Warum England nicht gewinnen kann

Warten auf die Damenwahl

Seit 44 Jahren wartet England auf den Gewinn der WM. Liegt das etwa an zu viel Sex, Drugs & Rock´n´Roll im Teamquartier? Matthias Paskowsky sagt: Eher an einem Bündel von Versäumnissen und Defiziten. Und an einem Fluch. Warum England nicht gewinnen kann
Heft#103 06/2010
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Die Geschichte ist ein halbes Jahrhundert alt und vermutlich nicht einmal wahr. In englischen Diplomatenkreisen erzählt man sie trotzdem gern. Baron George-Brown, Labour-Politiker und späterer Außenminister, soll bei einem offiziellen Anlass während einer Südamerikareise auf eine eindrucksvolle Erscheinung in einem purpurnen Gewand Kurs genommen und um den nächsten Tanz gebeten haben. Doch dem Mann schlug vernichtende Ablehnung entgegen: »Erstens sind Sie betrunken. Zweitens ist dies kein Walzer, sondern die peruanische Nationalhymne. Und drittens bin ich der Erzbischof von Lima.«

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Nicht immer liegen die Gründe für den Misserfolg auf internationaler Bühne so klar auf der Hand wie im Falle des alkoholisierten Politikers. Schon gar nicht, wenn es um die englische Nationalelf geht. Ihr letzter und einziger großer Erfolg datiert allerdings fast genauso lange zurück wie Browns missglückte Avancen. Aus »thirty years of hurt« sind mittlerweile 44 Jahre schmerzhaften Wartens auf die Damenwahl geworden. Wie kommt es, dass das Land, das den modernen Fußball erfand und wo die stärkste Liga spielt, letztmals vor so langer Zeit die Trophäe holte?

Der Diebstahl des Jahrhunderts

Beginnen wir mit diesem Titel von 1966, den die Gastgeber – wenngleich nicht unverdient – auf dem Rücken einiger kontroverser Entscheidungen holten, von denen das berühmt-berüchtigte Wembley-Tor nur die Spitze des Eisbergs war. Die Argentinier nennen das verlorene Viertelfinale gegen die Engländer noch heute den »Diebstahl des Jahrhunderts«, bei dem ihnen der deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein nicht nur ihren Kapitän vom Platz stellte, sondern den Engländern auch noch das spielentscheidende Abseitstor zuerkannte. Das folgende Halbfinale gegen Portugal wurde ins Wembley-Stadion verlegt, obwohl die Portugiesen im kleineren Goodison Park von Liverpool »Heimrecht« besessen und dort vor weniger erdrückender Kulisse gespielt hätten. Portugal verlor 1:2. Und zum Finale gegen Deutschland ist wohl alles gesagt. England wurde auf eigenem Boden zum ersten und bislang letzten Mal Weltmeister. Doch dem Team scheint seitdem ein Fluch anzuhaften. Und mit Flüchen ist es wie mit guten Anekdoten: Wahr oder nicht, sie sind verdammt schwer auszurotten.

Zehn Weltmeisterschaften sind seit dem Sieg von Wembley vergangen und an lediglich sieben von ihnen hat England überhaupt teilgenommen. Bis auf jene inspirationslose Niederlage gegen Brasilien 2002 ist England immer gegen eines jener drei Teams aus dem Turnier geflogen, gegen die es die letzten drei Spiele der WM 1966 bestritt. Das ist keine Verschwörungstheorie und kein Aberglaube, das ist zunächst mal Statistik. Für karmagläubige Fußballfreunde stand jedoch schon der Auftritt des Titelverteidigers in Mexiko 1970 unter keinem guten Stern.

