Was ist nochmal der Reiss-Test?

Von wegen elf Freunde...

Von wegen elf Freunde! Profis haben nur den Siegeswillen gemein. Wie findet ein Trainer also heraus, was diese Individualisten wirklich bewegt? Auch der neue HSV-Coach Bert van Marwijk bat seine Spieler nun zum sogenannten Reiss-Test. Der zeigt, worauf jeder einzelne aus ist: auf Ruhm, tollen Sex – oder einfach nur Ruhe.

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Elf Freunde sollt ihr sein. Dieser Sinnspruch hing lange in den Kabinen, vergilbt, aber immer noch gültig. Eine Mannschaft wurde als homogene Gruppe gesehen. »Hört mal alle her!« – Der Trainer sprach das Kollektiv an, packte es bei seiner soldatischen Ehre. Bestenfalls wurden die Spieler nach ihrer taktischen Funktion und ihrem Alter unterschieden. Wer viele Tore macht, darf auch mal was sagen. Wer am längsten dabei ist, wird zum Kapitän ernannt. Fertig war die Laube. Um die Befindlichkeit des Einzelnen scherte man sich wenig.

Erst in den 90er Jahren begannen die Übungsleiter, sich Gedanken zu machen, mit wem sie es genau zu tun hatten. Dieses Interesse lag jedoch weniger in der Nächstenliebe als in der Ökonomie begründet. Längst galt ein Profi als menschliche Ressource. Die Leistungsdiagnostik hatte Einzug gehalten, und weil durch die Feintarierung der Muskeln und Blutkörperchen nun jeder Spieler an seine körperlichen Grenzen stieß, suchte man nach neuen Wegen, um besser zu sein als die Konkurrenz.

»Wir müssen unsere Leistung abrufen«, das war ein Satz, der zur selben Zeit zu grassieren begann. Er ließ durchschimmern: Diese Leistung ist nicht einfach da. Man braucht, wie wenn man seinen Kontostand abruft, einen Schlüssel, um an sie zu gelangen. Diesen vermutete man in bisher unerforschten Pfründen – in der Psyche.

Gewinnen wollen alle – aber warum?


Was man damals allenfalls ahnte, weiß man heute längst: Wie viel Leistung ein Spieler abzurufen vermag, liegt an seiner Motivation – nicht nur an der augenblicklichen, sondern vor allem an der globalen, der Ausübung seines Berufs zugrunde liegenden. Gewinnen wollen alle – doch der Eine spielt groß auf, wenn es gegen den Erzrivalen geht, der Andere denkt an den nächsten Luxusschlitten, ein Dritter sieht sein Konterfei in den Jugendzimmern.

Familie, Status, Macht, Neugier, Rache, körperliche Aktivität, Essen, Ehre – das sind acht von 16 fundamentalen Bedürfnisse, die der Psychologe Prof. Steven Reiss von der Ohio State University empirisch ermittelt hat. Seine Vermutung: Bei einigen Probanden sind sie nicht deckungsgleich zu dem, was sie selbst zu wollen glauben. Mancher ordnet alles dem Beruf unter, weil er sich nach Macht sehnt. Nun hat er sie erlangt, ist aber trotzdem kreuzunglücklich, denn ihm ist nicht bewusst, wie sehr er ein Familienleben vermisst.

Prof. Reiss erkannte diese Divergenz und machte es sich zum Ziel, Wollen und Handeln des Einzelnen zu harmonisieren. Dazu entwickelte er Evaluationsbögen, mit denen die zentralen Lebensmotive eruiert werden können. 128 vorgegebene Aussagen wie »Prestige ist sehr wichtig für mich«, »Ich habe viele Sexfantasien« oder »Ich mag das Gefühl, dass meine Familie mich braucht« müssen darin auf einer Skala von minus 3 (»völlig falsch«) bis plus 3 (»stimmt völlig«) bewertet werden. Die Ergebnisse werden zu einem Persönlichkeitsdiagramm, dem so genannten Reiss-Profil, verdichtet.

Jürgen Klopp war einer der ersten, die diese Methode auf den Fußball übertrugen. In seiner Zeit beim FSV Mainz 05 unternahm er zunächst einen Selbstversuch, und das Ergebnis traf, wie er bemerkte, »zu 98 Prozent Klopp«. Grund genug für ihn, auch die Spieler in den Zweikampf mit sich selbst zu schicken. Dabei kam heraus, dass viele hohen Wert auf die Familie legen. Kloppo ließ also am Bruchweg einen »Kids-Club« einrichten, eine Kinderbetreuung, die es den Spielerfrauen ermöglichte, ihren Männern beim Kicken zuzuschauen. Diese wiederum liefen unter den Augen ihren Partnerinnen zu Höchstform auf. Auch wenn der Effekt dieser Maßnahme sich nicht messen lässt, sie wird ihren Anteil daran gehabt haben, dass der FSV 2004 endlich in die Bundesliga aufstieg.

Und doch scheinen sich Teile der Fußballwelt vor der Sportpsychologie zu fürchten wie vor Teufelswerk. An Peter Boltersdorf, einem Pionier der Reiss-Methode im deutschsprachigen Raum, kristallisierten sich die Ressentiments. Als er auf Schalke Mirko Slomka beriet, nannte die »Bild« ihn den »geheimnisvollen Psycho-Flüsterer«. Er habe Slomka in die Personalpolitik hineingeredet und sei mitverantwortlich für die verpasste Meisterschaft 2007. Die Möglichkeit, dass der Verein ohne Boltersdorfs Beratung schlechter abgeschnitten hätte, kam niemandem in den Sinn.

Es spricht Bände, dass der damalige S04-Manager Rudi Assauer der Schmähkampagne der »Bild« Vorschub leistete, als er unkte: »Ich habe gewarnt, sich ständig von Herrn Boltersdorf beraten zu lassen.« Hier Volkstribun Assauer, dort das Sprachrohr einer Klientel, der Psychologie von Grund auf suspekt ist – eine unheilvolle Allianz. Doch das waren wohl die Rückzugsgefechte der Gestrigen. Ralf Rangnick, seinerzeit Trainer der TSG Hoffenheim und Verfechter moderner Trainingsmethoden, meinte bereits im Jahr 2007: »Es hat ein Umdenken stattgefunden. Es wird hintergründiger berichtet. Einen Beitrag dazu hat Jürgen Klinsmann geleistet, der als Bundestrainer die psychologischen Hilfsmittel offen angewandt und dem Druck der Medien standgehalten hat.« Klinsmann, Rangnick, Klopp, Slomka, Hecking: Eine Garde aufgeschlossener Trainer will wissen, wie sie ihre Spieler gezielt motivieren kann – auch wenn ihre Arbeit dadurch ungleich komplexer wird.

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