29.06.2012

Was sagen Lothar Matthäus und Mario Basler zum EM-Aus?

»So gewinnst du keine Schlachten«

Ganz Deutschland diskutiert über die Gründe für das deutsche EM-Aus. Was aber sagen die Experten? Lothar Matthäus, Mario Basler, Thomas Berthold, Karl-Heinz Förster und Klaus Augenthaler – wir baten fünf ehemalige Nationalspieler um eine Einschätzung über die Niederlage gegen Italien. Heraus kamen folgende Antworten.

Text:
Protokoll: Christoph Erbelding
Bild:
Imago

Lothar Matthäus

»Andrea Pirlo und Mario Balotelli haben den Unterschied gemacht. Das ist nach vier Siegen in Folge natürlich sehr bitter, aber im entscheidenden Spiel hat uns die Qualität gefehlt. Nicht die spielerische Qualität, sondern die mentale Stärke. Und auf keinen Fall das berühmte Quäntchen Glück - das kann ich nicht mehr hören!

Seit sechs Jahren, also der WM 2006, wird von einer Entwicklung der Nationalmannschaft gesprochen. Doch Deutschland ist eine Fußballernation und muss sich an Titeln messen lassen. Unsere Mannschaft hat Qualität. Aber in den Spielen, in denen man weiß, dass sie den Status eines Endspiels haben, hat sie sich wieder nicht durchsetzen können. Wir haben jetzt zweimal gegen Spanien und zweimal gegen Italien verloren – es kam viermal hart auf hart, und viermal haben wir den Kürzeren gezogen. Man kann diese Spiele ja nicht mit dem Halbfinale von 2008 vergleichen, als wir gegen die Türkei klarer Favorit waren. Sobald wir gegen eine starke Mannschaft antreten, die ein sehr starkes Turnier gespielt hat und viel Qualität besitzt, sind wir bisher immer ausgeschieden.

In unserem Team hatte gestern jeder zu viel mit sich selbst zu tun, als dass er die Spieler hätte mitreißen können. So einer stand auf der anderen Seite: Andrea Pirlo. Und auch in den Spielen gegen Spanien vor zwei, beziehungsweise vier Jahren, haben Spieler wie Xavi und Iniesta den Unterschied ausgemacht. Solche Spieler fehlen uns noch. Der einzige Spieler bei uns, der gestern eine gewisse Körpersprache vermittelt hat, war der Torhüter, doch der ist zu weit weg vom Geschehen.

Immerhin müssen wir uns vor der Zukunft keine Sorgen machen. Wir haben eine tolle Ausbildung von Jugendspielern in den Vereinen, es wird immer Qualität nachkommen, und wir werden immer oben dabei sein.« 

Thomas Berthold

»Diesen Hype, der nach den Siegen gegen Dänemark gegen Griechenland um die deutsche Nationalmannschaft entstanden ist, habe ich ohnehin nie verstanden. Gestern haben wir verdient verloren. Wir haben schwere taktische Fehler gemacht, zudem haben uns der Mut und der Biss gefehlt. Dann kann man auf diesem Niveau nicht bestehen.

Man muss nur auf die Kartenstatistik schauen: Italien 4, Deutschland 0. Haben wir etwa gedacht, wir spielen Italien locker an die Wand? Ich weiß nicht, was für eine Selbstwahrnehmung die Spieler hatten. Da relativiert sich dann so einiges.

Die richtigen Spieler, um Italien zu besiegen, haben gestern leider zu lange auf der Bank gesessen. Ganz ehrlich: Wenn Italien noch ein bisschen abgeklärter spielt, verlieren wir das Spiel mit 0:4. Der Elfmeter war ohnehin nur noch ein Geschenk.

