23.06.2014

Was hat Brasilien gegen Fred?

Die falsche Neun

Brasilien zürnt seinem Angreifer Fred. Er ziehe die ganze Mannschaft herunter, sagen Experten. Trainer Scolari und die Mitspieler glauben dennoch an ihn.

Text:
Sven Goldmann
Bild:
imago

Der Mann hat Großes geleistet für die Nation. Vielleicht würde Brasilien jetzt im Chaos versinken, in Streiks und Demonstrationen und Volkszorn ohne die Heldentat des Frederico Chaves Guedes, den sie alle nur Fred nennen. Ohne Fred hätte es keinen Auftaktsieg gegen Kroatien gegeben. Keinen Elfmeter, den Neymar zum vorentscheidenden 2:1 verwandelte, als die Kroaten gerade wieder stärker wurden und den Brasilianern nichts mehr einfiel. Dann aber kam Fred, und er tat, was er bei dieser WM bisher am besten kann: Er stolperte. Glücklicherweise im Strafraum, und das war gar nicht so einfach, denn sein Gegenspieler hatte ihn nur minimal berührt, und Fred ist ein Baum von Mann, den so schnell nichts umwirft. Der Schiedsrichter hatte beste Sicht, er entschied dennoch auf Elfmeter und Brasilien blieb das Chaos erspart.

Schauspieler und Scharlatan

Fred ist danach schwer beschimpft worden von der großen weiten Fußball-Welt, als Schauspieler und Scharlatan. Jetzt fällt auch noch die eigene Nation über ihn her. Ein brasilianisches Internetportal veranstaltet gerade eine Umfrage, wer denn der schlechteste brasilianische Stürmer bei dieser WM ist: Diego Costa, der von den Spaniern eingebürgerte und bei jedem Ballkontakt ausgepfiffene Hüne von Atletico Madrid. Oder Fred, über den die brasilianischen Zeitungen spekulieren, er habe es nur in das WM-Aufgebot geschafft, weil der abergläubische Nationaltrainer Luiz-Felipe Scolari möglichst dieselbe Mannschaft aufbieten wollte wie vor einem Jahr beim gewonnenen Confed-Cup.

Brasiliens bisher doch sehr bescheidene Vorstellungen werden in der Öffentlichkeit vor allem an Fred festgemacht. Die Statistik brandmarkt ihn schon als schlechtesten brasilianischen Mittelstürmer bei einer WM seit 1982. Damals hatte zuletzt eine Nummer neun in Gelb-Blau nach zwei Vorrundenspielen noch kein einziges Tor erzielt. Das aber fiel nicht so sehr ins Gewicht, denn die Seleçao hatte Socrates und Zico und Falcao. Der Fred von 1982 hieß Serginho, und er schoss dann immerhin im dritten Spiel ein Tor zum nicht mehr ganz so wichtigen 4:0-Endstand über Neuseeland.

»Ich treffe. Ehrenwort!«

Und Fred? Hat angekündigt, dass er am Montag nachlegen wird, im dritten Vorrundenspiel gegen die bereits ausgeschiedenen Kameruner: »Ehrenwort, in diesem Spiel werde ich treffen.« Nun ist dieses Spiel so unwichtig nicht für die Brasilianer, denn bei einer Niederlage im Estadio Nacional von Brasilia können sie durchaus noch ausscheiden. Er hat gute Erinnerungen an einen dritten Vorrundenspieltag. Beim Confed-Cup im vergangenen Sommer hatte er sich ähnlich unbeholfen durch die ersten beiden Vorrundenspiele gequält. Dann aber kam das dritte gegen Italien. Fred schoss zwei Tore zum 4:2-Sieg, und jetzt war er nicht mehr zu stoppen. Es folgte noch beim 2:1 ein Tor im Halbfinale über Uruguay, beim grandiosen 3:0 im Endspiel über Spanien traf er zweimal und wurde nur deshalb nicht Torschützenkönig des Turniers, weil der ebenfalls fünfmal erfolgreiche Spanier Fernando Torres ein paar Minuten weniger gespielt hatte.

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