Was das Dortmunder Double für den deutschen Fußball bedeutet

Wendepunkt der Fußballgeschichte

Der BVB kam nach dem historischen 5:2 gegen den FC Bayern gar nicht mehr aus dem Grinsen heraus. Aber was bedeutet dieser Sieg für den deutschen Fußball? Unser Autor Christoph Biermann ging auf der Pokalparty im Berliner E-Werk auf Spurensuche.

Das Schöne an Siegerpartys (und natürlich auch das Schreckliche) ist, dass die Menschen dort so unglaublich glücklich schauen, als seien sie mit Ecstasy zwangsernährt worden. Was natürlich beim Bierverein Borussia Dortmund, dem Doublegewinner von 2012, nicht der Fall war. Nein, im E-Werk in Berlin, wo in den wilden Neunzigern Naomi Campbell mal von einer Klofrau wegen Kokserei an der Haaren vor die Tür geschleift worden war, wurde in der Nacht zum Sonntag gesoffen.

Oder eigentlich nicht mal das so richtig, weil doch sowieso alle so unglaublich glücklich waren, dass jede Form von zusätzlichen Rauschdrogen die dauerhafte Endorphinausschüttung der Feiergemeinde möglicherweise nur gestört hätte. Weshalb sich beim schwarz-gelben Kuschelrave die Besucher vor allem immer wieder in die Arme fielen und gegenseitig gratulierten. Irgendwie war es wie bei einer Geburtstagsparty, auf der alle Geburtstag haben.

Aber vermutlich fällt Borussia Dortmund in diesem Jahr sowieso unters Betäubungsmittelgesetz, was jetzt kein Witz über die Leistung des FC Bayern sein soll, über die gleich noch zu reden sein wird. Das Wort des Abends, an dem der BVB die Bayern mit 5:2 aus dem Stadion geschossen hatte, war »unglaublich«. Jeder Spieler sprach es zunächst mal in jede Kamera und als sie im E-Werk ankamen, hatten sie auch noch richtige »Unglaublich-Gesichter« mit denen sie naturstoned durchs schwarz-gelbe Glücksbärchenland stolperten. Selbst Jürgen Klopp redete erfreulicherweise endlich mal totalen Unsinn, als er behauptete: »Das war die außergewöhnlichste Leistung, die ich je von einer Mannschaft gesehen habe.« Vielleicht war in der letzten Saison, als der FC Barcelona allesallesalles gewann, aber auch sein Fernseher kaputt. Doch letztlich lief diese Borussenbedröhntheit auf die interessante Erkenntnis heraus, dass diese Dortmunder Mannschaft das scheinbar grenzenlose Potenzial hat, sich an sich selbst zu berauschen. Und ihr Publikum gleich mit.

Der BVB ist klinisch perfekt

Besonderen Wumms bekommt die Droge dadurch, dass sie vor allem zum Ende dieser Saison einen Zug entwickelt hat, den englische Sportreporter gerne mit »clinical perfection« beschreiben. Dank dieser klinischen Perfektion zerlegte der BVB den FC Bayern ohne Narkose mit wenigen Skalpellschnitten. Drei Mal machten die Münchner in der ersten Halbzeit Fehler, dreimal schossen die Dortmunder aufs Tor, dreimal klingelte es. Verrückterweise klangen die Bayern nach dem Spiel wie früher ihre Gegner. Ob Lahm, Schweinsteiger oder Robben, alle glaubten irgendwie gar nicht so schlecht gespielt zu haben, nach dem Ausgleichstreffer zum 1:1 auf dem richtigen Weg gewesen zu sein etc. usw. usf. Wie oft eigentlich haben wir schon die Mär von trutzigen Teams gehört, die sich irgendwie unverdient von den Bayern geschlagen fühlten? Sie nun von den Bayern zu hören, war fast schon gruselig.

So hatte man an diesem historischen Abend in Berlin den Eindruck, dass er noch einen verdammt langen Kondensstreifen hinter sich her ziehen könnte. Zunächst einmal wird Jupp Heynckes in den kommenden Tagen seine Traumapatienten fürs Finale der Champions League aufrichten müssen. Das dürfte einerseits leicht sein, weil den Bayern harter Druck von Außen oft genug gut getan hat. Aber das Spiel in Berlin mit seiner Springflut von einfachen Fehlern nährte zugleich Zweifel. Denn wie soll es gegen Chelsea in einer Abwehr funktionieren, in der Holger Badstuber fehlt aber der völlig indisponierte Jerome Boateng den Boss geben muss? Wer wird David Alaba ersetzen? Werden Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger ihre eigene Umschaltbewegung vom Schreiten ins Laufen finden? Und wie viele Patzer hat Manuel Neuer in dieser Saison noch drin?

Ein Wendepunkt in der Geschichte des deutschen Fußballs

Nicht sonderlich erbaut dürfte auch Bundestrainer Jogi Löw zurück in den Süden gesaust sein und nicht nur weil sich Mats Hummels und Bastian Schweinsteiger bedenklich ernsthaft in die Haare gerieten. Nicht so toll ist schließlich die Aussicht des Doppelnachteils, die Bayern-Spieler wegen des Finales der Champions League verspätet und nach zwei Endspielniederlagen und insgesamt drei zweiten Plätzen triple-zerzaust zur Nationalmannschaft zu bekommen.


Natürlich war dieses frostige Kühlschrankfinale auch ganz grundsätzlich ein vorläufiger Wendepunkt in der Geschichte des deutschen Fußballs, denn dieses 5:2 zermalmte alle Relativierungen der Dortmunder Erfolge in diesem Jahr, in dem sie den FC Bayern klar und deutlich überholten wie schon seit Menschengedenken kein Team mehr. Die beste Mannschaft in Deutschland heißt Borussia Dortmund und es wäre inzwischen auch kein Wunder, wenn wir ihr Glücksgrinsen bald auch in Europa häufiger sehen würden.

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