas von der »Hand Gottes« bemühte. So macht man sich zum Epigonen, erfindet aber keinen neuen Mythos. Das Gleiche tat auch der Uruguayer Luis Suárez, der sich in der letzten Minute der Verlängerung des Viertelfinales gegen Ghana zum Torwart aufschwang. »Jetzt habe ich die Hand Gottes«, frohlockte er, ein Mann, der zitierte, ohne verstanden zu haben.

Oder war das ganze Turnier etwa ein falsches Zitat? Kann es zu diesem Sport, 80 Jahre nach der ersten WM, überhaupt noch neue Sätze geben?

Diego Maradona aber, dem Gott seine Hand tatsächlich lieh, 1986, im Spiel Argentinien-England, kann das inflationäre Auftreten seiner Nachahmer nichts anhaben. Weil ihm offenbar nichts etwas anhaben kann. 2010 überstand er das Aus der von ihm nunmehr als Trainer angeführten Albiceleste. Er würde sich den Arm abhacken, um Weltmeister zu werden, ließ er wissen. Das sollte keine späte Selbstbestrafung für sein Handspiel sein, das war die ganz alltägliche Rhetorik eines mindestens Halbverrückten. Mit 0:4 unterlag er dann im Viertelfinale den furiosen Deutschen, auch weil er es versäumt hatte, eine andere Taktik zu ersinnen, als immer nur Messi dribbeln zu lassen, wie er damals dribbelte. Bis dahin aber war Maradona der einzig wahre Superstar des Turniers, und so wurde er selbst nach der Niederlage zu Hause empfangen: Zehntausende feierten ihn am Flughafen von Buenos Aires. »Diego, bleib!« skandierten sie ohne Unterlass, »Diego, bleib!« Nicht nur, um ihn als Trainer zu behalten, sondern wohl auch aus Angst, dass er sonst sehr tief fallen würde. Und aus Angst vor der Lücke, die er reißen würde: Wer sonst hätte denn das Zeug zur Ikone?

Uruguays Diego Forlán wurde schließlich offiziell zum besten Spieler der WM ernannt. Fünf Treffer hatte er erzielt und sein Team auf einen für dieses Land mit seinen nur drei Millionen Einwohnern sensationellen vierten Platz geführt. Und doch wirkt er recht blass in der Galerie seiner Vorgänger: Oliver Kahn, Zinédine Zidane, Salvatore Schilacci und eben Diego Maradona – Charismatiker, die dieser Tage ihresgleichen suchen.

Paradiesvögel? Rest in Peace!

Nicht einmal Spanien, der neue Weltmeister, brachte einen Typen hervor, von der sich kommende Generationen raunend erzählen werden. Iniesta und Xavi, Fàbregas und Xabi Alonso sind allesamt Männer, die von Kindesbeinen an auf die reibungslose Ausübung ihres Berufs geeicht worden sind, Produkte einer Auslese, die nicht nur körperliche, sondern auch charakterliche Außergewöhnlichkeiten aus dem Spitzenfußball verbannt hat. Krummbeinige Dribbelkönige und spinnerte Paradiesvögel sind für immer ausgestorben.

Wenigstens ihren Roger Milla hatte diese WM: Der Ghanaer Asamoah Gyan ist zwar nicht so alt wie der Opa aus Kamerun anno 1990, aber ähnlich listig – und er tanzte genauso geschmeidig. Der Asamoah-Tanz, eine Mischung aus storchigem Stomp und archaischem Breakdance, erfreute die Massen, bis der Stürmer den Elfer, der aus Luis Suárez‘ Handspiel resultierte, an die Latte nagelte und so dem Publikum auch noch ein Dramolett spendierte.

Echtes Mitleid aber ist nicht gerade ein Phänomen unserer Zeit. Die Kraft reicht gerade einmal zum Voyeurismus. So matt wie mancher Star wirkte auch das Publikum. Ebenfalls gesättigt von einem Überangebot an Fußball, war es mittendrin und doch nicht dabei. Die tieftraurige Geschichte der Nordkoreaner etwa provozierte zumeist nur Belustigung über ein fremdes Land und seine Gepflogenheiten. Nach dem 0:7 gegen Portugal kursierte im Internet ein Foto vom bitterlich weinenden Jong Tae-Se – jemand hatte ihm einen Helm mit Grubenlampe auf den Kopf montiert. Ein schlechter Scherz, denn genau dieses Schicksal drohte ihm und seinen Mannschaftskameraden: Kim Jong Il, der sogenannte »Geliebte Führer«, hat unbestätigten Meldungen zufolge ihren Einsatz im Bergbau veranlasst.

Aber was soll‘s? Mit der gleichen inneren Anteilnahme glotzten Hunderttausende stundenlang auf den Fernseher, als N24 den durch ein Becken dümpelnden Orakel-Kraken Paul zeigte. Es gab Tage, da machte dieses Turnier viele Menschen sehr müde. So ist es mit den so genannten Events, zu denen nicht nur Phil-Collins-Konzerte und der ZDF-Fernsehgarten, sondern eben auch Fußballweltmeisterschaften gehören: Sie inszenieren Gefühle, sie implizieren große Momente, immer erkennbar am Feuerwerk, alles verläuft nach einem Drehbuch. Den Besuchern wurde so sukzessive die Fähigkeit aberzogen, eigene Emotionen zu zeigen. Und wenn sie doch aufzukommen drohten – etwa als Spaniens Kapitän Iker Casillas den Pokal in den Himmel riss und dabei so wirkte, als hätte er genau davon geträumt, als er noch auf dem Bett in seinem Jugendzimmer lag und das Poster seines Vorbilds Luis Arconada hypnotisierte –, drückte irgendein Kaltblüter in der Tonregie auf den Knopf, und Shakira, der singende Popo, ließ keine eigene Regung mehr zu.

Was wird nun bleiben? Für Iker Casillas und seine Landsleute war diese Weltmeisterschaft die Krönung einer Goldenen Generation. Für die Deutschen wird sie eines Tages vielleicht der Beginn von etwas Großem gewesen sein, für die Franzosen, Italiener, Engländer und Brasilianer ist sie eines der schwärzesten Kapitel ihrer Fußballgeschichte. Soweit die Aggregatzustände der großen Nationen, die sich längst aus Südafrika verabschiedet haben.

Der Zirkus ist weitergezogen, hat aber seine Zelte stehenlassen – riesige Stadien, die niemand braucht und die nun dastehen wie die Freiheitsstatue in der Schlussfrequenz des Films »Der Planet der Affen«: Monumente einer untergegangenen und zugleich nie dagewesenen Welt.

Eine Bronzeplatte wie am Aztekenstadion wird dort nie hängen. 1970 wurde zwar nicht besser gespielt als 2010, aber man kann so viele Geschichten erzählen: Beckenbauer mit der Armschlinge, ausgerechnet Schnellinger, selbst darüber, wie mies das Jahrhundertspiel tatsächlich war. »Die Raucher hatten richtig zu kämpfen«, sagt Gianni Rivera. »Es war ein Konzert der rasselnden Lungen.«

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