Warum ukrainische Ultras gegen die EM opponieren

Feuer über Kiew

Nicht nur die Femen-Frauen wettern gegen die EM, auch Ultras und Fans von Dynamo Kiew. Sie prangern die Korruptheit und Scheinheiligkeit der Machthaber an – und haben Logos mit dem Slogan »Fuck Euro 2012« entworfen.

Vor einigen Tagen rief Igor Surkis an. Der Präsident von Dynamo Kiew klang aufgeregt, völlig durch den Wind. Er bestellte Ievgen Shchelkunov in sein Büro, und Ievgen ahnte, dass er ein Problem bekommt. Als er vor Surkis saß, hielt dieser ihm einen Brief unter die Nase, Absender war die Regierungsverwaltung. In dem Schreiben stand, dass Ievgen Anführer einer Anti-EM-Initiative sei. »Was soll das?!«, schrie Surkis.

Der junge Fan sitzt auf einem Sofa in einem kleinen Club, ein privater Treffpunkt einiger Dynamo-Kiew-Anhänger, ein Aufenthaltsraum im Souterrain, Sessel, Beamer, zwei Tische, eine Spanien-Flagge vor dem Fenster, hinter dem Tresen eine der Ukraine, ein Mann, Typ »Der Dude«, hängt in der Couch. Er trägt ein Schweden-Trikot. Zwei weitere Männer bereiten Essen in der Küche vor. Es riecht nach Fleisch.

Ievgen hat sich auf seine Wade das Wappen von Dynamo Kiew stechen lassen. Er ist Fan, Ultra, aber kein Nazi, bemerkt er sofort. Das muss man hier in der Ukraine dieser Tage laut sagen, denn gerade die Ultraszene von Dynamo ist in der Spitze stramm rechts. Ievgen kann damit nichts anfangen, er provoziert sogar mit linken Symbolen auf seiner Haut. Er ist seit einiger Zeit eine Art Bindeglied zwischen Klubführung und Fans, und er spricht gerne darüber, wie er mit dem großen Mann, mit Igor Surkis, telefoniert.

Ein Schlagring statt Blumen

»Es stimmt«, sagt Ievgen. Er habe mit anderen Fans und Ultras Banner und Aufkleber entworfen, auf denen das EM-Logo entfremdet wurde. Statt Blumen prangen dort nun ein Schlagring und ein Polizeihelm, auf dem die Zahl 1984 zu lesen ist. Ein Verweis auf George Orwells gleichnamige Dystopie über einen totalitären Überwachungsstaat. Es war abzusehen, dass Igor Surkis darüber alles andere als erfreut sein würde. »Die Verwaltung sagt, wir sollen das sofort stoppen«, polterte Surkis später noch einmal am Telefon. Und dann gab er Ievgen eine Warnung mit auf den Weg: Sollte dieses Logo in Form eines Aufklebers, Graffito oder Banners während der EM öffentlich zu sehen sein, wird er Probleme bekommen. Dabei sei es ganz egal, ob Ievgen der Urheber sei oder einer seiner Freunde.

Ievgen ist gegen die EM, weil er findet, das harmonische Bild der Ukraine sei konstruiert worden. Vor allem weil im Herbst Wahlen sind. Eine erfolgreiche EM ohne Widerworte würde das momentane System stützen. »Die Machthaber sind alle korrupt«, sagt Ievgen. »Und die Polizei ist nicht so nett, wie sie jetzt tut.«

Stumm am Telefon, Big Brother lauscht

Ievgen ist sich sicher, dass er und seine Freunde in den vergangenen Monaten abgehört und überwacht wurden. Anders kann er es sich nicht erklären, dass auf dem Schreiben der Regierungsverwaltung seine neue Adresse auftaucht. Er war schließlich noch unter seiner alten gemeldet. Seitdem bespricht er nichts mehr am Telefon.

Vor der EM erschien eine Dokumentation mit dem Titel »The Last Argument«. Sie ist ähnlich reißerisch wie die BBC-Dokumentation »Stadiums of hate« – nur, dass hier die andere Seite dargestellt wird. Es geht um Kommerzialisierung, Patriotismus und um Fans als Opfer von Polizeiwillkür. Tatsächlich sind die Bilder erschreckend. Man sieht etwa, wie Einsatzkommandos so lange auf Jugendliche einschlagen, bis sich diese nicht mehr bewegen. In einer Szene schlägt ein Polizist mit seinem Knüppel einem Mädchen mit Wucht auf den Hinterkopf. Der Kiewer Polizeichef kommentiert die Szene lachend: »Ich denke, er hat ihr ein bisschen auf den Rücken geschlagen.«

Gegen Repression, gegen Oligarchen - gegen alles?

Ievgen ist gegen den modernen Fußball, gegen die Repression, gegen die Kommerzialisierung des Sports, gegen die milliardenschweren Oligarchen, die die ukrainische Premier Liga zu einem Zweiklassensystem gemacht haben. Oben: Schachtar Donezk, Dynamo Kiew und Metalist Charkiw. Dahinter: Der Rest. Viele Fans behaupten: Fußball in der Ukraine ist nichts als Geschäft. Ievgen sagt: »Die Donezker sind schuld an dieser Situation.« Die Donezeker – das ist die Clique um Rinat Achmetow, den reichsten Mann in der Ukraine.

