Kurioserweise waren mein Vater und seine Freunde während dieser besonderen Anlässe entgegen der sonstigen Gepflogenheiten auf Seiten der ansonsten so verhassten Bayern. Ich witterte Verrat. Mein Vater erklärte: »Überleg doch mal, wie viele schöne Europapokalnächte uns die Bayern schon beschert haben!« Ich überlegte, konnte mich jedoch ob meines Alters an keine erinnern. Er machte mich vertraut mit der Arithmetik des Europapokals und führte mich ein in paradigmatisches Denken entlang der Fünf-Jahres-Wertung: »Für Werder ist es auch gut, wenn die Bayern international punkten.« Ich glaubte ihm kein Wort und nickte ungläubig.
Es half nichts, ich hasste die Bayern immer noch. Einer seiner Sätze jedoch hing mir nach: »Wie viele schöne Nächte haben die Bayern uns schon beschert?« Gab es etwas über die Bayern, was ich noch nicht wusste? Die Antwort lieferte eine dieser besonderen Nächte selbst – eine Nacht, nach der selbst Alex Ferguson, der wortkarge und bärbeißige Trainertausendsassa von Manchester United, sich zu dem Aphorismus »Football, bloody hell!« hinreißen lassen sollte. Es folgte ein Fanal der Königsklasse und ein Denkmal für den Fußball. Die Bayern verloren den schon sicher geglaubten Titel an die Engländer von Manchester United durch zwei unmögliche Treffer in der Nachspielzeit – die Mutter aller Niederlagen. Ich war endlich Zeuge einer jener Nächte, die die Bayern uns beschert haben. Der Satz meines Vaters klang in meinem Kopf nach.
Tanzende Spiegelneuronen
Die zerschmetternde Niederlage der Bayern weckte meine eigenen zentralen Erfahrungen mit dem Verlust der Meisterschaft von Werder Bremen einige Jahre zuvor. Ich sah die leeren Gesichter von Ottmar Hitzfeld und Stefan Effenberg. Selbst der Posterboy Mehmet Scholl sah auf dem Rasen kniend überhaupt nicht mehr aus wie ein Teenagerschwarm. Mario Basler wirkte, als würde er am liebsten drei Zigaretten auf einmal rauchen. Und langsam begriff ich, was mein Vater gemeint hatte. Meine Spiegelneuronen begannen ihr empathisches Tänzchen und entlockten meinem Zentralnervensystem so etwas wie Mitleid. Ich fühlte mit den Bayern.
In den folgenden Jahren schaute ich mir, befriedet mit meinem Intimfeind, gerne die Europapokalspiele der Bajuwaren auf internationalem Terrain an: Ich feierte mit ihnen den Titel 2001, verfluchte 2010 Inter Mailands Diego Milito und konnte 2012 die Dahoam-Niederlage nicht fassen. Rechtfertigen kann ich mich zum Glück mit der Fünf-Jahres-Wertung, denn auch Bremen kann sich jetzt mit einem vierten Platz für die Champions-League qualifizieren. Und fragt mich irgendjemand verstört, warum ich international für die Bayern bin, kann ich sagen: »Denk doch mal an all die schönen Europapokalnächte, die uns die Bayern schon beschert haben.« Manchmal, wenn das Spiel besonders spannend ist, und ich mir sicher bin, dass mich keiner beobachtet, springe ich sogar jubelnd auf, wenn die Bayern international ein Tor erzielen und singe in mich hinein: »FC Bayern, Stern des Südens...«