06.06.2012

Was die deutsche Mannschaft seit der WM dazugelernt hat

Verblüffungspotenzial Null

Auf dem Weg zum Europameisterschaft setzt das deutsche Trainerteam um Jogi Löw und Hansi Flick auf feinstoffliche Analysen, nach vorn verlagertes Spiel und sprechende Pässe. Am Ende ihrer akribischen Vorbereitung soll der Titel stehen.

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Ein großer Spaß

Vielleicht sollte man sich für einen Moment die ganze Sache einfach mal als großen Spaß vorstellen. Also die riesengroßen Erwartungen auf den Gewinn der Europameisterschaft beiseite lassen und nur über den Fußball selbst sprechen. Denn tut man das mit Hansi Flick, dem als so leise geltenden Assistenten von Joachim Löw, spürt man sofort, mit wie viel Lust und Vergnügen das Trainerteam der deutschen Nationalmannschaft über das Spiel redet. Womit nicht die Umstände gemeint sind, dabei in einem glamourösen Luxushotel in Madrid seinen Kaffee aus wertvollen Porzellantässchen zu trinken und feines Gebäck zu naschen. Oder immer wieder mit freundlichem Schulterklopfen begrüßt zu werden, weil der ganze Laden voller Menschen ist, die dem großen Match zwischen Real Madrid und dem FC Bayern entgegenfiebern.

Nein, um diesen Glanz geht es nicht, wenn Flick spricht. Auf eine jungenhafte Art wirklich zurückhaltend, benutzt er trotzdem verblüffend oft Begriffe wie »super«, »genial« oder »toll«. Ob er nun von seinem Besuch beim FC Barcelona erzählt, wo zu seiner Überraschung schon Elfjährige taktisch geschult werden, oder von einer intensiven Diskussion beim Training des FC Arsenal, als Arsène Wenger mit seinen Abwehrspielern über die richtige Aufgabenverteilung in der Defensive debattierte, Flick tut das mit unverhohlener Begeisterung. Und wenn er von Arsenals dramatischer, aber letztlich unbelohnter Aufholjagd gegen den AC Mailand in der Champions League erzählt, klingt er wie ein Fan: »Es ist mitreißend und verrückt gewesen. Das war eines der Spiele, bei denen man von den Zuschauern förmlich angesteckt wurde.«

»Der Pass als Kommunikationsform«

Flick reist durch Europa, Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke auch, und Chefscout Urs Siegenthaler zieht sogar rund um die Welt, bis nach Afrika und Südamerika. Sie schauen sich Spiele an, besuchen Klubs, diskutieren mit Trainern und kiebitzen am Rande von Trainingsplätzen. Und wenn sie etwas erleben, was ihre Arbeit inspiriert, lassen sie bei ihren Besprechungen die Gedanken ins Kraut schießen. »Wir schaukeln uns gegenseitig hoch, wenn wir miteinander reden«, sagt Flick. Wenn es um Fußball geht, sind sie Schwärmer, und in solchen rauschenden Gesprächsrunden entstehen so esoterische Ideen wie die vom »Pass als Kommunikationsform«, die Siegenthaler aufgebracht hat.

Das klingt zunächst mal ziemlich überspannt, denn was mag Bastian Schweinsteiger damit sagen wollen, wenn er Thomas Müller den Ball in den Lauf spielt. Doch bei etwas genauerer Betrachtung erweist sich das als ein wirklich schönes Bild. So, wie ein Spieler dem anderen den Ball zupasst, teilt er ihm durchaus etwas mit. Denn es ist natürlich ein himmelweiter Unterschied, ob Schweinsteiger seinen Kollegen mit einem schludrig gespielten Ball in Probleme bringt oder den Rechtsfuß Müller bewusst auf seinem starken Fuß anspielt, und dass er das weder zu scharf macht noch zu schlaff oder zu hoch. Wenn man so will, ist genau das der Unterschied zwischen irgendwelchem gedankenlosen Gerede und einem aufmerksam geführten Gespräch.
Womit wir auch schon dort sind, worum es in diesem Sommer in Polen und der Ukraine gehen wird. »Das Passspiel ist in unserer Trainingsarbeit die Basis«, sagt Flick. Man könnte es sich jetzt leicht machen und sagen: Das deutsche Spiel muss wie ein gutes Gespräch sein. Aber so einfach ist es dann doch nicht, denn von dieser Basis aus verzweigt und verästelt sich die Sache sehr schnell und wird kompliziert. Es ist keine freundliche Plauderei, die da geführt werden soll, sondern eine differenzierte Debatte.

