Was macht einen guten Keeper aus?

Das Raubtier im Kasten

Für unser Schwerpunktthemas „Die deutsche Torwartschule“ sprachen wir im November mit so vielen Keepern, dass wir uns schon selbst wie die letzten Männer fühlten. Aber was macht denn nun einen guten Torwart aus? Hier das Resümee.

Angespornt von der Diskussion um das moderne Torwartspiel und die Nachfolge von Jens Lehmann, musste selbstverständlich auch die 11FREUNDE-Redaktion dem Thema nachgehen. Der Hintergrund für unsere Interviews war die Frage, warum Deutschland immer so gute Keeper hervorgebracht hat. Eine wirklich zufrieden stellende Antwort erhielten wir nicht. Vielleicht, weil man sich hierzulande besser um sie kümmert, mutmaßte Jens Kirschneck in der Titelgeschichte unserer Novemberausgabe. Dabei wollen wir es bewenden lassen. Schließlich bekamen wir auch Antworten auf Fragen, die wir eigentlich gar nicht gestellt hatten. Und so entstand nach und nach ein Profil des „guten Keepers“. Der Versuch einer Zusammenfassung in sechs Akten.

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1. Der Konkurrenzkampf

Der Konkurrenzkampf um den Stammplatz im Tor wird so verbissen geführt, weil er im Normalfall zwischen nur zwei Spielern stattfindet, die um eine einzige Position streiten: ein direktes Duell Mann gegen Mann. Im Idealfall treiben sich die Konkurrenten auf diese Weise gegenseitig zu Höchstleistungen – ein Prinzip, das sich Jürgen Klinsmann vor der WM 2006 zum Nutzen machte, als er die Vergabe aller Stammplätze zu Duellen zuspitzte. Das kann nur funktionieren, wenn sich die Kontrahenten gegenseitig respektieren.

In Gladbach war Uwe Kamps der erste, der den verletzten Stammkeeper Uli Sude am Krankenbett besuchte. Jean-Marie Pfaff und Raimund Aumann schenkten sich im Kampf um das Bayern-Tor nichts, was so weit ging, dass der Belgier seinem Konkurrenten im Training ins Gesicht schlug. „Wir waren beide von Ehrgeiz zerfressen“, erinnert sich Aumann. Dennoch betont er, dass sich beide immer in die Augen blicken konnten.

Wenn der Ersatzmann ambitioniert und unzufrieden ob seiner Rolle ist, kann der Kampf um den Stammplatz also bestimmte Grenzen überschreiten. So lange er dabei seine Unzufriedenheit nur im Training äußert, leidet weder das persönliche Verhältnis der Torleute, noch das Mannschaftsklima darunter. Hans Tilkowski, Deutschlands WM-Torwart von 1966, weist darauf hin, dass die Probleme erst dann akut werden, wenn der Unmut über die eigene Situation in der Öffentlichkeit kundgetan wird – so, wie Jens Lehmann momentan bei Arsenal London vorgeht.

Um diesem Problem aus dem Weg zu gehen, herrscht in den meisten Mannschaften eine klare Hierarchie im Tor. Wie schnell und überraschend diese jedoch obsolet sein kann, erfuhren in der letzten Saison gleich zwei über Jahre hinweg unumstrittene Bundesliga-Torleute. Für beide ein Riesenproblem, sind die Wechsel im Tor zwar seltener als im Feld, aber dafür auch wesentlich dauerhafter. So spürt die Nummer Eins stets den Atem ihres Konkurrenten im Nacken, wissend, dass ein Wechsel auf ihrer Position immer etwas Endgültiges hat.

Deswegen floh Frank Rost nach Hamburg, und darum zog es Jörg Butt nach Portugal. Sie wussten, dass ihr Stammplatz für immer verloren war. Gleiches galt für Teddy de Beer, der dennoch die Entscheidung traf, beim BVB zu bleiben und damit seinen Nachfolger Stefan Klos zu immer besseren Leistungen trieb. Ein solcher Keeper ist ein Glücksfall für einen Verein und viel mehr als nur Ersatz, denn sein unermüdlicher Einsatz im Training entfaltet sich in jedem Spiel in der Leistungsfähigkeit des Konkurrenten.

