Warum Hoffenheim (nicht) Meister wird

Siegen die Gallier weiter?

Die TSG Hoffenheim erstaunte in der Hinrunde ganz Fußball-Deutschland. Schafft es die Mannschaft, den Höhenflug aus der Hinrunde fortzusetzen? Ein Pro und Contra. Warum Hoffenheim (nicht) Meister wirdImago Das Pro

Von Thomas Hummel

Warum Hoffenheim Meister wird? Ganz einfach: Es wäre die perfekte Geschichte. Der Fußballklub eines winzigen Dorfes im Kraichgau (die meisten Deutschen wissen nicht einmal, wo das Kraichgau ist) kommt in die Bundesliga und lässt nicht nur die Möchte-gern-Großen aus Schalke, Dortmund, Hamburg und Berlin hinter sich, sondern sogar die wirklich Großen aus München. Und dass Mäzen Dietmar Hopp seine Millionen nicht für Nationalspieler und abgehalfterte Stars ausgibt, sondern damit fast immer unbekannte Talente finanziert, rundet die Story ab.

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Warum Hoffenheim Meister wird? Die Antwort darauf hat ausgerechnet Franck Ribéry gegeben. Der Bayern-Star berichtete, französische Journalisten seien nach Hoffenheim gefahren und etwas verstört zurückgekehrt. Ein Dorf? Die Landsleute seien Menschen auf Traktoren begegnet. (Oh la la!) »Die haben mir gesagt: Das ist wie bei Asterix!«

Womit man beim bestimmenden Motiv angekommen ist: dem Asterix-Motiv. Eine kleine Turn- und Sportgemeinschaft mit unerschrockenen Fußballern kämpft gegen eine mächtige Aktiengesellschaft (FC Bayern!) und ist dabei listig genug, zu bestehen. Das mit dem Zaubertrank ist nicht mehr erlaubt (Doping!), weshalb die Hoffenheimer Trainer engagiert haben, die die Spieler auf legale Weise (fast) unbesiegbar machen sollen. Da wäre Cheftrainer Ralf Rangnick zu nennen, der nach Niederlagen so beleidigt ist wie ein Kind, das im Supermarkt das Überraschungsei ins Regal zurücklegen muss. Bekannt sind auch Bernhard Peters, der innovative Ex-Hockey-Trainer oder Nationalmannschafts-Psychologe Hans-Dieter Hermann. Die neueste Zutat im Hoffenheimer Trainer-Zauber kommt aus den Niederlanden: Marcel Lucassen, Technik-Trainer.

In einem Interview sagte Lucassen: »Meine Referenz ist das höchste Niveau, die Weltspitze.« Er soll zum Beispiel die Schusstechnik von Stürmer Chinedu Obasi verbessern, der die Bälle nur in der Luft optimal trifft, weil er als Kind in Nigeria auf so unebenen Plätzen gespielt hat, dass Flachpassspiel keinen Sinn machte. Und wenn dieser fabelhafte Obasi nun auch noch schießen lernt, dann ...

Warum Hoffenheim Meister wird? Weil nach der Verletzung von Toptorjäger Vedad Ibisevic ohnehin keiner mehr mit dem Aufsteiger rechnet. Der Druck liegt auf dem FC Bayern, der nun für alle Experten, Möchte-gern-Experten und Nicht-Experten der eindeutige Favorit auf den Titel ist.

Warum Hoffenheim Meister wird? Weil die Gegner (am vorletzten Spieltag auch der FC Bayern) zum neuen Stadion in die kleine Stadt Sinsheim fahren müssen, wo ihnen vielleicht sogar Menschen auf Traktoren entgegenkommen. Dann werden die Gegner lachen wie die Römer einst im Nordwesten Frankreichs - und anschließend ihr blaues Wunder erleben. Eine Frage drängt sich dann allerdings immer mehr ins Zentrum, wird zur Schicksalsentscheidung aller Meisterfeier-Übertrager: Schafft es Dietmar Hopp, ans Rathaus der Großen Kreisstadt Sinsheim (Hoffenheim hat kein Rathaus) einen Balkon zu zimmern? Vielleicht sollte die Turn- und Sportgemeinschaft auch erst mal Zweiter werden.


