19.05.2012

Warum es weh tut, Bayern-Fan zu sein

Hundeniederlagen!

Es heißt gemeinhin, ein Bayern-Fan komme mit dem goldenen Pokal im Mund zur Welt und kenne schlichtweg kein Leid. Ein Irrtum, denn niemand hat es schwerer als die Anhänger des Rekordmeisters. Eine Erregung

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Er kommt mir entgegen, am helllichten Tag, aber ich nehme ihn erst wahr, als er mich anspricht. Er trägt einen Bundeswehrparka, für den er viel zu alt ist, die Flagge abgetrennt, sein Haar ist strähnig und schon grau meliert, in der Hand hält er eine Flasche Sternburg – doch trotz allem ist er es, der mich anraunzt: »Voll schlechter Geschmack, ey!« Für einen Moment kapiere ich überhaupt nicht, dass er mich meint, ich verstehe nicht, wie er dazu kommt, aber sonst ist niemand da. Dann fällt es mir wieder ein: Ich war Fußballspielen, ich trage ein Trikot des FC Bayern München, ich bin, zumindest hier in Berlin, Freiwild. Im nächsten Moment ist er auch schon vorbei, ich höre ihn noch anstoßen mit sich selbst. Prost, dem Bayern-Arschloch haben wir es aber gezeigt.


Der FC Bayern München hat rund 180 000 Mitglieder und mehr als 220.000 Anhänger, die in über 3000 offiziellen Fanklubs organisiert sind, dazu Millionen, die sich in Marketing-Umfragen zu ihm bekennen; aber in den Kreisen und an den Orten, wo ich mich bewege und arbeite, stehe ich als Bayernfan weitgehend alleine da. Bemerkenswerterweise gelte ich trotzdem als Opportunist. Dabei ist noch fraglich, ob es mich überhaupt gibt, denn besonders kluge und witzige Zeitgenossen haben herausgefunden: Der FC Bayern hat überhaupt keine Fans. Fans nämlich, so diese Forscher, zeichneten sich ausnahmslos dadurch aus, dass sie mit ihrem Verein leiden. Bayern-Anhänger hingegen hätten angesichts der Erfolgsgeschichte ihres Klubs ja keine Ahnung, was das überhaupt bedeute, wollten nur den Erfolg abgreifen, ohne Emotionen zu investieren. Ich kann nur für mich sprechen, für meine Kreise und die Orte, an denen ich mich bewege und arbeite, aber dort steht fest: Nichts könnte falscher sein, Bayernfans leiden – die ganze Zeit.

Bayern-Fan zu sein ist gottgeben wie die absolute Mehrheit der CSU

Es begann am 26. Mai 1999. Andy und ich waren beide 21 Jahre alt, seit einem guten halben Jahr in Berlin und hatten erst in Ansätzen kapiert, was das für uns und unsere Liebe zum FC Bayern bedeutete. Wobei zu dieser Liebe im Jahr 1999 noch zu sagen wäre: Sonderlich leidenschaftlich war sie damals noch nicht. Wir waren Bayernfans, das ja, aber was hieß das schon? Wo wir herkommen, aus einer kleinen Stadt 90 Kilometer südwestlich von München, fiel unsere Wahl vollkommen selbstverständlich auf den großen FCB, sobald wir begannen, uns für Fußball zu interessieren. Auf wen auch sonst? Auf den TSV 1860, der irgendwo in der Bayernliga umherdümpelte? Es mag auch damals noch vereinzelt Kinder gegeben haben, die familienbedingt in eine solche Situation gekommen sind, uns wäre der bloße Gedanke absurd vorgekommen, da hätten wir ja gleich die Spiele der SpVgg Kaufbeuren besuchen können, für die wir in der F-Jugend aufliefen. Fan der Bayern zu sein war so normal, so gottgegeben und vor allem so unabänderlich wie die absolute Mehrheit der CSU. Ob einem das nun gefiel oder nicht.