Gegen Italien standen wir viel zu hoch. Das kann man gegen eine Spitzenmannschaft wie Italien nicht machen. Da steht ein Balotelli auf dem Platz, kein Gekas. Nichts gegen Gekas, aber das ist dann doch ein anderes Kaliber. Wenn man 0:1 hinten liegt, muss man aber zumindest mit einem 0:1 in die Pause gehen, um sich wieder zu sammeln. Fatal, dass das nicht geklappt hat.

Diese Gegentore waren auch ein Beleg dafür, dass unsere Verteidiger Mats Hummels und Holger Badstuber nicht so gut sind, wie sie gemacht wurden. Um es kurz zu machen: Wir brauchen bessere Abwehrspieler. Wir haben einen starken Torhüter. Aber das war es dann auch. Dortmund ist in dieser Saison früh in der Champions League ausgeschieden, Bayern hat seit zwei Jahren keinen Titel geholt - da muss man bei der Bewertung dieser Spieler die Kirche auch mal im Dorf lassen. Außerdem haben wir keinen richtigen rechten Außenverteidiger. Lahm wird immer hin- und hergeschoben. Das kann nicht die Lösung sein und ist auch ein Thema, das jetzt dringend bearbeitet werden muss.

Es wird immer schwieriger, einen Turniersieg zu holen. In Brasilien 2014 oder Frankreich 2016 wird es sicherlich nicht einfacher. So langsam erreichen Schweinsteiger und Lahm ihren Zenit.

Klaus Augenthaler

»Was soll man dazu noch groß sagen? Die Euphorie war groß, und das zurecht, denn unsere Mannschaft hat eine große Qualität. Von daher war es auch legitim, im Vorfeld vom Titel zu sprechen. Man darf aber nicht vergessen, dass ein starker Gegner auf dem Platz stand. Es war einfach nicht der Tag der Deutschen, kaum ein Spieler konnte die Leistung abrufen, zu der er eigentlich in der Lage ist. Besonders bitter ist das alles, weil wir bis zum Halbfinale die konstanteste Mannschaft waren. Aber die Mannschaft ist jung, sie wird sich weiterentwickeln und auch zukünftig um Titel mitspielen.«

Karl-Heinz Förster

»Man hatte vor dem Spiel den Eindruck, dass wir Italien ja eigentlich schon geschlagen haben, zumindest haben das einige Aussagen aus den Pressekonferenzen vermittelt. Das hat die Italiener sicherlich zusätzlich motiviert. Letztlich hat Italien verdient gewonnen, weil es cleverer gespielt hat.

Man darf in einem Halbfinale in der ersten Halbzeit keine zwei Tore dieser Art kassieren. Klar kann in einem Spiel immer mal wieder ein Fehler passieren und man liegt plötzlich mit 0:1 zurück. Aber zwei solche Tore dürfen auf diesem Niveau nicht passieren.

Besonders bitter ist das alles, weil – so ehrlich muss man sein – Italien eigentlich keine Topmannschaft hat. Da gibt es vier überragende Spieler, Pirlo und Montolivo im Mittelfeld und vorne Cassano und Balotelli, die ein Spiel entscheiden können. Der Rest hat tapfer gekämpft und verteidigt. Das hat gereicht, obwohl ich immer noch davon überzeugt bin, dass Deutschland eigentlich mehr Qualität besitzt als Italien.

In so einem Spiel muss man allerdings in jeden Zweikampf reingehen, als ob es der letzte wäre. Diesen Eindruck hatte ich nicht bei unseren Spielern. Vielleicht hat man es in Begegnungen vorher auch zu einfach gehabt, gerade im Spiel gegen Griechenland. Die letzte Konsequenz habe ich vermisst.

Natürlich ist es drin, dass wir in den kommenden Jahren einen Titel holen. Die Spieler werden reifer. Allerdings schieben wir diesen Plan seit 2006 munter vor uns her - und jetzt sind wir schon bei 2014 angelangt. Dann steht die WM in Brasilien an - es wäre sicherlich in diesem Jahr leichter gewesen, den Titel zu holen.«

Mario Basler

 
 
 
 
 
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