Warum schreibt man nach Hornby noch über Fußball?

Entscheidend is’ auf’m Papier

Fußballbücher sind langweilig, heißt es. Aber stimmt das nach Nick Hornby überhaupt noch? Warum Hornby das Schreiben über Fußball gleichermaßen salonfähig wie unmöglich gemacht hat.

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Vielleicht waren es ja wirklich die Eiswürfel in Rautenform. Jannik Sorgatz hat sie am 10. April 2011 aus seinem Eisschrank geholt und zu Hause auf die Fensterbank gestellt. Zu diesem Zeitpunkt ist Borussia Mönchengladbach abgeschlagener Tabellenletzter der Fußball-Bundesliga, am Nachmittag steht das rheinische Derby gegen den 1. FC Köln an, und das ist nun wohl wirklich die allerletzte Chance, mit einem Sieg noch einmal ein wenig Hoffnung im Kampf gegen den Abstieg zu schöpfen. Als Sorgatz am Abend nach Hause zurückkehrt, hat Gladbach 5:1 gewonnen, und von den Eiswürfeln in Rautenform ist nur eine Pfütze übrig geblieben. Fortan, in den sechs Wochen bis zur Rettung in der Relegation, wird Sorgatz den Wasserstand in der Eiswürfelform mit einer Pipette immer auf demselben Pegel halten.

»Was man nicht alles tut, um dem Vorwurf zu entgehen, nicht alles versucht zu haben. Aber ich habe schon für grüne Ampeln gebetet und mir absichtlich Senf aufs Trikot geschmiert.«

»Fußballbücher sind langweilig«

»So weit die Raute trägt. Als Gladbach wieder auferstand«, heißt das Buch, in dem Jannik Sorgatz solche Geschichten erzählt und Gladbachs wahnwitzige Saison 2010/11 noch einmal Spieltag für Spieltag Revue passieren lässt, egal ob er mit seiner Dauerkarte im Borussia-Park saß, im Sonderzug zum Auswärtsspiel unterwegs war oder während eines Uni-Seminars per SMS über den Ausgang des Spiels informiert wurde. »So weit die Raute trägt«, im Selbstverlag erschienen und bisher rund 3000-mal verkauft, ist eine Mischung aus Erlebnisbericht und Seelenstriptease; es ist entschieden subjektiv, sprachgewaltig, witzig und deprimierend, anrührend und aufwühlend – und sticht damit deutlich heraus aus der Masse an Betroffenheitsprosa von Fußballfans, von Allesfahrern und Groundhoppern, Ultras und Hooligans. »Gänsehautfeeling in Druckerschwärze konvertiert«, hat einer von siebzehn Rezensenten bei Amazon über das Debüt des Journalistik-Studenten Sorgatz geschrieben. Nur einer von siebzehn hat das Werk verrissen: »Fußballbücher sind langweilig.«

Fußballbücher sind langweilig. Das ist ein Satz von scheinbar ewiger Gültigkeit wie: »Mallorca hat auch schöne Ecken« oder »Im Europapokal halte ich immer zu den deutschen Mannschaften.« Der Fußball, so heißt es, tauge nicht als literarische Vorlage – weil nichts so packend ist wie das Spiel selbst. Aber stimmt das überhaupt noch? Natürlich gibt es langweilige Fußballbücher en masse, es gibt viele schlechte Fußballbücher, aber es gibt eben auch gute, ein paar wenige sehr gute. Und es gibt Nick Hornby.

»Ich verliebte mich in Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: unvermittelt, unbegreiflich, unkritisch, ohne einen Gedanken an den Schmerz oder den Schaden, den er mir zufügen würde.« Fast jeder kennt den eigentlichen ersten Satz aus »Fever Pitch«, aus Hornbys »Geschichte eines Fans«. Vor 17 Jahren ist das Buch in Deutschland zum ersten Mal erschienen, und ich erinnere mich noch, was die Lektüre damals in mir ausgelöst hat – den Gedanken: Scheiße, warum habe ich dieses Buch nicht geschrieben?

»Wenn ich da gewesen wäre, hätte ich es genau so erlebt«

Jeder Fußballfan ist davon überzeugt, dass die Liebe zu seinem Verein einzigartig ist – und trotzdem haben sich beim Arsenal-Fan Hornby alle wiedergefunden, Anhänger von Tottenham und Chelsea genauso wie Fans von Eintracht Frankfurt und Waldhof Mannheim. »Ich habe das alles gefühlt, und mit mir viele, viele andere Millionen«, schreibt Hornby im Vorwort zur gerade in Deutschland erschienenen Neuübersetzung seines Buchs. Jannik Sorgatz hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Ihm ging es eigentlich nur darum, seine für sich einzigartigen Fan-Erlebnisse aufzuschreiben; doch, ohne es zu wollen, traf er damit offensichtlich einen Nerv.

Das ging so weit, dass ihm Leute berichteten, sie wären zwar nicht bei diesem oder jenem Auswärtsspiel gewesen, über das er geschrieben habe, »aber wenn ich da gewesen wäre, hätte ich es genau so erlebt«. Sorgatz fragte sich, wie so etwas sein könne, und kam zu dem Ergebnis, dass es sich beim Fansein um »ein sehr universales Gefühl« handeln müsse.

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