Was sich seit dem CL-Finale 2010 geändert hat

Ruhe auf dem taktischen Verschiebebahnhof

CL-Endspiel 2010: Der FC Bayern lief und schoss und ackerte. Und am Ende stand es 0:2. Heute treffen die beiden Finalisten des letzten Jahres unter anderen Voraussetzungen aufeinander. Christoph Biermann erklärt, welche das sind. Was sich seit dem CL-Finale 2010 geändert hat

Es mag ein schönes Motiv sein, dass der FC Bayern heute bei Inter Mailand zur Revanche für das verlorene Finale der Champions League der vergangenen Saison antritt, aber eigentlich stimmt es nicht. Das liegt vor allem daran, dass die Mannschaft von Inter nicht mehr viel mit der zu tun hat, der die Münchner damals unterlagen. Zwar werden im Vergleich zum Endspiel von Madrid nur drei Interisti nicht dabei sein, Mittelstürmer Diego Milito, Goran Pandev und Innenverteidiger Walter Samuel, doch mit dem Abgang von José Mourinho ist vom Mailänder Fußball des Vorjahres nicht viel übrig geblieben. Der Darth Vader des Trainergeschäft hatte sein Team in eine raffinierte Bande von Spielverderbern verwandelt, doch sein Nachfolger Rafael Benitez, auch nicht eben ein Freund munteren Offensivspektakels, konnte nicht annähernd so viel dunkle Energien entwickeln. Als der Spanier im Dezember entlassen wurde, wagte der Klub sogar den kompletten Stilwechsel und verpflichtete mit dem Brasilianer Leonardo einen ausgewiesen Freund angreifenden Fußballs.

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Quälend war es damals im Estadio Santiago Bernabeu, als die Bayern nach Abpfiff auf die Daten des Endspiels schauten. Sie hatten zu 70 Prozent den Ball gehabt, 21 Torschüsse abgegeben und ihr Gegner nur zwölf. Sie hatten 26 Flanken vor das Tor von Julio Cesar geschlagen, Inter nur sechs, doch in der einzigen Statistik, die wirklich zählt, waren sie unterlegen gewesen: Mit 2:0 Toren gewann Inter das Spiel. Doch heute in San Siro wird es kein Fußballspiel als kulturelle Debatte um Schönheit oder Erfolg, Defensive oder Offensive geben, sondern einfach nur ein hochrangiges Match zwischen zwei großen Mannschaften des europäischen Fußballs.

Ruhe auf dem taktischen Verschiebebahnhof


Denn das sind die Bayern wieder, seit ihre Saison in einer großen Kreisbewegung da angekommen ist, wo sie Ende der vergangenen Saison aufgehört hatte. Zuletzt gegen Hoffenheim oder beim FSV Mainz 05 konnte ihr Ballbesitzfußball endlich das schal Überraschungslose der vorangegangenen Monate abstreifen, weil Arjen Robben und Franck Ribery wieder für Momente der Inspiration sorgen. Außerdem ist nun Ruhe auf dem taktischen Verschiebebahnhof, weil Thomas Müller oder Bastian Schweinsteiger auf die Positionen zurückgekehrt sind, wo sie am stärksten spielen.

Trotz dieser Rückkehr zum Anfang sieht man, dass die Bayern von heute nur aus dem Finale vom 22. Mai des letzten Jahres zu erklären sind. Wenn man die voraussichtliche Mannschaftsaufstellung mit der des damaligen Spiels vergleicht, zeigt sich, dass die Partie in Madrid der Ausgangspunkt für die größten Umbauarbeiten ist, die Louis van Gaal an seiner Mannschaft vorgenommen hat. Gemeint ist damit nicht, dass der damals gesperrte Ribery wieder für Hamit Altintop zum Einsatz kommt und Doch-Torjäger Mario Gomez für den verletzten Ivica Olic.

Alles neu in der Bayern-Defensive

Auffällig ist vielmehr, dass der holländische Trainer seither den defensiven Kern seiner Mannschaft komplett ausgetauscht hat. Die beiden in Madrid wenig überzeugenden Innenverteidiger spielen keine Rolle mehr: Martin Demichelis hat die Bayern im Winter sogar verlassen, während Daniel van Buyten keine Rolle spielt. Auch Mark van Bommel ist nicht mehr in München, und den Torhüter hat van Gaal ebenfalls gewechselt.

Doch ist noch nicht entschieden, ob diese Änderungen den entscheidenden Sprung nach vorne gebracht haben. Thomas Kraft im Tor spielt erklärtermaßen auf Bewährung, die Innenverteidigung mit dem immer noch sehr jungen Holger Badstuber und Anatoli Tymoshchuk kann kaum die der Zukunft sein, weil der Ukrainer eigentlich ein Aushilfsverteidiger ist. Neuzugang Luiz Gustavo sucht zwischen defensivem Mittelfeld und dem Job als Linksverteidiger noch einen festen Arbeitsplatz, während Daniel Pranjic gefühlt stets ein Mann der zweiten Reihe ist.

Louis van Gaal ist ein Trainer, der Spiele über die Offensive gewinnen will, und da ist es eigentlich ganz passend, dass Inter Mailand von heute mit dem Team von vor neun Monaten kaum noch etwas zu tun hat. Elf Gegentore haben die Italiener in den bisherigen Spielen der Champions League zugelassen, José Mourinho würde darüber nur höhnisch lachen.

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