Warum Giggs die Champions League so liebt
21.05.2008

Warum Giggs die Champions League so liebt

Die europäische Depression

Einst gab Ryan Giggs seinem Großvater ein Versprechen: Ja, Opa, ich spiele für Wales. Was den alten Mann glücklich machte, verbaute dem Athleten den Weg zu einem Weltturnier. Dennoch will er mit einem großen Titel abtreten.

Text:
Lucas Vogelsang
Bild:
imago

Irgendwo an einem Strand an der walisischen Küste, wo er so viele traurige Sommer verbracht hat, wird es Ryan Giggs vielleicht für einen schwachen, flüchtigen Moment bereut haben, dass er vor mehr als zwanzig Jahren auf seinen Großvater gehört hat. Ständig hatte Granpa Giggs seinen Enkel angefleht, für das Heimatland seiner Mutter zu spielen – für Wales. Giggs war gerade 14 Jahre alt, ein halbes Kind noch, als er die wohl wichtigste Entscheidung seiner Karriere traf. England oder Wales. Immerhin lebte er in der Nähe von Manchester, war Kapitän der englischen U15-Schülernationalmannschaft, und das große United hatte ihn unlängst in seine Jugendabteilung aufgenommen. Am Ende war es der Vater, der ihm die Entscheidung leicht machen sollte.



Danny Wilson, ein Rugbyspieler aus Sierra-Leone war mit der Familie nach England gezogen. Er hatte die englische Staatsbürgerschaft angenommen, liebte das Land. Seine Frau, eine Waliserin, hatte er in Cardiff kennen gelernt. Dort, in der Hauptstadt des kleinen Landes, ist Ryan Giggs aufgewachsen. Dort hatte er Rugby gespielt, ehe die Eltern nach Swinton im Norden Englands gezogen waren. Hier wurde sein großes Fußballtalent entdeckt, und England wurde langsam zu seiner zweiten Heimat. Damals trug der junge Ryan Joseph auch noch den Namen seines Vaters, Wilson. Doch dann trennten sich die Eltern, der Vater verließ die Familie. Und nahm zwei Dinge mit: Die Liebe zum Rugby und die Verbindung zu England. Giggs nahm den Namen seiner Mutter an und entschied sich für die walisische Nationalmannschaft.

Eine Entscheidung, die seine Karriere bis heute beeinflusst und der milchige Makel auf der trophäenglänzenden Laufbahn des Walisers geblieben ist. Giggs, der am 11. Mai 2008 sein 758. Pflichtspiel für Manchester United absolviert und so den ewigen Rekord von Bobby Charlton eingestellt hat, der zehn englische Meisterschaften geholt hat, so viel wie niemand sonst auf der Insel, hat nie ein großes Turnier gespielt. Keine WM, keine EM. Fast wirkt es so, als hätten dunkle Kräfte mit Spielfeldkreide einen Bannkreis um die großen Turniere gezogen, die es Magier Giggs unmöglich machten, die große internationale Bühne zu betreten.




Öffentlich hat Giggs die Entscheidung für Wales trotzdem nur ein einziges Mal bereut. Dann aber auch nicht richtig. Als er seine Karriere in der Nationalelf im vergangenen Juni nach 64 Länderspielen beendete, ging der Kapitän der Waliser sichtlich verbittert von Bord. Seine Abschiedsworte boten einen tiefen und seltenen Einblick in sein Seelenleben: »Ich habe es immer geliebt, für meine Heimat zu spielen und Kapitän meines Landes zu sein«, erklärte er nach seinem letzten Spiel gegen Tschechien. Und fügte noch einen Satz hinzu, in dem tiefe Traurigkeit mitschwang: »Aber leider haben wir uns nie für ein großes Turnier qualifiziert, dabei war das etwas, was ich immer schaffen wollte, weil man sich dort mit den besten der Welt messen kann.« Einige starke Spiel, doch noch mehr verpasste Chancen.

