Warum Karim Matmour einem Blogger droht

Die Angstmacher

Weil ein Gladbacher Blogger sich negativ über Karim Matmour äußerte, erhielt er ein Unterlassungsschreiben mit der Aufforderung einer Richtigstellung. Er gab nach – um des Friedens willen. Dabei hätte er wenig zu befürchten gehabt. Warum Karim Matmour einem Blogger drohtimago

Ein wenig erinnert das Duell an die vielen anderen hölzernen Versuche, allzu kritische Blogger mundtot zu machen. Erinnern wir uns nur an den Internet-Feldzug von Karl-Heinz Schwensen, der mit seinem Anwalt im Mai 2007 all jene Blogger mit einer Gebühr von 899,40 Euro abmahnte, die ihn im vergangenen Jahr N_g_r-Kalle nannten, also einen Namen verwendeten, den er sich früher selbst voller Stolz ans Revers heftete. Am Ende blieb ein Mann, der eh stets ein wenig zu drollig daherkam, um knallharter Kiezbaron zu sein, und der nach diesem hysterischen Umsichschlagen nur noch als Karikatur seiner selbst über die Reeperbahn stolperte.

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Auch bei einem Fall im September 2009 hätte es den Klägern nur allzu gut zu Gesicht gestanden, zunächst einmal kräftig durchzuatmen, bevor man einem vermeintlichen Hassprediger das Wort verbot. Frank Baade hatte damals über die Ausrüsterfirma Jako geschrieben. Ihr Logo, so der Blogger, sei ein Wechsel »von relativer Scheiße zu ganz besonderer Scheiße« und die Firma der »Aldi unter den Sportartikelherstellern«. Jako verlangte zunächst 1085 Euro und eine Unterlassung, später dann 5100 Euro wegen einer Verletzung der Unterlassungserklärung – der ursprüngliche Beitrag wurde, ohne Zutun von Frank Baade, auf anderen Plattformen zitiert. Copy, Paste. Kennt man ja.

Als Zwanziger gegen Weinreich vor Gericht zog

Die vermutlich bekannteste Fehde zwischen Fußball-Blogger und Fußball-Obrigkeit ist die Causa Weinreich/Zwanziger. Der DFB-Präsident war im November 2008 von dem Journalisten als »Demagoge« bezeichnet worden und zog hernach gegen Jens Weinreich vor Gericht. Theo Zwanziger kündigte für den Fall, dass er verlieren würden, sogar seinen Rücktritt an: »Ich werde meine persönliche Ehre nie auf dem Altar eines Amtes opfern.« Er verlor und blieb.

Abgesehen davon, dass die Goliaths in all diesen Fällen einen herben Imageverlust einstecken mussten und die solidarische Faust der deutschen Bloggerszene zu spüren bekamen, fragten sich Beteiligte und Beobachter am Ende jedes Streits: Hätte nicht ein simpler Anruf genügt? So wie früher: Ohrmuschel, Mundstück, ein paar warme Worte.

Diffamierung der Person Karim Matmour?

Und als hätte man daraus nicht lernen können, geht es nun ohne Visier in die nächste Runde. Eine Woche nach dem Spiel Borussia Mönchengladbach gegen den VfB Stuttgart erhielt Björn Brodermanns Post von dem Anwalt des Spielers Karim Matmour. Der Betreiber des Blogs Nach dem Spiel ist vor dem Spiel wurde von dem Rechtsvertreter aufgefordert, negative Kritik an dem Gladbacher Stürmer zu unterlassen und einen bereits erschienenen Text richtigzustellen. In diesem hatte Björn Brodermanns am 6. Februar, also einen Tag nach dem besagten Spiel, u.a. diese Passage geschrieben:

»Karim Matmour, dem es wahrlich nie an Einsatzwillen fehlt, der mit Sicherheit eine gewisse Schnelligkeit besitzt, aber dem die Effektivität im Spiel völlig abgeht. 4 Tore und 3 Torvorlagen in 69 Spielen – das ist unterirdisch schlecht und zeugt nicht von Bundesligatauglichkeit.«

Ein Kommentar zum Spiel und zur Person, hart zwar, aber eben Meinung. Und die ist schließlich frei, wusste Brodermanns. Denkste! Matmours Anwalt sah die Persönlichkeitsrechte seines Mandanten verletzt und die Grenzen zur Schmähkritik überschritten. Zudem wies es darauf hin, dass der Schreiber wichtige Fakten übersehen habe. Der Anwalt schrieb:

»In dem (...) Text verletzen Sie Rechte meines Mandanten. Die Behauptung, mein Mandant sei einer der ›uneffektivsten Spieler der Bundesliga‹ und ein ›Halbstürmer‹, er sei ›nicht bundesligatauglich‹ und spiele ›unterirdisch schlecht‹ überschreitet die Grenze zur Schmähkritik. (...) Ziel ist alleine die Diffamierung der Person meines Mandanten.«


Eine Farce? Sascha Kudella, Rechtsanwalt für IT-Fragen, kann jedenfalls keinen Grund erkennen, warum hier gegen den Verfasser des Kommentars vorgegangen wird. Er verweist zum einen auf die Besonderheit von öffentlichen Personen, die sich andere Kritik gefallen lassen müssen als private Personen. Darüber hinaus schließe die  Meinungsfreiheit eine harte Polemik nicht per se aus. Und die »beanstandeten Äußerungen sind vorliegend allenfalls polemisch und mit sachlichen Argumenten begründet«, sagt Kudella. Damit weist er auch den Vorwurf der Schmähkritik zurück. »Kennzeichnend für eine unzulässige Schmähkritik sind Werturteile, die in jeder Hinsicht einer sachlichen Grundlage entbehren und in böswillige und gehässige Schmähungen übergehen«, erklärt er.