2. Die nervliche Belastung

Der durch die direkte Konkurrenz schon immense Druck auf die Psyche des Keepers wird durch die besondere Situation im Spiel noch verschärft. Während alle anderen Spieler noch wenigstens eine Absicherung haben, ist der Torwart auf sich selbst angewiesen. Aus diesem Grund ist er ein „auf sich allein gestellter Mannschaftsspieler“, wie Hans Tilkowski sagt.

Es gibt Spiele, in denen der Keeper keinen einzigen Ball aufs Tor bekommt, in denen er nicht einmal aktiv ins Spielgeschehen eingreifen, aber dennoch seine Spannung halten muss. Jederzeit erwartet er hochkonzentriert das Unerwartete. „Die körperliche Anspannung ist viel höher als bei den Feldspielern, die rauf und runter laufen können“, meint Werder-Legende Dieter Burdenski. Dem Keeper fehlt dieses Ventil. Bohrt er deswegen dem Gegenspieler in der Nase, faltet seine Abwehr zusammen oder gebärdet sich auf andere Art und Weise seltsam? Nicht allein.

Es sind auch diese Spiele, in denen er unter Dauerbeschuss steht und seinen Kasten über 90 Minuten sauber hält, nur um in der Nachspielzeit eine Flanke zu unterlaufen. Und dann, so Burdenski, „bist du das Arschloch“. Die Benotung im Kicker bestätigt ihn: Ein Fehler, der zum Gegentor führt, kann aus einer glatten 1 eine 3,5 machen. Der Keeper weiß das. Und er weiß auch, dass ihn jeder Fehler der Bank ein Stück näher bringt. Und das macht ihn nervös. Der Feldspieler hingegen darf sich Fehler erlauben, weil sie nicht sofort ins Gewicht fallen – mit einer Ausnahme.

3. Der Elfmeter

Der Elfmeter ist der Schlüssel zum Verständnis der Psyche eines Torwartes. So seltsam es auch klingt: Für ihn ist es ist die einzige Spielsituation ohne Gefahr, weil nichts Unerwartetes passieren wird. Die gesamte Last liegt auf den Schultern des Schützen: Er muss verwandeln, der Torwart darf halten. Noch nie ist dem Keeper nach einem verwandelten Elfmeter ein Fehler angekreidet worden. Im Gegenteil: Selbst Bodo Illgners Duselparade im WM-Halbfinale 1990 gegen England wurde als Heldentat bejubelt.

Beim Elfmeter drehen sich öffentliche Wahrnehmung und mediale Berichterstattung um 180 Grad – wo während des Spiels jede noch so kleine Unsicherheit genüsslich vor den Augen des geifernden Zuschauers seziert wird, darf hier unreflektiert der Elfmetertöter gefeiert werden. Nicht, dass es der Keeper nicht verdient hätte. Und dennoch kann er einiges falsch machen.

Es ist ein Mythos, dass der Keeper beim Elfmeter passiv ist und nur reagieren kann. Die Einflussmöglichkeiten sind zahlreich: Er kann sich ein kaum merkliches Stück von der Mitte des Tores entfernt aufstellen, um dem Schützen eine bestimmte Seite anzubieten. Er kann ihn durch betont zur Schau gestellte Lässigkeit nervös machen – oder, indem er kurz vor dem Schuss eifrig einen Zettel studiert, den er dann lässig in den Schienbeinschoner steckt.

„Das Elfmetertöten kann man nicht trainieren“, sagt Dieter Burdenski, nur um sich im nächsten Satz selbst zu widersprechen: „Ich kann auf den Spieler achten, seine Fußhaltung kurz vor dem Schuss.“ Ist es keine Sache des Trainings, Schusshaltung, Mimik, und Körpersprache des Schützen lesen zu können? Uli Sude und Hans Tilkowski berichten unisono von einer Spielerkartei in ihrem Kopf. Die meisten Spieler haben Präferenzen, in welche Ecke sie schießen – sind diese bekannt, hat der Keeper einen weiteren Vorteil.

