Warum man sich Europapokal-Rückspiele sparen sollte

Oma, wie geht's dir?

Früher knabberte man sich vor Europapokalspielen nervös die Finger wund, heute herrscht pure Langeweile. 11FREUNDE-Mann Benjamin Kuhlhoff gibt Tipps, wie man seine Zeit sinnvoller verbringen kann. Warum man sich Europapokal-Rückspiele sparen sollte

Gestern habe ich nach langer Zeit mal wieder mit meiner Großmutter telefoniert. Sie ist eine weise Frau, hat viel gesehen, noch viel mehr erlebt, hat einen Weltkrieg überlebt. Man kann also sagen, meine Großmutter kann nichts mehr erschüttern. Wir sprachen über Elektrofahrräder, Opa Höwelhans und natürlich Fußball. Denn Fußball, das ist unser größter gemeinsamer Gesprächsnenner. Ein bisschen mir zuliebe kennt sich erstaunlich gut aus, ist informiert über die aktuellen Ergebnisse, Transfers und Trainerrauswürfe. Sie weiß im Grunde alles, was wichtig ist – ohne jemals im Internet gewesen zu sein. Das allein hat allen Respekt verdient. Aber da ist noch etwas, was meine Großmutter auszeichnet. Sie steht über den Dingen. 

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»Irgendwie ist Fußball langweilig geworden«, stöhnte sie. »Früher hat man sich noch auf ein Rückspiel im Europapokal gefreut. Morgen lese ich lieber ein Buch.« Ich hielt kurz inne und erwiderte lediglich: »Oma, du hast Recht!« Wie ich ja bereits erwähnte: Meine Großmutter ist eine sehr weise Frau. Sie lässt sich nicht beeindrucken von rasanten Bildschnitten, großen Worten, dem ganzen Gewicht der Fernseh-Fußballwelt. Sie hat verstanden, dass der internationale Fußball sich in diesem Jahr zum Öden gewendet hat. Dass sich hinter der glitzernden Hülle, den öligen Frisuren, den Bumballaballagetöse-Übertragungen ein reichlich profanes Spiel versteckt hält. Da können die Bezahlsender noch so viele Superlative und letzte Chancen beschwören, mein Oma macht da nicht mehr mit.

Man sollte ihrem Beispiel folgen: Denn wo man sonst legendäre Aufholjagden herauf beschwörte, eifrig erzielte Auswärtstore addierte und mögliche Sensationsergebnisse aus seinen Pommes bastelte, ist mittlerweile eine Spannungshohlraum entstanden, der nur noch müde macht.

Unter der Grasnarbe statt Augenhöhe

Fakt ist, die Leistungsschere zwischen den europäischen Spitzenmannschaften klafft in diesem Jahr soweit auseinander, wie man es sonst nur aus dem Frauenfußball kennt. Schalke 04, die im Champions-League-Viertelfinale den Titelverteidiger Inter Mailand mit dem Märchenendergebnis von 7:3 aus der Königsklasse kegelte, war im Halbfina-Hinspiel nicht etwa auf Augenhöhe mit Manchester United, sondern weit unter der eigenen Grasnabe zu finden. So weit unten, dass selbst längst brach liegende Flözen vor Schreck zusammenzuckten. Und seien wir ehrlich: Auch der heutige Abend verspricht nicht gerade Besserung. Beinahe hätten die Königsblauen sogar fünf ihrer Kicker am Flughafen stehen lassen müssen. Klingt nicht gerade nach professioneller Vorbereitung, voller Konzentration und dem Glauben ans Wunder. Eher nach Klassenreise.

Auch die Erzfeinde Real und Barcelona lieferten sich keinesfalls ein Duell auf Biegen und Brechen, sondern zwei Spiele in denen das Drumherum deutlich mehr bot, als das schnöde Resultat. Hauchdünn war am Ende nicht der Vorsprung von Barca, sondern lediglich das Vorbeischrammen beider Vereine am ultimativen Fettnäpfchen. Auch ein Blick in den UEFA-Cup verspricht keinesfalls Besserung. Dort spaziert der FC Porto seit gefühlten zehn Runden souverän durch den Wettbewerb, schoss in den letzten drei Spielen jeweils fünf Tore. Knapp ist anders.

Franz und JBK können einpacken

Sehen wir es mal so: Der Europapokal macht uns in diesem Jahr ein echtes Angebot. Statt heute Abend vor dem Fernseher zu sitzen und nach dreißig Minuten zu bemerken, dass S04 auch heute kein Land sieht, sollte man die Zeit mal wieder richtig sinnvoll nutzen. Man könnte hübschen Mädchen hinterher gucken, ein Buch zur Hand nehmen oder einfach mal wieder die eigene Großmutter anrufen. Denn von der kann man sehr viel mehr lernen als von Johannes B. Kerner und Franz Beckenbauer. Und mindestens genauso gut reden wie der Kaiser kann sie auch noch.

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