Warum »ran« in den Neunzigern super war

I've been looking for freedom

Als »ran« 1992 auf Sendung ging, war das für viele Sportschau-Zuschauer das Ende des fußballerischen Abendlandes. Was aber, wenn man mit den bunten Bildchen und schnellen Schnitten aufgewachsen ist? Eine Liebeserklärung. Warum »ran« in den Neunzigern super warimago

Die vielleicht prägnanteste Erinnerungen aus meiner frühen Kindheit ist eine Szene aus dem Kindergarten. Es muss etwa 1989 gewesen sein. Ich war  fünf Jahre alt und entdeckte gerade die Musik für mich. Ich habe keinerlei Erinnerung an den Mauerfall, wohl aber an David Hasselhoff. »I've been looking for freedom« als meinen Lieblingssong dieser Tage zu beschreiben, würde der Sache nicht gerecht. Es war der einzige Song, den ich hörte.

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In den heimeligen Wänden meiner Kindergarten-Gruppe gab es einen Kassettenrekorder, der nur vorwärts spulen konnte.Wie selbstverständlich lernte ich nach Hasselhoffs Superhit die Kassette umzudrehen und genau so weit vorzuspulen, damit ich den Song auf der ersten Seite exakt von Anfang an hören konnte. Ich wusste noch nicht, dass man sich für Sachen schämen konnte, die man gut fand. Ich war begeistert – ganz ernsthaft, ohne jede Ironie.

Nummer neun, Stephan Chapuisat

Ähnlich erging es mir mit dem gern kritisierten Fußballformat »ran« auf Sat 1. Ich war acht Jahre alt, hatte gerade mein erstes Fußball-Trikot bekommen und meine Eltern installierten eine Satellitenschüssel auf dem Dach. Eine Offenbarung. Endlich konnte ich sehen, was ich sonst nur in der Bundesligakonferenz auf WDR 2 gehört hatte. Und was soll ich sagen? Sie hatten mich sofort an der Angel.

Schon das Intro fand ich großartig. Schnelle Schnitte, Grätsche und Torschuss mit knalligen Farben hinterlegt. Dazu harte Gitarren versteckt hinter elektronischem Gedudel. Später dann »ranissimo« mit einem Riff, das mehr als nur ein verstecktes Zitat an den Opener zu »Berverly Hills 90210« war.

Ich kannte die Sportschau nicht -  diesen Dinosaurier, der in den Jahrzehnten vor »ran« das Monopol auf die fußballkonsumierende Geschmacksbildung hatte. Die neue Fußballsendung im  Privatfernsehen passte zu dem neongelben Trikot mit dem Continental-Schriftzug, das ich so stolz auf dem Bolzplatz trug. Nummer neun, Stephan Chapuisat; mit einem einzigen Autogramm von Michael Zorc.

Zu kurze Arme, riesiger Kopf

Heute wirken die Ausschnitte von damals mitunter überzogen, keine Frage. Doch Mitte der Neunziger nahm ich es hin, wie es war. Reinhold Beckmann sah mit seinem hochgekrempeltem Sakko so aus wie Mr. Mackey aus South Park – zu kurze Arme, riesiger Kopf. Für mich war das Alltag. Als Kind des Ruhrpotts ist man seit jeher mit einem Modegeschmack konfrontiert, der sich am Rande zur Körperverletzung bewegt. Meine Mutter jedenfalls war bunter und schulterpolstiger angezogen als Gaby Papenburg.

Der Kübel des Spotts, der über »ran« gerne ausgeschüttet wurde, hatte in Teilen sicher seine Berechtigung. Man musste die sekundenlang verharrende Kamera auf dem plastischen Gesicht einer Spielerfrau nicht gut finden. Auch die exzessive Werbung war nervtötend.  Aber wer bitte konnte etwas Schlechtes daran finden, dass man alle Spiele – statt nur drei in der Sportschau -  zu sehen bekam? Dass die kleinen Randscharmützel – etwa zwischen Mario Basler und Werner Lorant – aus mehreren Perspektiven gezeigt wurden, fand ich großartig.

Konstantes Gequengel

Viele Puristen aus der Faßbender-Schule wünschten sich die Berichterstattung aus den Achtzigern zurück. Sie versteiften sich  auf Kritikpunkte wie: »Es wird doch mehr gezeigt, was auf den Rängen abgeht, als auf dem Spielfeld.« Erstens stimmte das so nicht (nur ein Kamerateam scannte die Ränge ab) und zweitens: die Bilder von den Tribünen machten gehörigen Eindruck. Meine Eltern fanden Fußball langweilig, ein Stadion hatte ich noch nicht von innen gesehen. Meinen ersten Besuch eines Fußballspiels habe ich meinem konstanten Gequengel zu verdanken. Ich sah bei »ran«, was im Stadion abging und wollte hin. Gegen meine Eltern zog ich mit der psychologischen Kriegsführung eines Kindes zu Felde, die drei F's: Fluppe ziehen, Flehen, Flennen.

Es ist einfach, sich für die Geschmacksverwirrungen seiner Jugend zu schämen. Man kann das etwa mit einem Besuch einer Neunziger-Jahre-Party kompensieren. Peinlich angezogen »raved« man dann zu Marusha ganz ironisch die Sünden der Jugend weg. Ich aber kann an »ran« nichts Ironisches finden, auch wenn ich heute manchmal schmunzeln muss. Denn »ran« hat mit zu meiner Fußballbegeisterung beigetragen – und David Hasselhoff hat mich zur Musik gebracht.

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