Wie Brodermanns seinen Text glättete

Da die sachliche Grundlage de facto vorhanden ist, reagierte auch Björn Brodermanns entsprechend perplex auf das Schreiben von Matmours Anwalt. Er hatte schließlich seine subjektive Kritik mit einer Statistik unterfüttert. Das war Matmour und seinem Anwalt allerdings zu wenig. Brodermanns habe es vermisst, die Gründe für die Entstehung der Statistik zu nennen, so der Jurist. Matmour sei nämlich in »zahlreichen Spielen der erwähnten ›69 Spiele‹ nur für wenige Minuten eingesetzt wurde«.

Brodermanns veröffentlichte am 28. Februar tatstächlich eine Richtigstellung auf seinem Blog. Nun heißt es:

»Karim Matmour (...) wollte seine Quote von 4 Toren und 3 Torvorlagen in 69 Spielen verbessern. Ein Grund für diese ausbaufähige Quote könnten 29 Auswechslungen und 20 Einwechslungen Matmours sein, in denen er es auf ca. 4430 Spielminuten brachte. Ich bin mir sicher, das der ›Offensivallrounder‹ Borussias diese Quote noch diese Saison stark verbessern wird, sollte ihn der Trainer aufstellen - zeigt er doch immer vollsten Einsatz zu seiner größten Stärke, der Schnelligkeit (der Algerier ist einer der schnellsten Bundesligastürmer). Sollte ihn der Trainer tatsächlich auf seiner angestammten Position des Stürmers beginnen lassen, steht dem nichts im Wege.«

Eine Schönheitsoperation im großen Stil. Fraglich allein, ob Karim Matmour diese daraus entstehenden harten Fronten tatsächlich so gewollt hat – oder ob da ein Anwalt auf der Folie Bundesliga ein bisschen PR in eigener Sache betreiben wollte. Gerade im heutigen Fußball, bei dem alles ein bisschen heller glänzt, scheint dies kein unübliches Gebaren.

Nach Enkes Tod wurde eine neue Sensibilität beschworen

Fern des juristischen Sachverhaltes sollte man dennoch nach der moralischen Verantwortung und Positionierung eines Blogs fragen – gerade vor dem Hintergrund der großen Reden über die Menschlichkeit im Fußball, die in den vergangenen eineinhalb Jahren inbrünstig und oftmals voller Pathos gehalten wurden. Wurde in der jüngeren Vergangenheit nicht allenthalben eine neue Sensibilität im Profisport beschworen? 

Dieser scheint allerdings in zu großer Eile, als dass die Beteiligten (Spieler, Funktionäre, Medien, Fans) innehalten könnten, um etwas Distanz zum Geschehen und zum Gesehenen aufzubauen. Um einfach mal zu fragen, ob ein Mensch, nur weil er sich für den Beruf Profifußballer entschieden hat, es verdient hat, als Sau durchs Dorf getrieben zu werden. Ganz egal, welche Leistung er präsentiert, ganz egal, welche finanziellen Vorteile er trotzalledem genießt. Kann man es also verwerflich finden, als die BILD-Zeitung einst der kompletten Mannschaft von Hannover 96 eine »Sechs« verpasste, weil diese, genau, »unterirdisch« spielte? Sollte man Plakate verbieten, auf denen »Tod und Hass dem ______« (hier bitte Verein Ihrer Wahl einfügen) steht? Und was ist mit Busblockaden, radikal subjektiven Blog-Einschätzungen, Gegen-Fanzines, »Koan Neuer«-Plakaten, dem 11freunde.de-Liveticker, »Frontzeck raus!«-Sprechchören oder die nun immer wieder kehrenden Pfiffe gegen Karim Matmour? Fußball ohne all das wäre sicherlich sensibler. Wäre er indes auch ähnlich emotional? Gehört nicht all das auch dazu? Es ist ein Dilemma.

Brodermanns hätte sich ein Telefonat gewünscht

»Ich habe Matmour nie menschlich angegriffen und davon distanziere ich mich auch nach wie vor. Ich finde es auch zweifelhaft, wenn eine ganze Kurve sich über Monate auf einen einzigen Spieler einschießt und ihn gnadenlos auspfeift«, sagt Brodermanns. Er wird trotzalledem nicht mehr kritisch über Karim Matmour schreiben, sonst könnte von dem Anwalt die Forderung für einen vierstelligen Betrag eingehen. Vielleicht, sagt er, wäre alles ganz einfach gewesen. Ein Anruf. Ein Gespräch. Wie früher. »Man hätte dann ein schönes Interview machen können und alles einfach mal diskutieren können«, sagt er. Klingt ganz hervorragend. Sensibel. Einfach. Eine Idee fürs nächste Mal.

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