Dabei hasst der stille Waliser Niederlagen noch mehr, als er Siege genießen kann. Schließlich hat er die Erfolgsbesessenheit von seinem Mentor und Ziehvater Alex Ferguson fast zwanzig Jahre lang eingetrichtert bekommen, der pustelrote Jähzorn des geschlagenen Schotten, er hat auch auf Giggs abgefärbt. Nur wird diese Besessenheit bei Giggs eben auch von seinem Patriotismus, seiner bedingungslosen Liebe für das Vaterland übertroffen.

Heute sagt Giggs: »Ich wollte immer für Wales spielen. Dort wurde ich geboren, meine Familie lebt dort - ich bin ein hundertprozentiger Waliser.« Kein Wort über seinen Vater. Giggs hat sich, so sagt er es immer wieder, ganz bewusst für Wales entschieden. Nie würde er seine heilige Heimat verraten, indem er zugeben würde, wie sehr ihn die internationale Enthaltsamkeit geschmerzt hat. Doch jede gescheiterte Qualifikationsanstrengung, jede Niederlage hat ihn verfolgt. Weit hinein in die vielen traurigen walisischen Sommer, in denen Giggs traurig und allein am Strand saß, während der Kontinent eine rauschende Ballnacht feierte.

Und doch hatte Giggs schon damals, mit 14, genau gewusst, welche Chancen er zusammen mit dem Drei-Löwen-Trikot abstreifte. Wales hatte sich bis auf 1958 nie für ein großes Turnier qualifiziert. Er wählte ganz bewusst die pathologisch erfolglose Nationalmannschaft seiner Heimat. Denn Ryan Giggs trägt sein Mutterland im Herzen, man liest es in seinem Gesicht. Und dass er das kleine Wales dem großen England vorzog, war eine typische Giggs-Entscheidung. Wenn man genau hinschaut, in die immer noch scheuen Augen, die nur funkeln, wenn Giggs über den Rasen fliegt wie ein Stepptänzer, spürt man, dass der heute 34-Jährige für Wales gespielt hat, weil dieses Land ist wie er. »Ich habe immer versucht, ein ruhiges Leben zu führen«, sagt Giggs, der seine Interviews in gefühltem Flüsterton gibt. So schnell wie er sonst über den Platz fegt, wirken seine medialen Statements oft wie eingespielte Zeitlupen-Sequenzen.

Giggs, zu Beginn seiner Karriere noch Boygroup-kompatibler Mädchenschwarm, ist außerhalb des Platzes ein fast schon introvertierter, medienscheuer Stoiker. Seine Antworten sind kurz, Giggs versprüht in etwa so viel Glamour wie Jim Jarmusch. Neben all den Glitzergestalten des modernen Fußballs und besonders im Vergleich zu seinem Freund, dem Hobbyfußballer, Unterwäschemodel und Spice-Boy David Beckham, wirkt er oft wie ein kauziger, Pfeife rauchender Schafzüchter aus dem walisischen Hochland. Er scheut das gleißende Licht der Boulevard-Scheinwerfer, dem die englischen Nationalspieler rund um die Uhr ausgesetzt sind. Für Wales zu spielen ist für einen Profi wie ihn, der in einem der wichtigsten und angespanntesten Klubs der Welt spielt, immer auch eine Entschleunigungs-Therapie gewesen. Hier hat er sich vor den gierigen Blicken der gelben Presse zurückziehen können. Die walisische Nationalelf, immer im Kernschatten des großen dreilöwigen Bruders und der scheue Giggs – es ist eine glückliche Ehe gewesen. Nur hat Giggs diese Idylle eben mit der internationalen Zweitklassigkeit bezahlt.

Der zerstörte Traum

Auch mit Giggs blieben die Waliser bis auf wenige Rückfälle dauerhaft erfolgsabstinent. Es gelang ihnen zwar immer wieder, vereinzelt Ausrufezeichen zu setzen, doch deren Echo hallte nie lang nach. Nur einmal, vor fünf Jahren, waren Giggs und Wales wirklich ganz nah dran. Doch ein einziges russisches Tor zerstörte den Traum von der Europameisterschaft 2004 in Portugal.

