Warum Ultras nicht mit der Presse sprechen wollen

Die bösen Medien, die bösen Fans

Fußballfans lieben Medien und Medien lieben Fußballfans – wenn sie sich nicht gerade hassen. Begleitend zu unserem Ultra-Roundtable in der aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe fragen wir: Wie kam es zu dem gespaltenen Verhältnis?

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Im Januar 2012 fand in Berlin ein Fankongress statt. Auf einer Podiumsdiskussion zum Status quo der Ultra-Kultur nahmen unter anderem ein Journalist, ein Sozialarbeiter und ein Ultra teil. Der Journalist versuchte darzulegen, warum es schwierig sei, ausgewogen und objektiv über Ultras zu berichten. Man bekäme zu selten die Möglichkeit, mit ihren Vertretern über bestimmte Vorfälle zu sprechen und müsse für eigene Berichte daher stets auf Meldungen der Polizei und Nachrichtenagenturen zurückgreifen. Der Ultra rechtfertigte sich, indem er auf die Strukturen der Gruppen verwies: Es sei da schlichtweg unmöglich, eine Presse-Abteilung zu unterhalten, die die Medien zeitnah mit alternativen Informationen versorgt. Schließlich kam der Sozialarbeiter zur Erkenntnis, dass Ultras am besten gar nicht mehr mit den Medien reden sollten. Der Appell klang kontraproduktiv, de facto ist er aber schon lange Realität: Medien sprechen über die bösen Ultras. Ultras sprechen über die bösen Medien. Miteinander sprechen sie selten.

Das »Aktuelle Sportstudio« als konstruktiver Dialog

Dabei begann dieses Jahr mit einem Dialog, den man durchaus als konstruktiv bezeichnen kann. Im Anschluss an den Fankongress diskutierte Michael Steinbrecher im »Aktuellen Sportstudio« mit zwei Ultras, einem Fanforscher, einem Polizisten und DFB-Funktionären in einer angenehm unaufgeladenen Atmosphäre. Am Ende schien man sich einig, dass dieses Gespräch ein guter Anfang gewesen sei. Doch warum hat man nunmehr, sieben Monate nach diesem guten Anfang, das Gefühl, der Graben zwischen Fans und Medien sei sukzessive tiefer ausgehoben worden?
 
Subkulturen legten gegenüber den Medien immer schon eine gewisse Skepsis an den Tag. Doch wussten beide Seiten stets, dass man sich gegenseitig braucht – auch und vor allem im Fußball. Die Fans konnten sich in der Prä-Internet-Zeit über die TV-Bilder ihre Präsenz demonstrieren. Ein Zweizeiler in der überregionalen Presse über den stimmgewaltigen Auswärtsanhang bei einer Partie in Zagreb, Mailand oder Dortmund konnte die Welt bedeuten. Ebenso ein Kameraschwenk in die Kurve bei einem Flutlichtspiel, bengalische Feuer, Konfettiregen, dazu Moderatoren wie Dieter Kürten, die in solchen Zusammenhängen gerne von »südländischer Atmosphäre« sprachen.
 
Auch die Medien brauchten die Fans seit jeher, denn sie gewährten ihnen Eintritt in geheimnisvolle Welten voll unverstehbarer Codes und Symbole. Und natürlich lieferten sie ihnen die stimmungsvollen und authentischen Bilder. Fans waren und sind eine kalkulierbare Größe im Gesamtpaket Stadionbesuch und Berichterstattung.

Der Fan, das unbekannte Wesen

In den achtziger Jahren entstanden etliche Dokumentationen über dieses unbekannte Wesen, den Fan, in all seinen Facetten. Mal über den normalen Anhänger, mal über die Kuttenträger, auch über die Hools oder die Casuals. In England durfte der Filmemacher Ian Stuttard die berüchtigte West-Ham-Gruppe ICF (Inter City Firm) sogar über mehrere Monate auf ihren Feldzügen mit der Kamera begleiten. Es war vielleicht der Ursprung der Hassliebe. Denn einerseits gaben die Mitglieder der ICF nach außen bekannt, dass man die Presse und sämtliche Kanäle aufgrund einer hysterischen Berichterstattung ablehnte. Andererseits ließ man Stuttard gewähren, denn sein Vorhaben streichelte das Ego der Hools und Hardcore-Fans. Schließlich galt er als einer der bekanntesten britischen Dokumentarfilmer.

Auch sonst verfluchte und verteufelte man die Presse an dem einen Tag – hoffte aber zugleich, sie würde ihnen am nächsten wohlgesonnen sein. In einem Buch über die Inter City Firm gibt es einen Abschnitt, in dem sich der Autor, Cass Pennant, über die Schlagzeilen der Tagespresse aufregt. An einem Montag bestimmten da Chelseas »Headhunters« die Titelseiten der »Sun« oder der »Daily Mail«. Seine eigene Hooligan-Firm aber fand nur auf den hinteren Seiten statt, dabei hatten sie am Wochenende besonders eifrig supportet und hart gekämpft. »Wann merken die endlich, dass wir die Besten sind?«, schimpft der Autor.

