Warum wir Fußball lieben

Magische Fußball-Momente...

In unserer aktuellen Ausgabe erinnern sich neun Autoren an ihren magischen Fußballmoment. Hier blicken wir auf die Sternstunde von Marcel Ketelaer zurück. Doch was ist euer großer Fußballmoment? Schickt uns eure Berichte! Infos im Text! Warum wir Fußball liebenimago
Heft#119 10/2011
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Was hatte sie bloß so ruiniert? Als ich Fan des HSV wurde, Ende der achtziger Jahre, krebste die Mannschaft beständig durch das Niemandsland der Tabelle. Jedes Saisonende fühlte sich an wie der 13. Tabellenplatz. Und selbst, wenn die Mannschaft mal durch einen Zufall im Uefa-Cup gelandet war, wartete dort nicht die große Fußballwelt, nicht der FC Barcelona, nicht der FC Liverpool, nicht mal Sporting Lissabon. Es warteten: Gornik Zabrze, ZSKA Sofia oder Sigma Ölmütz. Zabrze im Volkspark, dazu Regen, dazu grauer Beton, dazu mies gelaunte Menschen, die von der guten alten Zeit erzählten, als Branko Zebec und Ernst Happel den HSV zur größten Mannschaft Europas formten. Was hatte sie bloß so ruiniert?

Doch das Jahr 2000 entschädigte für alles, für all die beschissenen 0:1-Niederlagen vor 5000 Zuschauern gegen Wattenscheid 09, die S-Bahnfahrten vorbei an Industriehallen und Hochhaus-Satellitenschüsseln, für die Nackenpeitschen im Block, die Stahlkappen am Pommes-Stand, für die tristen Neunziger. Zunächst schaffte es der HSV, sich mit großartigem Angriffsfußball für die Champions League zu qualifizieren. Das war durchaus erstaunlich, denn mit Ausnahme von Anthony Yeboah und Rodolfo Cardoso klangen die Namen der Spieler auch weiterhin nach personifizierten 13. Plätzen. Sie hießen etwa Stig Töfting oder Bernd Hollerbach, Ingo Hertzsch oder Andrej Panadic – doch sie machten am 13. September 2000 das größte Spiel ihres Lebens.

Dabei fühlt sich das Spiel zunächst nach einem harten Aufprall im echten, im großen Fußball an. Es läuft die zweite Halbzeit und ich stehe in der Nordkurve und ich beobachte, wie der Turiner Filippo Inzaghi immer wieder durch die HSV-Abwehr hindurchbricht. In der 52. Minute schießt er das 1:3. »Das war's«, nuschelt die ewig miesgelaunte 150-Kilo-Kante neben mir und beginnt zum hundertdreiundachtigsten Mal ein auswendig gelerntes Referat über die Happel-Ära. Normalerweise nicke ich, um mir keinen Ärger einzufangen. Doch dieses Mal: War's das wirklich? Wir verlassen unsere Plätze nicht. Irgendwas ist hier anders. Irgendwas wird hier noch passieren. Es braucht vielleicht eine kreative Idee, einen Pass, eine List, die die alte Dame aus Turin mit all ihren Superhelden, mit Zinedine Zidane, Alessandro del Pierro, Igor Tudor oder Edwin van der Saar an ihrem Superheldenstatus zweifeln lassen würde. Es braucht einen genialen, nein, einen magischen Moment.

In der 64. Minute führt Sergej Barbarez den Ball im Mittelfeld, er spielt ihn weiter nach links, nur ein paar Meter. Dort steht Marcel Ketelaer wie ein 100-Meter-Sprinter, der in seinem Block auf den Startschuss wartet. Er nimmt den Ball nicht an, er schiebt ihn direkt links an seinem Gegenspieler vorbei, während er rechts wie der 84er Carl Lewis überholt. »Bauerntrick« nennt das der Fußballjargon. Ein allzu schnöder Begriff für den vielleicht größten Fußballmoment, den man im Volkspark seit 1983 gesehen hat. Marcel Ketelaer düpiert mit dieser Finte nicht nur seinen Gegenspieler, sondern das gesamte Turiner Star-Ensemble. All die italienische Herrlichkeit stürzt in diesem Moment in sich zusammen. Geleimt von einem 22-Jährigen aus Mönchengladbach, dem Sohn einer Currywurstbudenbesitzerin, einem Jungen, dessen Namen die Turiner nicht mal aussprechen können, einem verdammten Einwechselspieler, der bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison in Hamburg als Fehleinkauf diskutiert wird.

Die beste Flanke seines Lebens

Während Ketelaer zur Eckfahne durchläuft, drängen einige Menschen die Stufen herunter, die 150-Kilo-Kante bekommt einen Ellenbogen in den Rücken, ein halbvoller Bierbecher geht zu Boden, platsch, böse Blicke, überraschte Blicke, offene Münder, Zeigefinger in der Luft, Schweiß in Stirnfalten, klappernde Sitzschalen, Ketelaers Flanke, Ketelaers beste Flanke, Ketelaers beste Flanke seines Lebens.

In diesem Moment sind alle Menschen im Volkspark beisammen. In diesem Moment erinnern sie sich daran, was Fußball ist: Ein Spiel! Alles andere wird in diesem Augenblick nebensächlich, all die Millionentransfers, die hundert Kameras um das Spielfeld, die grinsenden Manager in den VIP-Logen, die riesigen Werbebanden, die funktionierende Profimaschinerie, das ganze große Geschäft. Fußball ist gerade jetzt, in diesem Moment, ein Spiel. Naiv, archaisch, frei. Es fühlt sich an wie im ersten Moment – und doch so perfekt.

Wen interessiert das Ergebnis noch?

Was danach passiert, ist unzählige Male erzählt worden: Mehdi Mahdavikia rutscht in Ketelaers' Ball, 2:3.  Mahdavikia wird im Strafraum gefoult, Hans Jörg Butt verwandelt den Elfmeter, 3:3. Mahdavikia drischt einen Ball vors Tor, Niko Kovac hält den Fuß hin, 4:3. Und in der 89. Minute zupft Sergej Barbarez im Sechzehner am Trikot von Filippo Inzaghi, der auch den Elfmeter verwandelt, 4:4! Vierzuvier! Doch wen interessiert das Ergebnis noch? 

Marcel Ketelaer geht zwei Jahre später zurück nach Mönchengladbach, geschlagen, gescheitert. Es folgt Nürnberg, dann Ahlen, dann Superfund, dann Kärnten, dann Rapid. Heute spielt er beim FC Pasching in der österreichischen Regionalliga.


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