Auch die äußeren Bedingungen können in die Überlegungen mit einbezogen werden Zwar kann sich der Ball heute nicht mehr mit Wasser voll saugen wie zu Tilkowskis Zeiten, doch wird ein nasser Platz den Schützen vielleicht zu einem Flachschuss verleiten. In keiner Spielsituation kann der Keeper so entspannt sein, wie beim Elfmeter. Und das sagt alles über ihn und seine Psyche.

4. Der gute Keeper

Was macht einen guten Torhüter aus? Versucht man die bisherigen Ausführungen in einem Wort zusammen zu fassen, würde es lauten: Geduld. Der gute Keeper wartet auf der Ersatzbank geduldig auf die Gelegenheit zu spielen. Im Wettkampf liest er geduldig das Spiel, um im richtigen Moment einzugreifen. Beim Elfmeter schaut er dem Schützen geduldig in die Augen, denn er hat nichts zu verlieren.

Es ist aber nicht die Geduld eines Stoikers, die den guten Keeper auszeichnet; es ist die Geduld eines Raubtiers: „Du bist die Spinne. Für dich wird das Tor kein verletzlicher Ort sein, der deinen Schutz braucht. Es wird eine Falle sein. Denn du wirst dort jagen.“ So beschreibt der englische Kinder- und Jugendbuchautor Mal Peet in seinem wunderbaren Roman „Keeper“ die Position des letzten Mannes. Eine Hommage an den legendären Lew Jaschin, der respektvoll „schwarze Spinne“ genannt wurde. Nun wird auch klar warum: Nicht etwa, weil es so schien, als habe er so viele Arme, wie eine Spinne Beine, sondern weil ihm die gegnerischen Spieler immer wieder in die Falle gingen.

Uli Sude bestätigt das, wenn er sagt: „Torhüter müssen wie Tiger auf Beutesuche sein.“ Es geht um Antizipation, um das Lesen des Spiels, um das Erkennen von Situationen bevor sie eintreten. Das trennt den guten Keeper vom Durchschnitt. Denn Sprungkraft, Geschmeidigkeit, schnelle Reaktionen und ein technisch sauberes Torwartspiel sind nur die Basis. Um ein Raubtier im Kasten und damit ein großer Keeper zu werden, braucht es hingegen Talent und die Gabe der Geduld.

5. Der moderne Keeper und die Rolle der Medien

Die Einführung der Rückpassregel hat das Torhüterspiel revolutioniert. Der moderne Keeper muss seitdem nicht nur den Kasten sauber halten, sondern gleichsam ein guter Fußballer sein, der die Rückpässe seiner Vorderleute technisch gut verarbeiten und schnelle Gegenangriffe einleiten kann. „Der Torwart ist der erste Aufbauspieler“, könnte man zusammenfassen.

Gesagt hat diesen Satz Sepp Herberger vor bald 50 Jahren. Vielleicht spricht Bundestorwarttrainer Andreas Köpke deswegen nicht vom modernen, sondern vom offensiven Torwartspiel: „Ich habe den Fünfmeterraum beherrscht, Jens Lehmann beherrscht den Sechzehnmeterraum“, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Die Rückpassregel hat dem Torwartspiel nichts Neues gegeben, sie hat ihm lediglich etwas zurückgegeben: Den mitspielenden Keeper nämlich. Auch Jürgen Croy bestätigt, dass er keine neue Erfindung ist: „Er muss antizipieren können, ein Spiel lesen. Früher schon und heute noch viel stärker, wechselt die Rolle zwischen Torhüter und Libero.“

Als Sepp Maier im Jahr 1966 Hans Tilkowski im Tor der deutschen Nationalmannschaft ablöste, beginnt jedoch eine neue Ära: Die Ära des Linienkeepers. Bis dahin war Herbergers Torwartphilosophie für den Keeper maßgebend gewesen. Er sagte: „Ich brauche einen Torhüter für die Mannschaft, nicht für das Publikum.“

Nun war Maier mit Sicherheit einer der stärksten Keeper, die jemals auf einem Fußballplatz standen: nahezu unbezwingbar auf der Linie, bärenstark in Eins-zu-Eins-Situationen. Doch war er auch überragender PR-Mann in eigener Sache, der das Publikum mit seinen Späßen unterhielt und seinen Kasten höchstens verließ, um eine Ente zu fangen - wie in dem launigen Artikel „Immer einen an der Klatsche“ von Christoph Krause zu lesen war.