»Die fehlende PR ist ein großes Problem der Ultras«

Heute brauchen die wenigsten Fan-, Ultra- oder Hooligangruppen die Rückkopplung der Presse. Die große Choreo live auf »Sky« wirkt zwar immer noch imposant, doch nunmehr haben Fans ihre eigenen Medien und Kanäle, Fanzines wie »Blickfang Ultra« und das unerschöpfliche Internet mit Portalen wie ultras.ws, die zwar in der Szene als umstritten gelten, doch in ihren Foren Abermillionen Links zu Bildern und Filmen aus der Kurve liefern. Dazu gibt es epische und mitunter professionell produzierte Videodokumentationen und riesige Merchandise-Shops, in dem man sich alles Erdenkliche zum Thema bestellen kann. Die Ultra-Kultur ist heute nicht mehr das ganz große Geheimnis, und die Zeiten, in denen man hoffte, der große Medienapparat könne mit einem kleinen Zweizeiler zum Multiplikator der eigenen Macht werden, sind lange vorbei.
 
Zumal sich mit denn Jahren die Fronten stetig verhärteten. Zurecht fragte man sich häufig, warum Ultra-Gruppen nach Geschehnissen wie dem Angriff auf einen Gladbacher Fanbus oder Platzstürmen in Frankfurt keine Stellungnahmen oder erklärende Interviews folgen ließen. Schließlich gibt es sonst zu jeder Splitter-Initiative seitenlange PR-Texte und Manifeste. »Die fehlende PR ist ein großes Problem der Ultras«, sagte Fabian Beyer von der Gruppe »Meenzer Metzger« jüngst im großen Ultra-Roundtable im 11FREUNDE Bundesliga-Sonderheft. »Dabei haben wir in der Szene genügend Leute, die die Anliegen vernünftig kommunizeren können.«

Philipp Markhardt, Mitglied bei der HSV-Ultra-Gruppe »Chosen Few«, sagte darauf: »Ein gebranntes Kind scheut das Feuer.« Es fehle aber oftmals die Medienerfahrung. Zudem bestünde große Angst davor, in der Öffentlichkeit falsch dargestellt zu werden. Das Problem ist tatsächlich existent. Erinnert sei nur an einen normalen Nürnberger Fan, aus dem im vergangenen Jahr eine Nachrichtenagentur einen »Hooligan« machte. Dass dieser angebliche Hooligan danach Probleme im Job bekam, verschwand im Medienrauschen.

So entsteht ein diffuses Gesamtbild der modernen Ultra-Gruppen: Sie sind zwar hierarchisch und einigermaßen professionell strukturiert, und doch sind sie nach Geschehnissen wie Platzstürmen oder illegalen Pyroaktionen weit entfernt von Organisationen, die für jede Anfrage den richtigen Ansprechpartner haben. Hier wird selbst eine Interviewanfrage in wöchentlichen basisdemokratischen Plenen diskutiert. Manchmal verstreichen so Wochen, bevor man sich schließlich einig darüber wird, lieber nichts zu bestimmten Vorfällen zu sagen. Doch da ist die Medienmaschine schon voll in Fahrt – oder bei einem anderen Thema.

Die Öffentlichkeit kann kaum einen differenzierten Blick erlangen

Die Öffentlichkeit kann folglich kaum einen differenzierten Blick erlangen, denn es werden zu selten Dinge richtig gestellt oder schlichtweg erklärt. Nach einer »Hart, aber fair«-Sendung im Mai, in der über Ultras und Pyrotechnik im Stadion diskutiert wurde, schrieb »Spiegel Online« etwa: »Man darf davon ausgehen, dass die Redaktion auch Ultra-Vertreter angefragt hat. Man darf davon ausgehen, dass von denen keiner mit der bösen Presse reden wollte. Es liegt eben auch an den Hardcore-Fans, wenn mehr über sie als mit ihnen geredet wird.«
 
Tatsächlich hatte man Ultra-Vertreter angefragt, Philipp Markhardt zum Beispiel. Doch er hatte abgelehnt. Auch aus Sorge, seinen Standpunkt in einer solch aufgeheizten Atmosphäre nicht richtig darlegen zu können. In jener Sendung war man dann tatsächlich meilenweit von dem entfernt, was im Januar 2012 im Sportstudio einen guten Anfang genommen hatte. Oliver Pocher diskutierte hier mit Reinhard Rauball. Und Johannes B. Kerner entflammte eine Jacke, um zu zeigen, wie gefährlich Pyrotechnik sei. Tags drauf bezeichnete Sandra Maischberger in ihrer Talkshow die Ultras als »Taliban der Fans« und ihre Gäste Mareike Amado (bekannt aus der »Mini Playback Show«) und Bernd Stelter (bekannt als Karnevalist) diskutierten über Gewalt im Fußball. Natürlich: Die Ultras hatten wieder eine Chance vertan, aktiver Teil des Diskurses zu werden. Die Medien hatten indes die Chance vertan, den Diskurs überhaupt zu einem solchen zu machen.
 
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Für 11FREUNDE #129 haben wir Ultras aus Mainz, Kaiserslautern und Hamburg an einen Tisch geholt und mit ihnen über Pyrotechnik, Taliban-Vergleiche und Gewalt in der Kurve gesprochen. Jetzt am Kiosk!

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