23.06.2012

Warum ukrainische Ultras gegen die EM opponieren

Feuer über Kiew

Nicht nur die Femen-Frauen wettern gegen die EM, auch Ultras und Fans von Dynamo Kiew. Sie prangern die Korruptheit und Scheinheiligkeit der Machthaber an – und haben Logos mit dem Slogan »Fuck Euro 2012« entworfen.

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Vor einigen Tagen rief Igor Surkis an. Der Präsident von Dynamo Kiew klang aufgeregt, völlig durch den Wind. Er bestellte Ievgen Shchelkunov in sein Büro, und Ievgen ahnte, dass er ein Problem bekommt. Als er vor Surkis saß, hielt dieser ihm einen Brief unter die Nase, Absender war die Regierungsverwaltung. In dem Schreiben stand, dass Ievgen Anführer einer Anti-EM-Initiative sei. »Was soll das?!«, schrie Surkis.

Der junge Fan sitzt auf einem Sofa in einem kleinen Club, ein privater Treffpunkt einiger Dynamo-Kiew-Anhänger, ein Aufenthaltsraum im Souterrain, Sessel, Beamer, zwei Tische, eine Spanien-Flagge vor dem Fenster, hinter dem Tresen eine der Ukraine, ein Mann, Typ »Der Dude«, hängt in der Couch. Er trägt ein Schweden-Trikot. Zwei weitere Männer bereiten Essen in der Küche vor. Es riecht nach Fleisch.

Ievgen hat sich auf seine Wade das Wappen von Dynamo Kiew stechen lassen. Er ist Fan, Ultra, aber kein Nazi, bemerkt er sofort. Das muss man hier in der Ukraine dieser Tage laut sagen, denn gerade die Ultraszene von Dynamo ist in der Spitze stramm rechts. Ievgen kann damit nichts anfangen, er provoziert sogar mit linken Symbolen auf seiner Haut. Er ist seit einiger Zeit eine Art Bindeglied zwischen Klubführung und Fans, und er spricht gerne darüber, wie er mit dem großen Mann, mit Igor Surkis, telefoniert.

Ein Schlagring statt Blumen

»Es stimmt«, sagt Ievgen. Er habe mit anderen Fans und Ultras Banner und Aufkleber entworfen, auf denen das EM-Logo entfremdet wurde. Statt Blumen prangen dort nun ein Schlagring und ein Polizeihelm, auf dem die Zahl 1984 zu lesen ist. Ein Verweis auf George Orwells gleichnamige Dystopie über einen totalitären Überwachungsstaat. Es war abzusehen, dass Igor Surkis darüber alles andere als erfreut sein würde. »Die Verwaltung sagt, wir sollen das sofort stoppen«, polterte Surkis später noch einmal am Telefon. Und dann gab er Ievgen eine Warnung mit auf den Weg: Sollte dieses Logo in Form eines Aufklebers, Graffito oder Banners während der EM öffentlich zu sehen sein, wird er Probleme bekommen. Dabei sei es ganz egal, ob Ievgen der Urheber sei oder einer seiner Freunde.

Ievgen ist gegen die EM, weil er findet, das harmonische Bild der Ukraine sei konstruiert worden. Vor allem weil im Herbst Wahlen sind. Eine erfolgreiche EM ohne Widerworte würde das momentane System stützen. »Die Machthaber sind alle korrupt«, sagt Ievgen. »Und die Polizei ist nicht so nett, wie sie jetzt tut.«

Stumm am Telefon, Big Brother lauscht

Ievgen ist sich sicher, dass er und seine Freunde in den vergangenen Monaten abgehört und überwacht wurden. Anders kann er es sich nicht erklären, dass auf dem Schreiben der Regierungsverwaltung seine neue Adresse auftaucht. Er war schließlich noch unter seiner alten gemeldet. Seitdem bespricht er nichts mehr am Telefon.

Vor der EM erschien eine Dokumentation mit dem Titel »The Last Argument«. Sie ist ähnlich reißerisch wie die BBC-Dokumentation »Stadiums of hate« – nur, dass hier die andere Seite dargestellt wird. Es geht um Kommerzialisierung, Patriotismus und um Fans als Opfer von Polizeiwillkür. Tatsächlich sind die Bilder erschreckend. Man sieht etwa, wie Einsatzkommandos so lange auf Jugendliche einschlagen, bis sich diese nicht mehr bewegen. In einer Szene schlägt ein Polizist mit seinem Knüppel einem Mädchen mit Wucht auf den Hinterkopf. Der Kiewer Polizeichef kommentiert die Szene lachend: »Ich denke, er hat ihr ein bisschen auf den Rücken geschlagen.«

Gegen Repression, gegen Oligarchen - gegen alles?

 
 
 
 
 
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