12.11.2013

Warum Hamburg Pierre-Michel Lasogga liebt

Das Ungeheuer aus der Tiefe

Pierre-Michel Lasogga verkörpert einen Stürmertyp, der als ausgestorben galt – und gerade deswegen lieben ihn die Fans des HSV. Die Sache ist nur: Momentan würde nicht mal ein Hattrick des Angreifers reichen, um ein Spiel zu gewinnen.

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Stürmer wurden beim HSV schon immer gerne besungen. Die George Martin’s Band blies in den Sechzigern den »Uwe Seeler Marsch«, Stefan Hallberg jubelte Ende der siebziger Jahre: »Schießt Kevin Keegan ein Tor, dann dröhnt es laut im Chor: Wer wird Deutscher Meister?«. Andreas Cramer sang 1982 »H steht für Hrubesch den Giganten«, und selbst Valdas Ivanauskaus fand einmal Erwähnung in einem Lied. Olaf Weitzel und Albert Lorenzen texteten: »Und macht der Ivan einmal Ding-Dong, dann lauf ich splitternackt nach Hongkong«. Da war es ganz egal, dass Ivan relativ selten Dingdong machte.
 
Nun hat es Pierre-Michel Lasogga getroffen. Auf die Melodie von »La Bamba« heißt es in einem Lied: »La la la la Lasogga - er haut sie alle vom Hogga. Er macht ihn rein, wie er kickt, das ist klasse.« Zeilen, die man sich erst einmal verdienen muss. In Hamburg sind sie sicher, dass Lasogga jetzt schon, nach nur acht Ligaspielen, zurecht gehuldigt wird. Schließlich hat er in den acht Spielen achtmal getroffen. Gegen den 1. FC Nürnberg gelang ihm sogar innerhalb von sieben Minuten ein Hattrick. Dreimal riss er die Arme hoch und jubelte in Richtung Fankurve, dreimal küsste er seinen tätowierten Arm und rutschte ein bisschen unbeholfen auf dem Rasen herum. Spätestens da war es Liebe.


Denn seit Horst Hrubesch Anfang der Achtziger zu Ernst Happel sagte, dass er jetzt gehen werde, warten die HSV-Fans auf einen neuen Horst Hrubesch. Mit ihm hatten sie die Meisterschaft und den Landesmeister-Cup gewonnen. Mit ihm gewannen sie beim FC Bayern nach einem 1:3-Rückstand noch mit 4:3 und blieben in 36 aufeinanderfolgenden Spielen ohne Niederlage. Es war eine Epoche der Dominanz, es waren Jahre der Herrlichkeit. 

Sturmtank der alten Schule
 
Nun ist da Pierre-Michel Lasogga. 1,89 Meter groß, 89 Kilogramm schwer, tätowiert bis zu den Handgelenken, breites Kreuz, dicke Waden. Er hat einen Wumms, dass die Tribünen beben, und wenn er sich über den Platz bewegt, sieht er manchmal aus wie ein galoppierender Bär. Mal kommt er aus der Tiefe, mal lauert er im Strafraum. Markus Babbel, sein ehemaliger Trainer bei Hertha BSC, sagte über ihn: »Den muss man mit dem Lasso einfangen.« Dabei wirkt Lasogga auch oft wie ein Stürmer, den es im modernen Fußball mit all seinen falschen Neunern und dem ganzen Tiki-taka-Rattenschwanz eigentlich gar nicht mehr gibt. Er ist ein Typ, für den es im Fußballjargon früher Begriffe wie »Sturmtank« oder »Strafraumungeheuer« gab. Er ist ein Typ wie ein Walkman umgeben von Smartphones. Ein analoger Stürmer in einer digitalen Welt.
 
Früher, als er zu Hertha BSC wechselte, hatte er den Spitznamen »Lasagne« weg, weil er ein bisschen zu viel auf den Rippen hatte. Damals war Lasogga 18 Jahre alt. Er hatte sich in den Jugendteams des 1. FC Gladbeck, FC Schalke, Rot-Weiss Essen, SG Wattenscheid 09 und VfL Wolfsburg versucht. Ein paar Monate spielte er bei Bayer Leverkusen und durfte gelegentlich sogar bei den Profis mittrainieren.

»Wer auf Mutti hört, macht keine Fehler«
 
Als er bei Hertha BSC ankam, hatte er so viele Fußballklubs in seiner Vita stehen wie andere in ihrer gesamten Laufbahn nicht. Seine Mutter sagte im kicker: »Die Wechsel haben ihn immer nach vorne gebracht.« Pierre-Michel sagte: »Wer auf Mutti hört, macht keine Fehler.«
 
Mit Mutti ist das sowieso so eine Sache. Kerstin Lasogga, die zugleich Ehefrau des ehemaligen Nationaltorhüters Oliver Reck ist, managt seit einiger Zeit ihren Sprössling wie eine Löwenmama. Sie tritt dominant auf und mag es schrill: Unechte Fingernägel und platinblonde Haare, die sie manchmal zu einem Kamm formt oder mit Strähnchen aufpeppt, wie es die Schauspieler in den Dokusoaps von RTL2 machen. Ihren Sohn nannte sie Pierre-Michelle, so steht es heute noch im Uefa-Spielerpass. Der Name sollte nach New York, Hollywood oder Paris klingen, obwohl er in Gladbeck bei Bottrop zur Welt kam. Der Name heißt im Hebräischen: »Wer ist wie Gott?« Eine rhetorische Frage.

Vor dem Lasogga-Skjelbred-Leihgeschäft zwischen dem HSV und Hertha BSC berichtete die »Welt« von einem Disput zwischen Kerstin Lasogga und Oliver Kreuzer. Der HSV-Sportdirektor wollte per Telefon noch einmal bereits geklärte Vertragsdetails ändern. Er erreichte Frau Lasogga auf der Autobahn Richtung Hamburg, doch die legte prompt wieder auf. Es heißt, sie sei wieder in die Heimat gefahren.

 
 
 
 
 
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