Warum gibt es in England keine echte Protestkultur?

Die Kunden sind unruhig

Seit 10.000 Liverpool-Fans gegen zu hohe Ticketpreise protestierten, geht ein Ruck durch England. Die zahlenden Kunden merken, dass sie etwas bewegen können.

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Vier Tage lagen zwischen der schallenden Ohrfeige und der Kapitulation der Geohrfeigten.

»Wir sind sehr beunruhigt wegen der Wahrnehmung, dass wir uns nicht für die Interessen unserer Fans interessieren würden, dass wir gierig wären und versuchen würden, uns auf Kosten des Vereins zu bereichern«, schrieben die Besitzer des FC Liverpool in einem offenen Brief: »Das genaue Gegenteil ist der Fall. Um das klarzustellen – wir haben niemals einen einzelnen Penny aus dem Fußballklub heraus genommen.«

Mit ihrer Stellungnahme reagierten die US-Amerikaner John W. Henry, Tom Werner und Mike Gordon von der Fenway Sports Group, zu deren Besitz der FC Liverpool seit Oktober 2010 gehört, am Mittwoch auf den wohl wütendsten Fanprotest in der 124 Jahre langen Geschichte des englischen Traditionsvereins.

Was war passiert?

Am Samstag hatten rund 10.000 Fans des FC Liverpool beim Heimspiel gegen den AFC Sunderland das Stadion schon nach 77 Minuten verlassen. Aufgerufen hatten dazu die beiden Fangruppierungen »Spion Kop 1906« und »Spirit of Shankly«. Ziel der Aktion war es, ein Zeichen zu setzen gegen den wenige Tage zuvor veröffentlichten Ticketkatalog für die Heimspiele in der kommenden Saison.



Dieser sah vor, den Preis für die teuerste Tageskarte von 59 auf 77 Pfund anzuheben – das sind umgerechnet rund 100 Euro. Ein Preis, der sich sogar für Premier-League-Verhältnisse am oberen Rand der Skala bewegt. Zudem sollte die teuerste Dauerkarte ab der nächsten Saison nicht mehr 869 Pfund kosten, sondern 1029 Pfund.

Sollten Baukosten auf die Fans umverteilt werden?

Grund für die Neustrukturierung der Preise ist die gegenwärtige Erweiterung der Haupttribüne des legendären Stadions an der Anfield Road – rund 54.000 Zuschauer werden ab der Spielzeit 2016/17 darin Platz finden, das sind 8500 mehr als vorher.

Die Kosten für den Umbau liegen bei umgerechnet knapp 150 Millionen Euro. Eine Investition, die die Besitzer offenbar auch auf die Schultern ihrer zahlenden Kundschaft umverteilen wollten. Und das in einer Zeit, in der allen Premier-League-Klubs wegen des  6,9 Milliarden Euro schweren Inlands-TV-Deals für die kommenden drei Spielzeiten ein warmer Geldregen bevorsteht – die Auslandsvermarktung der Fernsehrechte noch nicht mal mit eingerechnet.

Viele Liverpool-Fans machte das so wütend, dass sie beim massenhaften Verlassen des Stadions einen Slogan schmetterten, den sie in seiner brachialen Klarheit nicht besser hätten auswählen können: »You greedy bastards, enough is enough!« (Ihr gierigen Bastarde, genug ist genug!) Den Besitzern blieb kaum eine andere Wahl, als die Pille vorerst zu schlucken. »Message received«, schrieben sie in ihrer Stellungnahme: Botschaft angekommen.

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