Wales hatte eine starke Qualifikation gespielt. Vor 70.000 Zuschauern im ausverkauften Millenium Stadium von Cardiff rangen sie selbst die favorisierten Italiener nieder. Simon Davies und Craig Bellamy sicherten das 2:1. Für Trainer Mark Hughes war es das beste Spiel in der Geschichte des walisischen Fußballs. Über 500.000 Waliser verfolgten das Duell an den Fernsehschirmen, ein Land hoffte, ein Land bangte, ein Land wollte zur Euro. Niemals zuvor waren sich Giggs und seine Landsleute so nahe, vereint in einem verzweifelten Verlangen nach diesem einen Turnier.

Auf dem Rasen war pure Entschlossenheit zu erkennen

Denn nie war ihre Chance größer, sich für die EM-Endrunde zu qualifizieren. Wales spielte die Qualifikation mit der wohl besten Mannschaft seit der WM 1958. Neben Ryan Giggs spielte sein alter Mannschaftskamerad aus Manchesters Jugendmannschaft Robbie Savage dazu Craig Bellamy, Gary Speed, Simon Davies und der Celtic-Brecher John Hartson. Erfahrene Premier-League-Profis, die nicht nur kämpfen konnten. Klangvolle Namen. Für walisische Verhältnisse fast schon eine goldene Generation. Zumindest stand Dirigent Giggs in dieser Zeit einem Orchester vor, das seine Handzeichen deuten und auf seine oft unvorhersehbaren Tempowechsel reagieren konnte. Nie wieder war Giggs selbst so dicht davor, seiner jugendlichen Erntscheidung für Wales selbst den finalen Sinn zu geben. Doch der Glanz dieses einen Abends in Cardiff war schnell wieder verblasst.

Am Ende reichte es hinter Italien nur zu Platz zwei. Wales musste in die Relegation. Die Waliser scheiterten, ohne ein Tor zu erzielen. In Russland erkämpften sie sich ein verdientes 0:0. Vier Tage später kam es zum Rückspiel, ein ganzes Land stand mit einem Bein in Europa, die Waliser wähnten sich schon in Portugal.

Wieder spielten sie in Cardiff, das Stadion brodelte – doch im Angesicht der Historie, an der Schwelle zum Heldentum versagten Ryan Giggs und seiner Mannschaft die Nerven, sie wirkten wie paralysiert. Nach zwanzig Minuten gingen die Russen in Führung, die Euphorie, die die walisische Mannschaft zuvor durch die Qualifikation getragen hatte, lag nun zentnerschwer auf den Schultern der Spieler. Unter den Erwartungen eines ganzen Landes zerbröselte ihr Spiel. Sie rannten nun nicht mehr nur gegen die Russen an, sie spielten gegen die Geschichte. Gegen das eigene Mantra der Erfolglosigkeit. Je länger das Spiel dauerte, desto stiller wurden die über 70.000 Zuschauer in Cardiff, die Angst vor einem erneuten Scheitern war allgegenwärtig, das Publikum erstarrte, die Spieler verkrampften. Als der finale Pfiff ertönte, ließ sich ein ganzes Land erschöpft auf den Rasen fallen. Die roten Drachen auf grün-weißem Grund hingen kraftlos an den Zäunen und Masten des Stadions. Sie ließen den Kopf hängen, als wären sie das Spiegelbild ihres größten Spielers. Ryan Giggs’ Blick war leer. Er wusste, dass dieser Sommer wieder lang werden würde.