Am 26. Mai 1999, dem Tag des Champions-League-Finales des FC Bayern gegen Manchester United in Barcelona, wurde endgültig offenkundig, dass sich die Zeiten für uns geändert hatten. Wenige Tage vor dem Spiel hatten wir noch absolut keine Ahnung, wo wir das Finale halbwegs würdevoll und dem Ereignis angemessen anschauen könnten. Public Viewing gab es damals noch nicht beziehungsweise bezeichnete der Begriff öffentliche Totenwachen in den USA – was von den Übertragungen der Bayernspiele allerdings nicht so weit entfernt war. Wenn es überhaupt welche gab. Eine Kultur des gemeinsamen Fußballschauens hatten wir zumindest noch nicht ausgemacht. Wir kannten nur die Mary-Jane-Bar auf der Kastanienallee, die bei fünf Besuchern aus allen Nähten platzte und eine ganze Reihe Eckkneipen, in denen man zwar ab und an eine Bayern-Übertragung durchsetzen konnte, etwa, weil man zu zweit bereits die Mehrheit der Gäste stellte, wo es allerdings auch gleich mehrere Wirte geschafft hatten, die neu gewonnene Kundschaft durch Zurschaustellung bitterer Ressentiments – sei es gegen Bayern im Speziellen oder Ausländer im Allgemeinen – gleich wieder zu vergraulen. Keine Optionen für die avisierte Sternstunde der Vereinsgeschichte

Bayern-Fans leiden sehr wohl

Die Rettung kam schließlich in Form einer Barfrau daher, für die ich mich eher pflichtschuldig ein wenig interessierte, hauptsächlich deswegen, weil sie eine Frau war und in einer Bar um die Ecke arbeitete, weswegen ich sie öfter zu Gesicht bekam als sonst ein weibliches Wesen. Übrigens war sie, aus heutiger Sicht betrachtet, eher ein Mädchen, damals aber unbedingt eine »Frau«. Wie sonst hätte ich ein Mann sein können?

Ihr klagten wir am Tresen von unserer Misere, und innerhalb von Sekunden schien sich alles zum Guten zu wenden. Sie war nämlich eingeladen worden, von einem echten Münchner Bayernfan, der das Spiel bei sich im Hinterhof mittels Beamer auf Leinwand zeigen wollte. Da könnten wir ja mitkommen. Beamer, Leinwand, Hinterhof – wir hätten misstrauisch werden sollen, es war zu schön, um wahr zu sein, schließlich schrieben wir das Jahr 1999, und Beamer waren sozusagen noch gar nicht erfunden worden. Wir wurden aber nicht misstrauisch, wir hörten nur: Beamer, Leinwand, Hinterhof – so hatten wir uns Berlin vorgestellt, so stellten wir uns die Zukunft vor. Dann ging alles den Bach runter.

Bayern-Fans leiden sehr wohl

Als wir am Spieltag bei dem Typen ankamen, erfuhren wir von ihm als Erstes, dass die Barfrau ihn angerufen habe. »Die kommt net.« Er sagte das in einem Ton, der nahelegte, dass es seiner Meinung nach dann ja wohl unsinnig sei, wenn wir blieben, was wir zwar wahrnahmen, aber ignorieren mussten, schließlich würde es in einer halben Stunde losgehen, und so viel hatten inzwischen selbst wir kapiert, dass man so kurz vor dem Spiel auf keinen Fall noch einmal den Standort wechseln darf, wenn man nicht die erste Halbzeit verpassen und am Ende in einer Dönerbude enden will. Wir blieben also, er nahm es hin – schließlich hatten wir Bier dabei – und führte uns in seine Wohnung, wo sich bereits fünf Typen mit Münchner Akzent um einen kleinen Fernseher scharten.

Wie groß das Gerät wirklich war, kann ich heute nicht mehr sagen, in meiner Erinnerung ist es winzig, im Vergleich zu der von uns imaginierten Leinwand quasi unsichtbar. »Hat net ’klappt«, war die lakonische Antwort, als Andy sich mit aufkommender Panik nach den Hinterhof-Plänen erkundigte.

Wenn ich heute sage, dass Bayernfans mehr leiden als alle anderen und dass ich das an diesem Tag erfuhr, dann meine ich gar nicht nur das Spiel, sondern vor allem die Typen, mit denen wir es sahen. Unser Gastgeber war zwar Bayernfan, seine Kumpels allerdings keineswegs. Sie waren gegen Bayern. Es war ihnen nicht nur egal, sie waren nicht nur nicht für Bayern, sie wollten, dass Bayern verliert. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob sie tatsächlich allesamt Fans des TSV 1860 München waren oder ob ich mir das nur im Nachhinein so zurechtgelegt habe, weil es meine einzige Erklärung dafür war, dass diese Typen meinen Verein so hassten. Die Stimmung während des Spiels war auf jeden Fall ausbaufähig, wir kamen zu dritt gegen ihre miese Laune nicht an.

Wer steht auf der dunklen Seite der Macht?

 
 
 
 
 
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