Warum Max Gablonsky 100 Jahre auf ein Tor warten musste

»6. Tor von mir«

Eine simple Nachricht im Nachlass des 1969 verstorbenen Nationalspielers Max Gablonsky hat die deutsche Fußball-Geschichte ins Wanken gebracht. Warum der Bayern-Stürmer 100 Jahre auf sein Tor von 1911 warten musste. Warum Max Gablonsky 100 Jahre auf ein Tor warten musste

Viel hat Max Gablonsky, Bayern Münchens erster Fußball-Nationalspieler, der Nachwelt nicht hinterlassen. Nach einem Fliegerangriff auf München ging 1944 der Großteil seiner persönlichen Unterlagen verloren. Aber dieser eine kurze handschriftliche Satz, der die Zeiten überdauert hat, schreibt nun die DFB-Geschichte um: »6. Tor von mir«. Er ist bezogen auf das Länderspiel am 26. März 1911 in Stuttgart gegen die Schweiz (6:2) und führt zur Auflösung der 100jährigen Suche nach einem Tor für Deutsch-land. Nun ist sie beendet und Max Gablonsky, 1969 verstorben, ist posthum noch zu Tor-Ehren gelangt, die ihm der Druckfehlerteufel oder schlampiger Journalismus Jahrzehnte lang verwehrt hatte.

Dass die deutsche Länderspiel-Historie nun hoffentlich wieder ganz in Ordnung ist, ist vor allem Gablonskys 82jährigen Sohn Hans-Georg und den Mitarbeitern des neuen Bayern-Museums, das im Mai 2012 in der Allianz Arena eröffnet wird, zu verdanken. Zunächst blieb die »Soko Gablonsky-Tor« in der Familie. Der betagte Sohn des viermaligen Nationalspielers schaltete seinen Enkel ein, um alte Spielberichte zu finden, was im Stuttgarter Stadtarchiv gelang. Schwäbischer Merkur und Stuttgarter Tageblatt vermeldeten 1911 unisono: 6:1 durch Gablonsky. Dermaßen ermutigt, beantragte die Familie  beim DFB und beim Fach-Magazin Kicker, dessen Almanach als Standardwerk für Fußball-Statistiken etabliert ist, eine entsprechende Änderung. Doch DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger antwortete im November 2010 zwar höflich, aber bestimmt: »Auch möchte ich keinesfalls in Frage stellen, dass Ihr Vater zurecht und mit Stolz von seinem Tor erzählte. Ich bezweifle allerdings, dass wir Ihre Unterlagen zum Anlass nehmen können, die Statistik zu ändern.« Er leitete sie aber weiter zur internen Prüfung.

Seit 1937 ein Irrtum im »kicker«-Almanach

Was nun? Im Fußball gilt die Tatsachenentscheidung, aber gilt sie auch für Druckfehler? Hans-Georg Gablonsky kämpfte weiter und wandte sich an die Bayern, die sofort Interesse zeigten, galt es doch klar zu stellen, wer eigentlich der erste Länderspiel-Torschütze des Rekordmeisters gewesen war. Bisher wurde stets Josef Pöttinger, der 1926 gegen die Niederlande gleich dreimal traf, genannt, vor allem weil der 1937 erstmals erschienene »kicker«-Almanach den Irrtum alljährlich aufs Neue unbeirrt durch die Jahrzehnte transportierte. Doch im Hause Gablonsky wussten sie stets, dass es anders war.

Es bedarf jedoch schon sehr guter Argumente, wenn der Deutsche Fußball-Bund seine offizielle Länderspiel-Statistik ändert, was er bereits im September auf seiner Internetseite getan hat. Denn die nunmehr eingeschalteten Bayern-Archivare zerrten zwei weitere Quellen ans Tageslicht: die Vereinsnachrichten in der Zeitschrift »Bayernland» und die Schweizer Zeitung »Sport« bestätigten die Familien-Legende. Auszug aus dem „Sport“ vom 7. April 1911: »Gablonsky wird immer schneller, im vollen Laufe schießt er plötzlich vom Flügel aufs Tor und Flückiger lässt passieren – 6:1.« Sogar eine Kicker-Chronik von 1941 über die Frühzeit der Nationalelf nährt den Verdacht, dass die Almanache aus dem eigenen Haus all die Jahre irrten: »Schließlich und endlich erhaschte Gablonsky, der Münchner `Tornado’, noch einen weit vorgelegten Ball.«

Der große Verlierer dieser Geschichte heißt Gottfried Fuchs

Jedenfalls Indizien genug für den DFB, Max Gablonsky nach 100 Jahren zu seinem Tor kommen zu lassen. Und so wird es auch im nächsten »kicker«-Almanach stehen.
Die Geschichte hat auch einen Verlierer: der Karlsruher Gottfried Fuchs, einer von nur zwei jüdischen Nationalspielern, ist gleichsam posthum der Leidtragende der Entdeckung. Sein imposanter Rekord-Torquotient von bis dato 2,33 pro Spiel wurde leicht gesenkt auf 2,16 – bei nunmehr also 13 Toren in sechs Spielen. Denn dem 1972 in Kanada verstorbenen Fuchs schrieben die Almanache stets das sechste Tor an jenem verschneiten März-Tag 1911 zu. Noch haben sich seine Nachkommen nicht gerührt…

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