Das Contra

Von Johannes Aumüller

Danke, Hoffenheim. Danke für eine wunderbar unterhaltsame Hinrunde, für kontroverse Diskussionen und für viel Stammtisch-Leidenschaft. Für manchen flotten Spruch, für manchen flotten Spielzug und vor allem dafür, dass der FC Bayern endlich wieder einen anständigen Duellanten hatte. Seit sich Christoph Daum, Willi Lemke und Rudi Assauer aus der tabellarischen Nähe zu den Bayern entfernt haben, war dieser so wichtige Part des deutschen Fußballs verwaist - endlich ist er wieder besetzt.

Wahrscheinlich dürfte sich die TSG Hoffenheim sogar zu der Mannschaft entwickeln, die es auf Dauer schafft, zu einem ernsthaften Bayern-Rivalen zu werden. Anders als Schalke oder Leverkusen in den vergangenen Jahren. Eher so wie Mönchengladbach in den Siebzigern oder Dortmund in den Neunzigern. Es stimmt rundherum um diesen Klub: ein guter Trainer, ein finanzstarker Mäzen, eine Mehrmillionen-Region als Unterstützung und Zielgruppe.

Doch noch müssen sich die Fans des Klubs gedulden. Hoffenheim lebte in der Hinrunde unter anderem von dieser besonderen Euphorie, die nur Aufsteiger nach einem guten Start entwickeln können, und von der chronischen Blindheit vieler Bundesligisten, die das badische Projekt lange bespöttelten. Beides ist nun nicht mehr der Fall, Euphorie ist ein endliches Gut und wer jetzt noch die TSG Hoffenheim unterschätzt, sollte freiwillig seine Bundesliga-Lizenz zurückgeben. Entsprechend schwerer wird es für die Hoffenheimer, so aufzutrumpfen wie in der Vorrunde.

Zudem muss der Verein nun beweisen, ob er mit Rückschlägen umgehen kann. Die Verletzung von Vedad Ibisevic sorgt für eine große Lücke und viele Konsequenzen. Zum einen, weil er selbst nun mal der treffsicherste Stürmer der Hinrunde war. Zum anderen, weil im Kader nur vier nominelle Stürmer stehen, Rangnicks bisher praktiziertes 4-3-3-System muss wohl auf den Prüfstand.

Die beiden vergangenen Spiele in der Bundesliga konnte die TSG nicht gewinnen, gegen Bayern verlor sie 1:2, gegen Schalke hieß es am Ende 1:1 - und das unter anderem nur deshalb, weil sich Schalkes Mittelfeldspieler Jermaine Jones nicht im Griff hatte und seine Mannschaft beim Stand von 1:0 in Unterzahl brachte. Falls Hoffenheim nun auch den Rückrundenauftakt gegen Cottbus nicht gewinnen sollte, falls Hoffenheim an den ersten zwei, drei Rückrundenspieltagen ein wenig zurückfallen würde (der Tabellenfünfte hat nur drei Zähler Rückstand!) - es geriete zum ersten Mal das Wort von der Krise in die Nähe der badischen Gallier.

Man sollte nicht damit rechnen, dass Hoffenheim - wie schon so manch anderer Klub - nach einer überzeugenden Vorrunde plötzlich ganz stark nachlässt und kaum noch Punkte holt. Dafür ist die Mannschaft spielerisch viel zu souverän. Aber ohne Ibisevic und ohne den Vorteil des unbekannten Aufsteigers hält auch der Höhenflug in dieser Form nicht an. Ein Platz im internationalen Geschäft springt für die Rangnick-Elf allemal heraus, und ein Platz im internationalen Geschäft ist für einen Aufsteiger ein herausragendes Ergebnis - das nicht dadurch getrübt werden sollte, dass in der Winterpause so mancher Experte Hoffenheim gar als Aspiranten für die Meisterschaft und die Champions League sah.

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