Eine der zentralsten Erfahrungen meiner Kindheit bekam am 17. Juni 1995 ein konkretes Gesicht: Die hässliche Fratze der ungerechten Finanzgebaren des FC Bayern München. München war für mich als Kind der Klub, der nichts unversucht ließ, um meinen Lieblingsverein Werder Bremen »kaputt zu kaufen«. Eine Formulierung, die ich tatsächlich schon mit zehn Jahren benutzte. Sie war Zeugnis der himmelschreienden Ungerechtigkeit, die ich angesichts bayerischer Blutsauger empfand, die sich am Aderlass meines Lieblingsklubs labten. Der Höhepunkt der aus meiner kindlich-unschuldigen Sicht fast schon kriminellen Handlungen war die Verpflichtung von Otto Rehhagel, der Bremen schon länger trainierte, als ich auf der Welt war.
Projektionsfläche FC Bayern München
An jenem sonnigen Samstag im Juni 1995 vergeigten die Bremer am letzten Spieltag die Deutsche Meisterschaft gegen den bayerischen Dauerrivalen im Münchner Olympiastadion, Borussia Dortmund durfte der ungerechteste Meister aller Zeiten werden. Doch damit nicht genug: Das Spiel war gleichzeitig auch noch das Abschiedsspiel von Andi Herzog und Otto Rehhagel. Die Bayern hatten sie einfach so gekauft! Wie ein größeres Kind, das einem das Spielzeug klaut. Oder ein reicheres Kind, das sich jedes Spielzeug kaufen kann. Mein Leid hatte einen Namen, mein Hass eine Projektionsfläche: FC Bayern München. Uli Hoeneß.
Immer, wenn die Bremer in den Folgejahren gegen einen vermeintlich schlagbaren Verein wie den VfL Bochum oder Arminia Bielefeld verloren, hatte ich das lachende Gesicht von Hoeneß vor Augen. Werder Bremen driftete ins Mittelmaß ab, Felix Magath wurde Trainer bei Bremen und Bayern kaufte Mario Basler – stets hielt sich Hoeneß den Bauch vor Lachen.
Bröckelndes Feindbild
Wie schön und einfach die Kanalisierung meiner Frustrationserfahrungen durch dieses perfekte Feindbild auch funktionierte, irgendwann bekam es auf wundersame Weise Risse. Der Grund dafür war simpel: Mit voranschreitendem Alter durfte ich länger und länger aufbleiben. Ich musste bei Spielen der Champions League nun nicht mehr heimlich durch einen Spalt in der Wohnzimmertür luschern, barfuß im gekachelten Flur stehend. Ich war endlich alt genug, Europapokalnächte legal zusammen mit meinem Vater und seinen Freunden verfolgen zu dürfen.
Stolz wie Oskar durfte ich die Champions League in ihren glorreichen jungen Jahren miterleben: Ich sah Ajax Amsterdam in der Ägide von Louis van Gaal mit Patrick Kluivert, Frank Rijkaard und Jari Litmanen, sah Juventus Turin unter Marcello Lippi mit Fabrizio Ravanelli, Didier Deschamps und dem jungen Allesandro Del Piero. Und ich sah: den FC Bayern München.
Paradigma Fünf-Jahres-Wertung und tanzende Spiegelneuronen
Paradigma Fünf-Jahres-Wertung
Kurioserweise waren mein Vater und seine Freunde während dieser besonderen Anlässe entgegen der sonstigen Gepflogenheiten auf Seiten der ansonsten so verhassten Bayern. Ich witterte Verrat. Mein Vater erklärte: »Überleg doch mal, wie viele schöne Europapokalnächte uns die Bayern schon beschert haben!« Ich überlegte, konnte mich jedoch ob meines Alters an keine erinnern. Er machte mich vertraut mit der Arithmetik des Europapokals und führte mich ein in paradigmatisches Denken entlang der Fünf-Jahres-Wertung: »Für Werder ist es auch gut, wenn die Bayern international punkten.« Ich glaubte ihm kein Wort und nickte ungläubig.
Es half nichts, ich hasste die Bayern immer noch. Einer seiner Sätze jedoch hing mir nach: »Wie viele schöne Nächte haben die Bayern uns schon beschert?« Gab es etwas über die Bayern, was ich noch nicht wusste? Die Antwort lieferte eine dieser besonderen Nächte selbst – eine Nacht, nach der selbst Alex Ferguson, der wortkarge und bärbeißige Trainertausendsassa von Manchester United, sich zu dem Aphorismus »Football, bloody hell!« hinreißen lassen sollte. Es folgte ein Fanal der Königsklasse und ein Denkmal für den Fußball. Die Bayern verloren den schon sicher geglaubten Titel an die Engländer von Manchester United durch zwei unmögliche Treffer in der Nachspielzeit – die Mutter aller Niederlagen. Ich war endlich Zeuge einer jener Nächte, die die Bayern uns beschert haben. Der Satz meines Vaters klang in meinem Kopf nach.
Tanzende Spiegelneuronen
Die zerschmetternde Niederlage der Bayern weckte meine eigenen zentralen Erfahrungen mit dem Verlust der Meisterschaft von Werder Bremen einige Jahre zuvor. Ich sah die leeren Gesichter von Ottmar Hitzfeld und Stefan Effenberg. Selbst der Posterboy Mehmet Scholl sah auf dem Rasen kniend überhaupt nicht mehr aus wie ein Teenagerschwarm. Mario Basler wirkte, als würde er am liebsten drei Zigaretten auf einmal rauchen. Und langsam begriff ich, was mein Vater gemeint hatte. Meine Spiegelneuronen begannen ihr empathisches Tänzchen und entlockten meinem Zentralnervensystem so etwas wie Mitleid. Ich fühlte mit den Bayern.
In den folgenden Jahren schaute ich mir, befriedet mit meinem Intimfeind, gerne die Europapokalspiele der Bajuwaren auf internationalem Terrain an: Ich feierte mit ihnen den Titel 2001, verfluchte 2010 Inter Mailands Diego Milito und konnte 2012 die Dahoam-Niederlage nicht fassen. Rechtfertigen kann ich mich zum Glück mit der Fünf-Jahres-Wertung, denn auch Bremen kann sich jetzt mit einem vierten Platz für die Champions-League qualifizieren. Und fragt mich irgendjemand verstört, warum ich international für die Bayern bin, kann ich sagen: »Denk doch mal an all die schönen Europapokalnächte, die uns die Bayern schon beschert haben.« Manchmal, wenn das Spiel besonders spannend ist, und ich mir sicher bin, dass mich keiner beobachtet, springe ich sogar jubelnd auf, wenn die Bayern international ein Tor erzielen und singe in mich hinein: »FC Bayern, Stern des Südens...«