Diese Nacht in Cardiff war das letzte große Scheitern


Giggs teilt das Los der unvollendeten Karriere mit einer anderen Manchester-Legende, deren Vermächtnis er lange Zeit als überlebensgroßen Schatten seinen Karriereweg entlang schleppte.
George Best, der nordirische Exzentriker, den der Alkohol schließlich dahingerafft hat, blieb mit seinem Heimatland ebenso turnierabstinent wie Giggs. Irgendwie klingt es wie ein gehässiger Streich der Fußballgötter, dass ausgerechnet den beiden größten Spielern in Manchesters Historie, die diesem Verein ein Gesicht gegeben und Titel im Dutzend gesammelt haben, der große Auftritt bei Weltklassetreffen verwehrt geblieben ist. Und das einfach nur, weil sie in der falschen Ecke Großbritanniens zur Welt gekommen sind.

Denn obwohl Giggs eine ganze walisische Fußball-Dekade geprägt hat, hinterließ er doch nichts von Wert. Er hatte sich tapfer, wie es sich für einen Waliser gehört, einer Herkules-Aufgabe gestellt und verloren. Auch, weil er einfach zu oft auf sich allein gestellt war, wenn er das rote Trikot mit dem weißen Kragen trug.

Viele Jahre lang hat Giggs ein Team der Namenlosen angeführt. Denn bis auf Craig Bellamy oder Robby Savage, John Hartson vielleicht noch oder Simon Davies, hat Wales in der Ära Giggs meist nur Fußballer für die unteren englischen Spielklassen produziert.

Giggs litt in Wales, wie auch Best vor ihm in der Auswahl Nordirlands, unter dem Schicksal vieler großer Genies, die für ihr Umfeld einfach einen Schritt zu schnell dachten. In mehr als 15 Jahren, die Ryan Giggs für Wales spielte, hatte er nur ganz selten ein Team, das seinen eigenen Ansprüchen genügte. Er war ein Genius ohne echte Mitspieler. Ein Virtuose ohne Ensemble, allein mit seinen Ideen. Doch Giggs braucht Spieler an seiner Seite, die auf seine spontanen Eingebungen eingehen können und wenn nötig, wenn es bei ihm nicht so läuft, das Spiel an sich reißen können. Deshalb hat das fragile Konstrukt Giggs bei Manchester so gut funktioniert. Dort konnte er seine magischen Momente wohl überlegt portionieren, er konnte sich schwache Momente erlauben, weil das Spiel seiner Mannschaft ohne ihn nicht gleich implodierte. In dieser Saison konnte Giggs auch deshalb noch einmal so leichtfüßig auftrumpfen, weil Christiano Ronaldo ManUs Spiel bestimmte, wenn Giggs eine Pause brauchte, ließ er sich einfach in den Wirbelwindschatten des Portugiesen fallen. In der walisischen Nationalmannschaft aber war ein solches kreatives Luftholen unmöglich.

Die persönliche Europameisterschaft

Nach der Niederlage gegen Russland ist Ryan Giggs in ein tiefes Loch gefallen. Der ewige Giggs war kaum noch leichtfüßig, eher bekümmert. Damals hätte er sein Manchester fast verlassen. Doch ein letztes großes Ziel hielt ihn im Old Trafford, in diesem Theater der Träume. Giggs wollte sich noch einmal Europas Krone aufsetzen. Für Giggs ist der neuerliche Triumph in der kontinentalen Meisterliga das einzig mögliche Mittel gegen seine europäische Depression, ein goldglänzendes Trostpflaster für einen weiteren EM-Sommer am Strand. Giggs’ fast schon manisches Verlangen nach der größten Trophäe im europäischen Klubfußball hat ihn aus dem Leistungstief geholt. So gut wie in den letzten beiden Jahren war der erfolgreichste Spieler der Premier-League vielleicht noch nie. Am Mittwoch nun hat er die Chance, neun Jahre nach Barcelona zum zweiten Mal die Champions-League zu gewinnen. Das Finale in Moskau ist Giggs ganz persönliche Europameisterschaft. Und sollte er es gewinnen, ein ganzes Land wäre stolz auf Ryan Joseph Giggs. Sein Großvater wohl auch.


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