Was die deutsche Nationalmannschaft jetzt braucht

Vertrauen wagen!

Trotz des Ausscheidens im EM-Halbfinale gegen Italien gibt es allen Grund zum Optimismus für die deutsche Nationalmannschaft. Unter gewissen Voraussetzungen.

Mehr Vertrauen in die eigene Stärke!
von Sebastian Stier

Eines war gegen Italien überraschend und erschreckend zugleich: wie leicht die deutsche Mannschaft nach dem Rückstand von ihrer Spielphilosophie abkehrte und wie wenig sie in das vertraute, was sie zuvor stark gemacht hatte. Kaum flüssige Kombinationen, viel Stückwerk und lange Bälle. Waren die gewollt? Oder ein Akt der Verzweiflung? Weil der Gegner kein anderes Spiel zuließ? Zu oft versuchte es die deutsche Mannschaft nach dem Rückstand mit hohen Anspielen aus dem Halbfeld. Das Ergebnis war immer gleich: Die groß gewachsenen italienischen Abwehrspieler köpften den Ball meist mühelos aus der Gefahrenzone.

Bis zum Halbfinale hatte das Kombinationsspiel die deutsche Mannschaft ausgezeichnet, an diesem Abend aber fand der Ball auf direktem Weg nur selten die Mitspieler. Sicher, Löws Umstellungen haben nicht dazu beigetragen, das deutsche Spiel im Rhythmus der vergangenen Spiele zu halten, aber eine Abkehr von der gewohnten Spielidee waren sie nicht. Stattdessen verließ die Spieler während der 90 Minuten das Selbstvertrauen. Schon im WM-Halbfinale vor zwei Jahren gegen Spanien kam der deutschen Mannschaft der Glaube an die eigenen Stärken abhanden, als es wichtig wurde. Sie zog sich zurück, agierte passiv.

Nicht an dem zu zweifeln, was das eigene Spiel ausmacht, ist aber wesentlicher Bestandteil einer erfolgreichen Mannschaft. Die Spanier werden gerade für ihr stetes Kurzpassspiel kritisiert. Ihnen fehle ein Plan B, falls es nicht läuft. Bisher ging es immer gut. Spanien bleibt sich treu, bei wichtigen und unwichtigen Spielen. Immer. Zwischen den verlorenen Halbfinalspielen von Kapstadt und Warschau hat Deutschland kein Pflichtspiel verloren, es bestand also kein Grund, vom eigenen Spiel abzurücken. Daran sollten sich die Spieler erinnern. Erst recht, wenn es wieder gegen Italien geht.


Das Team braucht keinen Effenberg!
von Ron Ulrich

»Nett« wird heutzutage sehr oft als »profillos« verstanden. Die deutschen Nationalspieler sind zu nett, um einen Titel zu holen – so denken nun viele Fans nach dem Ausscheiden gegen Italien. Sie meinen, die Mannschaft bestehe aus einer Ansammlung von Vorzeige-Schwiegersöhnen, denen in den entscheidenden Momenten der Biss fehle. Immer wieder werden Rufe laut nach Spielern der Marke Stefan Effenberg. Nach jenen Archetypen des hemdsärmeligen Haudraufs, der mit einer kernigen Ansprache und notfalls per eingesprungener Blutgrätsche den Respekt des Gegners und der Mitspieler gewinnt.

Vergessen wird dabei, dass das deutsche Team bereits Spieler hat, die vorangehen. Sami Khedira zeigte das eindrücklich, Bastian Schweinsteiger hat diese Rolle verinnerlicht, war jedoch aufgrund seiner Verletzungen zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Auch Philipp Lahm führt die Mannschaft intern, mitunter mit strengeren Tönen, als es die geschliffene Außendarstellung vermuten lässt. Andere erfolgreiche Teams haben ein ähnlich ausgewogenes Mannschaftsgefüge. Spieler wie Iniesta oder Pirlo gebärden sich nicht als Alphatiere. Mit Mark van Bommel hat sich gerade der letzte Effenberg verabschiedet, Nachahmer kann man nur noch in der C-Klasse bestaunen.

Die deutsche Elf hat gegen Italien nicht zu ihrem Spiel und zu den richtigen Mitteln gefunden, seit 2010 jedoch begeistert. Ganz ohne (verbale) Blutgrätschen, mit beeindruckender Kreativität statt brachialer Aggressivität. Das war mehr als nur nett anzuschauen.


Solidarität der Schland-Fans!
von Dirk Gieselmann

Es gibt zwei Arten von Fans. Nennen wir sie der Anschaulichkeit halber: Bayern-Fans und Schalke-Fans.

Die einen halten den Sieg für den Normalfall und die Niederlage für den Terror des Schicksals. Für die anderen ist gerade das der Alltag: der ihnen entgleitende Triumph. Sie sind die Sisyphosse des Fußballs, rollen den Stein den Bundesligahügel hinauf und sehen ihn am 34. Spieltag herabrollen.

Zu welcher dieser beiden Arten gehören nun die Schland-Fans? In der relativ kurzen Zeit ihrer Existenz, seit 2006, konnten sie noch keinen Titel feiern. Aber als Misserfolg haben sie das bislang nicht empfunden, Krokodilstränen rannen geschminkte Wangen hinab, schon am Morgen danach stellte sich wieder die Vorfreude ein. Nächstes Mal sollte dieses Mal sein. Daraus wurde nichts.

Nach seinem dritten Turnier ohne Titel ist es Joachim Löw unbedingt zu wünschen, dass unter den Schland- etliche Schalke-Fans sind. Fans, die begreifen, dass Scheitern zum Fußball gehört, dass es Tage gibt, an denen der Gegner einfach besser ist, dass einem diese Tage immer ungelegen kommen – und dass das trotzdem nicht heißt, alles wäre vergeblich gewesen.

Löw selbst weiß das. Er denkt nicht in Titeln, sondern in Prozessen, und die sind mit dem Aus im Halbfinale nicht plötzlich unterbrochen worden. »Sollten wir die EM nicht gewinnen, geht die Welt nicht unter«, sagte er noch vor dem Turnier. »Die Entwicklung der Mannschaft wird nicht zu Ende sein.« Schon im Interview nach dem Italien-Spiel entstand der Eindruck, die Vorbereitung auf die WM 2014 habe begonnen. Der Gedanke an ein Qualifikationsspiel in Kasachstan lässt einen frösteln, doch gerade in dieser freudlosen Phase brauchen Löw und sein Team die Solidarität der Fans. Sie sind es, die sie tragen und motivieren, ihre Geschichte tradieren, der ganzen Veranstaltung den Sinn geben.

Ob das mit einem Titel belohnt wird? Dem Fußball ist es egal, wem er etwas schuldet. Schalke-Fans wissen das.

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