Warum man Mario Gomez in Ruhe lassen sollte

Angreifer ohne Verteidigung

Kein deutscher Spieler steht in aller Regelmäßigkeit dermaßen in der Kritik wie Mario Gomez. Jüngst teilte sogar Bayern-Präsident Uli Hoeneß gegen seinen besten Stürmer aus. Dabei hat Mario Gomez eigentlich nur Lob verdient. Eine Ehrenrettung.

Fangen wir mit schlichten Zahlen an, schließlich werden die immer hinzugezogen, wenn man von großen Stürmern spricht. Also: 398 Tore in 453 Spielen! Ja, dass ist tatsächlich die Wahsinnsbilanz von Gerd Müller, seines Zeichens nationales Angreiferheiligtum. Wegen ihm bekommen bis heute Männer von Greetsiel bis Tuttlingen Schnappatmung, wenn sie von den tollkühnen Taten von kleines, dickes Müller erzählen. Was für ein Stürmer, heißt es da, 90 Minuten nicht zu sehen, aber dann war er auf einmal da. Wenig gelaufen ist er, johlen sie, aber Tore schießen konnte er. Ein Schlitzohr. Ja, Gerd Müller, mehr geht nicht.

Und nun noch ein paar Zahlen: 63 Tore in 121 Spielen für den VfB Stuttgart, 80 Tore in 97 Pflichtspielen für den FC Bayern. Das ist die Bilanz von Mario Gomez. Bei der abgelaufenen Europameisterschaft schoss Gomez drei Tore in vier Spielen, genauso viele wie Fernando Torres, der später zum Turniertorschützen ernannt wurde. Man könnte Gomez für seine Tore lieben – stattdessen ist er der umstrittenste Stürmer des deutschen Fußballs. Bei keinem anderen deutschen Stürmer der Geschichte widersprechen sich die Fakten und seine Wahrnehmung wie bei dem Sturm-Adonis aus Riedlingen. Man kann Gomez den zuverlässigsten Stürmer der letzten Jahre nennen. Und dennoch einigt sich Fußball-Deutschland im Falle eines Misserfolgs gerne schnell auf ihn als Hauptschuldigen.

»Gut, aber nicht sehr gut«

Jüngst sagte gar Uli Hoeneß: »Er ist gut, aber nicht sehr gut ist. Wenn er sehr gut wäre, wären wir jetzt Champions-League-Sieger!« Eine Verbalwatschn, die Hoeneß später in seiner ihm eigenen Art als Motivationsspritze verteidigte: »Er hat ein gewisses Phlegma, das muss man ihm austreiben«, gab er zu Protokoll. Doch da lief die Maschine bereits. Schon wieder, möchte man sagen. Plötzlich wurde diskutiert, wie schlecht Mario Gomez denn nun sein, dass der FC Bayern ihn vielleicht sogar los werden wolle.

Es ist ein Wahnsinn, wenn man sich einmal vor Augen hält, dass man Mario Gomez eigentlich gar nichts vorwerfen kann. Seine Frisur mal ausgenommen. Er macht das, was von einem Stürmer verlangt wird: Er schießt Tore. Er gibt sich weder arrogant, noch großspurig. Er feiert mit seinen Mitspielern, engagiert sich für soziale Projekte, verweigert keine Interviews und gewährt dabei manchmal sogar tiefe Einblicke in sein Seelenleben. Natürlich ist er kein galanter Dribbler wie Messi, kein Arbeitspferd wie Miroslav Klose, kein Exzentriker wie Zlatan Ibrahimovic – übrigens allesamt gefeierte Sturmheroen. Nein, Gomez ist ein schlichter Spieler. Er wirkt manchmal sogar etwas unbeholfen, tapsig. Er ist einer, den man manchmal 90 Minuten nicht sieht und der dann auf einmal da ist. Der sein Tor macht. Fast immer. Mario Gomez wäre wohl in jedem anderen Land unantastbar.

Jetzt hat er erst einmal sechs Wochen Zwangspause. Freie Gelenkkörper im Sprunggelenk des rechtes Fußes zwingen ihn auf den Operationstisch. Ganz bitter, aber es wird Mario Gomez auch gut tun, einmal nicht Tag für Tag im Kreuzfeuer zu stehen. Denn wenn er dann in sechs Wochen wieder auf die Bühne tritt und Startschwierigkeiten hat, geht das Spiel wieder einmal von vorne los. Er kennt das. Er hat daraus gelernt. Aber vielleicht sollte man zukünftig einmal mehr darüber nachdenken, warum genau Mario Gomez eigentlich keine Schwächepahsen haben darf. Warum er eigentlich immer in der Kritik steht. Verdient hat er es ganz sicher nicht.

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