Sepp Maier war ein Keeper seiner Zeit, die von einem deutlich zunehmenden Medieninteresse geprägt war. Je besser, ausgereifter und präziser die Abbildungsmöglichkeiten wurden, desto spektakulärer konnte der Keeper in Szene gesetzt werden. Die Parade auf der Linie wurde vom Zuschauer verlangt und von der Sportpresse honoriert. Der Keeper musste sie kredenzen, wenn er wahrgenommen werden und Erfolg haben wollte. Und niemand hielt häufiger einen Unhaltbaren als die Katze von Anzing. Aufgrund seiner Klasse und öffentlichen Wirkung war Maier stilprägend für die nachfolgenden Torwartgenerationen. Und so geriet Herbergers Lehre allmählich in Vergessenheit, die da lautete: „Wenn sie eine Parade zeigen müssen, haben sie vorher etwas verpasst.“

Als Torwarttrainer bei Bayern München und der Nationalmannschaft zog sich Maier einen Schützling nach seinem Ebenbild heran: Weniger lustig zwar, aber mit noch größerem Ehrgeiz ausgestattet. Oliver Kahn hat das Torwartspiel trotz seiner eklatanten Schwächen in der Ballbehandlung fast zehn Jahre lang dominiert, und dabei unglaubliche Leistungen gezeigt. Die Zeichen der Zeit hingegen konnte er nicht mehr erkennen – wie die von einem Kometen ausgelöschten Dinosaurier wurden er und sein Mentor durch die Rückpassregel zu Auslaufmodellen der Spielevolution. Der gleichaltrige Jens Lehmann hingegen konnte sich durch sein Engagement in England noch in die neue Zeit hinüberretten.

6. Die neue Torwartgeneration

Die Zuspitzung des Zweikampfes zwischen zwei Torhütergenerationen mit Enke und Hildebrand auf der einen, und Neuer, Adler und Rensing auf der anderen Seite gibt es nicht – wenn man den Aussagen der von uns interviewten Torleute glaubt. Sie gaben deutlich zu verstehen, dass es nicht auf das Alter ankommt, sondern vor allem um konstant gute Leistungen über einen langen Zeitraum hinweg.

Vor diesem Hintergrund hat Michael Rensing gegenüber seinen Konkurrenten um die Nachfolge Jens Lehmanns nicht nur den Nachteil fehlender Spielpraxis. Hinzu kommt das Problem, von einem Trainer ausgebildet worden zu sein, der die Veränderungen im Torwartspiel beharrlich ignoriert hat und aus diesem Grund seinen Posten als Torwarttrainer der Nationalmannschaft verlor. Dennoch steht mit ihm, Manuel Neuer und René Adler nun eine hochtalentierte Generation bereit, die mit der Rückpassregel aufgewachsen ist.

Insbesondere Neuer und Adler scheinen die positiven Eigenschaften beider Torwartphilosophien in sich zu vereinen: Sie zeigen spektakuläre Paraden auf der Linie, lesen aber gleichzeitig das Spiel und entschärfen mit einer für ihr junges Alter erstaunlichen Ruhe und Sachlichkeit brenzlige Situationen bereits in der Entstehung. Gleichzeitig verkörpern sie den von Herberger geforderten Aufbauspieler, indem sie Angriffe der eigenen Mannschaft einleiten und gut am Ball sind. Von Neuer heißt es, er könne als Feldspieler problemlos in der Regionalliga mithalten.

Letztlich wird die Zeit zeigen, ob die jungen Keeper in die großen Fußstapfen eines Turek, Trautmann, Tilkowski, Maier, Schuhmacher oder Kahn treten können. Die Anlagen dazu bringen sie in jedem Fall mit. Lassen sie sich nicht aus der Bahn werfen, wird das Tor der Nationalmannschaft auch in Zukunft einen sicheren Rückhalt haben – und weitere große Duelle hervorbringen.


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