Was soll man vom WM-Kader halten?

Er hat an der Uhr gedreht

Joachim Löw hat seinen vorläufigen WM-Kader bekannt gegeben. Neben ein paar offensichtlichen Streichkandidaten zeigt die Auflistung aber vor allem, dass der Bundestrainer wenig Mut zum Risiko zeigt.

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Ein bisschen ungenehm war es schon, wie die markige Männerstimme die Namen von Joachim Löws vorläufigen WM-Kader in den Presseraum der DFB-Zentrale in Frankfurt schrie, als stehe der Anheizer vor der vollbesetzen Südtribüne im Dortmunder Westfalenstadion. Doch anstatt – wie vielleicht erhofft – lauthals die Nachnamen der Spieler zurückgebrüllt zu bekommen, verhallte diese Überinszenierung in den fragenden Gesichtern der anwesenden Journalisten. Denn so recht wusste niemand, wie er den 30-Mann-Kader von Löw eigentlich einzuordnen hatte. Gut, dass Mario Gomez, der sich seit nunmehr sieben Monaten mit Verletzungen herumschlägt, nicht in der Liste auftauchte, war zu erwarten. Dass Löw allerdings so außergewöhnlich viele Neulinge in die Manege warf, weniger.

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Doch ein genauer Blick auf den 30-Mann-Kader zeigt auch, dass die Überraschungen Max Meyer, Leon Goretzka, Shkodran Mustafi, Erik Durm, André Hahn und Matthias Ginter – für den der DFB in all der Eile sogar ein Foto für die Videowand vergessen hatte – keinesfalls ernsthafte Kandidaten für das Turnier in Brasilien sein werden. Vielmehr will Löw diesen Spielern, die er ohne Unterlass »Gesichter der Zukunft« nannte, wohl zeigen, wie nah sie dran sind an der Elite des deutschen Fußballs. Sie sollen lernen, was es bedeutet, bei einem Turnier dabei sein zu wollen. Dabei wählte Löw vor allem Spieler aus, die nach einem möglichen Streichen aus der Kaderliste keinesfalls ihren Frust beim nächsten Boulevardjournalisten auslassen, sondern mit glühenden Augen von dem tollen Erlebnis im Trainingslager in Italien berichten werden.

Wenig Mut zum Risiko

Vielmehr zeigt der Kader, dass Löw auch bei diesem Turnier wenig Mut zum Risiko beweisen wird und seinem Sicherheitsprinzip treu bleibt. Seine Stammelf scheint Löw ohnehin mit vereinzelten Ausnahmen bereits seit Jahren zu testen, lediglich das Füllmaterial von der Bank muss nun den Beweis antreten, dass es durchaus in der Lage ist, schwächelnde Platzhirsche ernsthaft herauszufordern.

Dass Löw mit Klose und Volland lediglich zwei nominelle Stürmer in seinen Kader beruft, ist vielleicht die größte Überraschung, nicht zuletzt, weil viele auch Gladbachs formstarken Max Kruse in der Liste erwartet hätten. Volland wird bei diesem Turnier aber ohnehin nur die Rolle des wissbegierigen Beobachters bleiben, denn sollte Miroslav Klose im Trainingslager in Form kommen, wird Löw kaum auf ihn verzichten. Sollte Klose jedoch nicht in Tritt kommen, wird der Bundestrainer lieber auf seine Armada an Supertechnikern aus dem offensiven Mittelfeld bauen und den Stürmertyp »Prellbock« nur für Notfälle einplanen.

Die Torwartfrage

Die Entscheidung für Ron-Robert Zieler als dritten Mann im Tor macht sportlich wenig, im Hinblick auf das Binnenklima im Kader jedoch reichlich Sinn, hat Löw sich mit dem Hannoveraner doch einen Mann ausgesucht, der nicht unbedingt im Verdacht steht, für schlechte Stimmung im WM-Quartier zu sorgen. Bei allem, was über den Machtkampf zwischen Marc-André ter Stegen und Bernd Leno um den Posten im U21-Tor zu vernehmen war, scheint beiden die Rolle des stillen Bankdrückers eher nicht auf den Leib geschneidert.

Löw sucht also mit seinem WM-Kader den Weg des geringsten Widerstands und baut darauf, dass sich seine Spieler in der gemeinsamen Vorbereitung wieder zu jenem Team formieren, das die Fußballwelt vor gar nicht allzu langer Zeit mit Lobhudeleien überschüttet hat. Er will in den verbleibenden fünf Wochen bis zum Turnierstart die Zeit zurückdrehen auf bessere Zeiten. Sollte ihm das gelingen, kann man von dieser Mannschaft beim Turnier in Brasilien das Maximum erwarten.

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