Was der Sahin-Transfer für den BVB bedeutet

Experimentelle Filzrochaden

Der Wechsel von Nuri Sahin zurück zum BVB kam für viele Beobachter überraschend. Nun stellt sich die Frage, wo der Rückkehrer überhaupt spielen soll. Unser Autor Christoph Biermann meint, dass Nuri Sahin auch ein Signal an die europäische Konkurrenz ist.

Seit Freitag spielen die Fans von Borussia Dortmund mit angestrengt in Falten gelegter Stirn Jürgen Klopp. An den Tresen der Bierstadt werden auf den Bierdeckeln neue Spielsysteme, experimentelle Mannschaftsaufstellungen und sonstige Filzrochaden geprobt, denn irgendwie muss die ganze Sache doch einen Sinn haben. Emotional ist das kein Problem, dass Nuri Sahin wieder da ist. Bewegend hat er klar gemacht, dass es in der großen weiten Welt (Real Madrid, FC Liverpool) zwar funkelnd und aufregend ist, zu Hause (BVB) aber eben doch am schönsten. Klar, so was wollen Fans hören, schon gar im zur Fußballsentimentalität neigenden Ruhrgebiet. Zumal es bei Sahin völlig glaubwürdig ist und er schließlich nicht irgendein Rückkehrer, sondern im Meisterjahr 2011 der beste Spieler der Bundesliga war.

Blöd ist nur, dass beim Gekrakel auf den Bierfilzen, Sahin, Sebastian Kehl, Sven Bender, Ilkay Gündogan und Moritz Leitner eben doch eben zu viele Leute für zwei Positionen im defensiven Mittelfeld sind. »Luxusproblem« raunt auch der »Kicker«, was sich zwar einerseits gut (»Luxus«), aber eben auch verdammt tückisch (»Problem«) anhört.

Keine Eingewöhnungszeit für das System Klopp

Wenn man allerdings nicht nur auf die beiden Positionen vor der Abwehr schaut, ergibt sich ein Bild mit ganz viel Luxus und ziemlich wenig Problem. Denn mit Sahin bekommt Borussia Dortmund einen Spieler zurück, der zwar in den letzten 20 Monaten relativ wenig Spielpraxis hatte, aber nicht die übliche Eingewöhnungszeit ins System Klopp braucht. Gesund ist er auch und angeblich sind seine in der Vergangenheit labilen Knie durch eifriges Zusatztraining sogar noch stabiler als früher. Wichtiger aber ist, dass sich durch den Transfer eine Menge zusätzlicher Optionen ergeben und einige Probleme lösen.

In der Hinrunde fehlten in etlichen Spielen nämlich entweder Sven Bender oder Sebastian Kehl verletzt, teilweise auch beide. Bei Kehls langer Verletzungsgeschichte ist es außerdem immer möglich, dass ihn eine Blessur endgültig zurückwerfen könnte. Außerdem hat sich bei der Borussia eine stille und nicht unbedingt gesunde Abhängigkeit von Ilkay Gündogan ergeben. Von den vier Saisonspielen, in denen er nicht dabei war, gewann der BVB keines und verlor zwei. Mit ihm auf dem Platz gab es nur die kuriose Niederlage gegen Wolfsburg. Und Moritz Leitner ist wegen seiner Jugend noch keine Lösung von Dauer auf der schwierigen Position im Zentrum. Vermutlich wird er also erst einmal umgeschult und nimmt den Umweg über Einsätze auf den Außenbahnen, die auch taktisch nicht so anspruchsvoll sind. Außerdem hat Klopp mit Sahin die Möglichkeit zu größeren Systemwechseln. Eine davon wäre ein 4-1-4-1-System mit Bender oder Kehl als Abräumer vor der Abwehr und dem Duo Gündogan/Sahin davor. Auch ein nachweihnachtliches 4-3-2-1-System, ein Tannenbaum wie ihn Bayer Leverkusen spielt, wäre möglich. Auch dann müsste von den vier Mann aus dem Mittelfeld nur einer auf die Bank rotieren, was angesichts der hohen Belastung sowieso notwendig sein wird. Diese Variante würde sogar über die Saison hinaus noch Spielräume ganz vorne eröffnen, wenn etwa Robert Lewandowski den Klub verlässt und Marco Reus für ihn in die vorderste Spitze geht oder sogar Mario Götze in einer Interpretation der Position, wie sie Lionel Messi gerade vormacht.

Der nächste Schritt

Probleme? 16 von 18 Bundesligatrainern würden sich sofort in einer Warteschlange anstellen, wenn sie die von Jürgen Klopp übernehmen dürften. Nur Jupp Heynckes nicht, der hat die gleichen ja schon lange. Und wenn der BVB langfristig in die Sphären der ganz Großen aufsteigen will, dann muss er sie sich schaffen. Die gefühlig grundierte Rückkehr des verlorenen Sohns ist also nichts anderes als der nächste Schritt der Dortmunder Ambitionen mehr als ein Zaungast des internationalen Spitzenfußballs zu werden.

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