Ein Blick in Flicks Workbook

Deshalb sitzen in Köln auch schon seit Monaten rund 50 Studenten der Deutschen Sporthochschule unter der Leitung von Professor Jürgen Buschmann und Stefan Nopp und sezieren das Spiel der deutschen Mannschaft sowie das ihrer Gegner. Sie sichten Spiele und durchforsten Datenbanken, legen Infomappen an und stellen Videomaterial zusammen. Neu ist das nicht, schon seit 2006 gibt es das »Team Köln«. Die Abläufe sind längst eingespielt, und inzwischen schraubt man die taktischen Konzepte anderer Mannschaften mit sicheren Handgriffen auseinander. Dass Dänemark sein Spiel über die Außenbahnen aufbaut, ist so klar wie die Fünf-Sekunden-Regel, die Spanien vom FC Barcelona übernommen hat. Dass man nämlich in den fünf Sekunden nach Ballverlust sofort nachsetzt und sich erst wieder in die defensive Grundordnung begibt, wenn man den Ball bis dahin nicht erobert hat. Selbst die Winkel, in denen der Titelverteidiger den Ball je nach Situation in die Spitze spielt und daraus wieder auf die nachsetzenden Spieler abprallen lässt, sind weitgehend decodiert.

Doch inzwischen ist die Analyse weiter vorangeschritten, sieben Studenten beschäftigen sich allein mit dem, was sie in Köln »biomechanische Untersuchungsanalysen« nennen. Damit ist die Arbeit quasi im Feinstofflichen angekommen, denn hierbei gerät die einzelne Bewegung der Spieler in den Blick. In anderen Ballsportarten kennt man das schon länger. So hat Dirk Nowitzkis Freund und Förderer Holger Geschwindner die Handstellung bei Würfen im Basketball so genau analysiert, dass die beiden daraus Nowitzkis Spezialwurf entwickelten, bei dem sich der Mann von den Dallas Mavericks in der Luft sozusagen zurücklehnt.

Biomechanische Analysen und die hohe Schule des Fußballs

Im Fußball klingt das noch wie Science-Fiction. Denn lange hat es so ausgesehen wie bei Hansi Flick, als er noch im Trikot des FC Bayern Diego Maradona bewachen musste. Damals bekam er von seinem Trainer ein paar ungefähre Hinweise, wie er sich verhalten müsse. Heute hingegen versuchen die Kölner Studenten aus vielen Stunden Bildmaterial zu destillieren, wie sich Cristiano Ronaldo vom deutschen Vorrundengegner Portugal verhält, wenn er zu einer seiner Übersteigerkaskaden ansetzt. Oder in welcher Spielsituation sein Verteidigerkollege Pepe am ehesten zu verunsichern ist. Denn vielleicht findet sich darin ein Muster, das einem deutschen Spieler hilft, weil man an Pepe vielleicht leichter aus der Drehung vorbeikommt oder Cristiano Ronaldo etwa nach der dritten Finte immer ein kleines Problem bei der Ballmitnahme hat und man ihn genau dann angreifen muss. Wenn man einem Spieler wie Philipp Lahm solche Bilder zeigt, wird er sie nicht vergessen, weil er wie die meisten Fußballspieler ein Imitationslerner ist. Er verfügt über eine extrem gute Bewegungsvorstellung und nimmt Visuelles sofort auf. Deshalb kann man ihn meistens auch nur einmal mit einem Trick verblüffen. Das Demovideo indes soll das gegnerische Verblüffungspotenzial auf null reduzieren.

In Köln bereiten sie das Material zudem so vor, dass es von der Videoeinheit beim DFB um Pressemann Uli Voigt und Cutter Jens Gronheid zu kurzen Filmen zusammengeschnitten werden kann, in denen die deutschen Spieler vor dem Nachmittagstraining am vierten oder 14. Tag sehen können, was von ihnen auf dem Platz erwartet wird. Und natürlich wird für das Training am Tag davor oder danach ein anderer Film vorbereitet. »Dass wir den Spielern auf diese Weise Trainingsinhalte erklären, das kommt sehr gut an«, sagt Flick.

Dazu wird Flick aus seinem 150 Seiten dicken »Workbook«, wie er es nennt, die passenden Übungen herausgesucht haben, die er seit der WM 2010 kontinuierlich weiterentwickelt hat. Dazu berät er sich gerne mit Bernhard Peters, dem Direktor für Sport und Nachwuchsförderung in Hoffenheim, den Flick schon seit Jahren kennt. Anschließend setzt er sich an den Computer und modifiziert die Übungen mithilfe seiner Trainersoftware fürs »Worbook« noch einmal. Schließlich geht es darum, die gewaltige Flut von Informationen und den Überfluss der Ideen so aufzubereiten, dass sie in den Köpfen der Spieler kein wildes Flirren auslösen. Flick muss also das Komplizierte wieder einfach machen und ambitionierte Konzepte in Aktionen zwischen Hütchen übersetzen.
Deshalb wird es in der Vorbereitung zum Turnier zunächst auch darum gehen, an die Grundlagen des eigenen Spiels zu erinnern. »Bei der letzten Weltmeisterschaft stand das Positionsspiel im Fokus«, sagt Flick, »dazu kamen Schwerpunkte wie das Zweikampfverhalten und wie man die Laufbereitschaft automatisieren kann.« Die meisten Spieler und der Kern des Teams sind schließlich schon seit zwei Jahren dabei und wissen um die Aufgaben, die sie auf ihrer Position erledigen müssen. Sie wissen auch, wie sehr das Trainerteam unsaubere Zweikämpfe mit Fouls hasst und dass niemand nach einem Pass stehen bleiben darf.

Ein Pass als lauter Ruf

 
 
 
 
 
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