Warum Werders Trainer sakrosankt ist

Sex, Hack and Thomas Schaaf

Über alles wird diskutiert. Politisches, Privates, Interessantes, Uninteressantes. Im Grunde gibt es nur noch zwei Tabus: den Tod und die Entlassung von Thomas Schaaf bei Werder Bremen. Warum ist das so? Best of 2010: Warum Werders Trainer sakrosankt ist

Wir können doch über alles reden. Über jede Schwachheit, jedes Versagen, jede Marotte, jede Obsession. Dem Radio-Sorgenonkel Domian soll jemand gestanden haben, dass er einmal die Woche aus 20 Kilo Hack einen Frauentorso formt und mit diesem koitiert. Domian nahm's gelassen. Erst als der Mann zugab, dass er das Mett hinterher wegschmeiße, verlor der Beichtvater die Fassung: »Das ist doch Verschwendung!«  

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Hack zu entsorgen, ohne ein zweites Mal mit ihm zu schlafen, ruft also mehr Empörung hervor, als überhaupt mit ihm zu schlafen. Wir sind Teilnehmer eines ständigen Dialogs über alles. Kein Frauentausch, keine Privatinsolvenz, keine Penisruptur  – kurzum: Nichts scheint mehr tabu.  

Fast nichts! Zwei Themen werden dann doch geflissentlich ausgespart: Der Tod und die Entlassung von Thomas Schaaf bei Werder Bremen. 

Letzteres verblüfft, mehr noch als das Nichtreden über den Tod. Denn nirgends wird soviel gelabert, spekuliert und herausgehustet wie im Fußballgeschäft. Gerüchte werden so lange kolportiert, bis sie sich bewahrheiten. Wessen Entlassung einmal gefordert wurde, der ist eigentlich schon entlassen. 

»Schaa-haaf raus!« – das singt sich blöd
 
Doch so schlecht Werder auch spielt – der »Coach« bleibt sakrosankt. »Schaa-haaf raus!«, das hört man nicht nur deshalb nicht im Weserstadion, weil es sich so blöd singt, sondern vor allem weil es niemandem in den Kopf kommt.   

Im Gegensatz zu München, Hamburg, Köln oder Berlin gibt es in Bremen keine mächtige Boulevardzeitung, die Vibrationen aus der Kurve potenzieren oder sogar erst hervorrufen würde. Der »Weser-Kurier« und die »Syker Kreiszeitung« fungieren als brave Chronisten des beschaulichen Lebens rund ums Weserstadion.   

Ja, es ist beschaulich. Und das soll es bleiben. Kontinuität ist den Bremern offenbar wichtiger als Erfolg. Beziehungsweise: Sie ist für sie die Basis des Erfolgs.

Je länger, desto erfolgreicher
 
Überall anders lautet das Gesetz: Je erfolgreicher ein Trainer ist, desto länger darf er bleiben. In Bremen ist es andersherum: Schaaf ist nun schon im zwölften Jahr Trainer der ersten Mannschaft, er ist seit 38 Jahren im Verein. Und dass er so lange da ist, wird als Grund dafür angesehen, dass er bislang so erfolgreich gewesen ist, Meister geworden ist und Pokalsieger.  

Schon seit Otto Rehhagel 14 Jahre lang regierte, denkt man dort in Zeitaltern und nicht in Spieltagen. Die Hektik, die nach dem Ende der Ottokratie 1995 ausbrach, als de Mos, Dörner, Sidka und Magath kamen, sahen und gingen, steckt den gemächlichen Hanseaten noch immer in den Knochen. Was dabei rauskommt, wenn man keine Geduld hat, sehen sie überdies beim HSV: Seit Ernst Happel sucht der Erzfeind einen Trainer. Alles andere ist interim.  

Selbst Thomas Schaaf wollten die Hamburger schon mal abwerben. Aber der bleibt in Bremen. Wohl für immer. Vielleicht fordern die Fans ja eines Tages, dass er den Verein beurlaubt. Wir können ja über alles reden.

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