Die EM verfolgt Ievgen trotzdem. Heute findet das erste Viertelfinale statt, Tschechien spielt gegen Portugal, und Ievgen diskutiert mit seinen Freunden den Einsatz von Torkameras. Die Ukraine ist draußen, nun ist er für Tschechien, er mag Ronaldo nicht. Die Spiele der ukrainischen Nationalmannschaft hat er alle im Stadion gesehen.

Konstruiertes Dagegensein

Wie auch Igor. Der schaut hier im Club das Spiel mit seiner Frau. Er ist ebenfalls Dynamo-Fan, und berichtet vom Ausflug nach Donezk vor einigen Tagen und spricht über den Schiedsrichterfehler. »Eine unglückliche Entscheidung, doch wir hatten Spaß.« Ievgen war auch dabei. Er mag Reisen. 2006 war er zur WM in Deutschland. »Damals war es eine große Party«, sagt er. Ist es nun Zwang für ihn? »Es interessiert mich nicht mehr so sehr.« Es klingt ebenfalls ein wenig konstruiert – eine Gegenhaltung, weil sie zum Ultra-Kodex gehört.

Ievgen weiß nicht genau, warum die Regierungsverwaltung ihn als Wortführer der Anti-Initiative ausgemacht hat. Er weiß nur, dass es so ist. Er vermutet eine Verkettung von Ereignissen der vergangenen Jahre. Da gab es etwa dieses eine Spiel gegen Karpaty Lwiw, bei dem Dynamo-Fans das Staatsoberhaupt Viktor Janukowitch beschimpft hatten. Die Schlachtrufe hallten durchs Stadion und über die Fernsehgeräte ins ganze Land. Ein Riesenskandal. Auch damals wurde Ievgen von Surkis vorgeladen. Und der wurde rot, haute auf den Tisch und verzog den Mund. »So«, sagt Ievgen, und schneidet eine Grimasse.

Pyrotechnik auf dem Dach

Eine andere Sache verbreitete sich beinahe genauso schnell, dieses Mal via Internet. Es trug sich vor etwa zwei Jahren zu. Dynamo spielte im Stadtderby bei FK Obolon Kiew. Das dortige Stadion fasst 5000 Zuschauer, es ist umgeben von zwölfstöckigen Plattenbauten, von deren Dächern man ins Stadion schauen kann.

Ievgen und seine Freunde hatten die Lage wenige Wochen zuvor bei einem Spiel zwischen Obolon und Schachtar Donezk auskundschaftet. Sie entwarfen den Plan, auf den umliegenden Dächern Pyrotechnik zu zünden. Also ließen sie sich die Schlüssel für die Dächer nachmachen. Nach dem Spiel gingen sie wieder hinab – mit Bademantel, Hausschuhen und Müllsäcken, so dass sie aussahen wie gewöhnliche Hausbewohner.

Eine Fackel, sechs Operationen

Der Coup allerdings war ein Drachenflug über das Feld. Die Piloten sollten während des Fluges Pyrofackel zünden und dabei die Fahne »Pyro: The Last Argument« halten. Sie starteten von einer Wiese hinter den Bauten. Die Drachenflieger waren mit Motoren und Lenkrädern versehen. Ievgen hatte so etwas noch nie zuvor gemacht, er ließ sich also kurz in die Maschine einweisen. Sein Kollege, der den zweiten Flieger steuerte, streifte sich Handschuhe über. Und dann ging alles schief: Die Synthetik der Handschuhe fing Feuer und Ievgens Fackel wurde zu heiß. Er konnte den Pyrostab allerdings nicht loslassen, weil er direkt auf dem Spielfeld oder im Block der eigenen Fans gelandet wäre. Ievgen trägt noch heute Narben. Den Kollegen traf es noch schlimmer, er musste direkt danach ins Krankenhaus, seitdem wurde er sechsmal operiert.

Die Szene ist auch in »The Last Argument« zu sehen. Dann ein Schnitt, Ievgen sitzt in einer Talkshow und erklärt der ukrainischen Öffentlichkeit, warum er gegen die EM ist. »Wissen Sie was«, sagt er dem Moderator. »Der Umbau des Kiewer Olympiastadions hat 500 Millionen Dollar gekostet. Der Neubau eines Stadions in Portugal kostete gerade mal 100 Millionen. Wie ist das möglich? Was passiert mit dem Geld?«

Geisel der Politik

Ja, vielleicht wurde er wegen diesen Aktionen und dieser Präsenz als Wortführer ausgemacht. Nun hat er ein Problem. Den Ultras hat er davon noch nicht erzählt. »Ich will keine Geisel der Politiker sein«, sagt er, und klingt genau so: Wie ein Politiker. Dann lehnt er sich zurück ins Sofa. Ronaldo hat gerade das 1:0 gegen Tschechien erzielt. Als das Spiel abgepfiffen wird, ist Ievgen eingeschlafen.

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