07.11.2012

Warum man international für den FC Bayern München jubeln darf

Europäische Freundschaft

Alle hassen den FC Bayern München. Aber warum eigentlich? International bescherte der Klub schon Fußballfans jeder Coleur schöne Stunden. Ein Plädoyer für die Fünf-Jahres-Wertung – und Verständnis für alle, die schon einmal einen Ohrwurm von »Stern des Südens« hatten.

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Eine der zentralsten Erfahrungen meiner Kindheit bekam am 17. Juni 1995 ein konkretes Gesicht: Die hässliche Fratze der ungerechten Finanzgebaren des FC Bayern München. München war für mich als Kind der Klub, der nichts unversucht ließ, um meinen Lieblingsverein Werder Bremen »kaputt zu kaufen«. Eine Formulierung, die ich tatsächlich schon mit zehn Jahren benutzte. Sie war Zeugnis der himmelschreienden Ungerechtigkeit, die ich angesichts bayerischer Blutsauger empfand, die sich am Aderlass meines Lieblingsklubs labten. Der Höhepunkt der aus meiner kindlich-unschuldigen Sicht fast schon kriminellen Handlungen war die Verpflichtung von Otto Rehhagel, der Bremen schon länger trainierte, als ich auf der Welt war.

Projektionsfläche FC Bayern München

An jenem sonnigen Samstag im Juni 1995 vergeigten die Bremer am letzten Spieltag die Deutsche Meisterschaft gegen den bayerischen Dauerrivalen im Münchner Olympiastadion, Borussia Dortmund durfte der ungerechteste Meister aller Zeiten werden. Doch damit nicht genug: Das Spiel war gleichzeitig auch noch das Abschiedsspiel von Andi Herzog und Otto Rehhagel. Die Bayern hatten sie einfach so gekauft! Wie ein größeres Kind, das einem das Spielzeug klaut. Oder ein reicheres Kind, das sich jedes Spielzeug kaufen kann. Mein Leid hatte einen Namen, mein Hass eine Projektionsfläche: FC Bayern München. Uli Hoeneß.

Immer, wenn die Bremer in den Folgejahren gegen einen vermeintlich schlagbaren Verein wie den VfL Bochum oder Arminia Bielefeld verloren, hatte ich das lachende Gesicht von Hoeneß vor Augen. Werder Bremen driftete ins Mittelmaß ab, Felix Magath wurde Trainer bei Bremen und Bayern kaufte Mario Basler – stets hielt sich Hoeneß den Bauch vor Lachen.

Bröckelndes Feindbild

Wie schön und einfach die Kanalisierung meiner Frustrationserfahrungen durch dieses perfekte Feindbild auch funktionierte, irgendwann bekam es auf wundersame Weise Risse. Der Grund dafür war simpel: Mit voranschreitendem Alter durfte ich länger und länger aufbleiben. Ich musste bei Spielen der Champions League nun nicht mehr heimlich durch einen Spalt in der Wohnzimmertür luschern, barfuß im gekachelten Flur stehend. Ich war endlich alt genug, Europapokalnächte legal zusammen mit meinem Vater und seinen Freunden verfolgen zu dürfen.

Stolz wie Oskar durfte ich die Champions League in ihren glorreichen jungen Jahren miterleben: Ich sah Ajax Amsterdam in der Ägide von Louis van Gaal mit Patrick Kluivert, Frank Rijkaard und Jari Litmanen, sah Juventus Turin unter Marcello Lippi mit Fabrizio Ravanelli, Didier Deschamps und dem jungen Allesandro Del Piero. Und ich sah: den FC Bayern München.

 
 
 
 
 
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