Bobby Moore soll geklaut haben

So stieß Mannschaftskapitän Bobby Moore etwas später zum Team. Er war in Bogotá festgehalten worden, weil ihn der Hoteljuwelier wegen Diebstahls eines Goldkolliers angezeigt hatte. Bei der Rekonstruktion der Ereignisse fiel den kolumbianischen Ermittlern auf, dass die Hose, aus deren Tasche ein Zeuge das Geschmeide hatte hängen sehen wollen, gar nicht über eine solche verfügte. Bis heute ist ungeklärt, was damals wirklich geschah. Und obgleich Moore zwei Jahre später höchstrichterlich von jedem Verdacht freigesprochen wurde: Auf Alf Ramseys Wunschliste für eine konzentrierte WM-Vorbereitung dürfte der Einschluss seines Kapitäns in einem südamerikanischen Gefängnis keine Rolle gespielt haben. Es kam, wie es kommen musste: England verlor in der Vorrunde gegen Brasilien und nahm aus der denkwürdigen Viertelfinalniederlage gegen Deutschland gleich mal einen neuen Angstgegner mit, der das Team noch ein paar Jahrzehnte verfolgen sollte.

Zweimal nacheinander verpasste die Nationalelf daraufhin die Teilnahme an der Endrunde. Was viele für verschlampte Qualifikationsrunden hielten, in denen England mit einer Mischung aus Arroganz, Kick & Rush und einem bunten Strauß aus Minderwertigkeitskomplexen nachhaltig dilettierte, war nichts als die natürliche Folge des Niedergangs eines Nationalsports. Während die maroden Stadien in Chaos und Gewalt versanken, verhinderten antiquierte Strukturen die taktische und personelle Erneuerung des Spiels. Weltmeistertrainer Ramsey dankte nach der gescheiterten Qualifikation 1974 ab, sein Nachfolger Don Revie ging 1978.

Verletzung der sportlichen Etikette

In Spanien war man vier Jahre später wieder dabei, konnte in der Zwischenrunde aber weder gegen die Gastgeber noch gegen die Deutschen gewinnen und fuhr so zwar ungeschlagen, aber auch undekoriert wieder nach Hause.

Noch schlimmer kam es 1986, als England in der Hitze von Mexiko City gegen Diego Maradona ran musste. Maradona düpierte die Sportsmänner von der Insel zunächst mit seinem irregulären Handballtor, das – trotz aller Verachtung für die Verletzung der sportlichen Etikette – einfach teuflisch gut gemacht war. Und als ob er diese Sünde sogleich wieder tilgen wollte, umdribbelte er ein paar Minuten später fünf Engländer, um ein unvergessliches Jahrhunderttor zu schießen. England war aus dem Turnier, Maradonas Argentinien wurde gegen Deutschland Weltmeister. Als die beiden Mannschaften sich vier Jahre später im Finale von Rom erneut gegenüber standen, guckte England längst wieder in die Röhre. Diesmal waren die Deutschen Schuld. Paul Gascoignes Tränen im Spiel gegen den Intimfeind beendeten zwar die emotionale Dürre des englischen Fußballs –
die Niederlage von Turin gebar jedoch einen neuen Komplex: die Angst vor dem Elfmeterpunkt.

Feuchtfröhliches Gerangel mit Paul Gascoigne

In unseren Breitengraden hat sich der Glaube breit gemacht, Englands Fußballer neigten beim größten aller Turniere zum bierseligen Drücken des Selbstzerstörungsknopfes. Natürlich hilft es wenig, wenn die halbe Mannschaft auf die Piste geht und der Kapitän Bryan Robson nach einem feuchtfröhlichen Gerangel mit Paul Gascoigne verletzt nach Hause fahren muss; so geschehen 1990 nach dem Vorrundenspiel gegen Holland. Doch wegen solcher Eskapaden ist England nie ausgeschieden. Vielmehr litt die Elf unter der langjährigen Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Anspruch und der sportlichen Realität.

Viel zu lange ruhte sich Fußballengland nach 1966 auf seinen Lorbeeren aus und entwickelte in dieser Phase vor allem gegenüber den taktisch und technisch überlegenen südländischen Mannschaften ausgeprägte Minderwertigkeitskomplexe. Aggressive Massenmedien trugen ihren Teil dazu bei, selbst als die »Three Lions« längst wieder wettbewerbsfähig waren. Unter ihrem Brennglas verdampfen manche Sportkameraden im Nationaltrikot noch immer zu Schatten ihrer selbst. Die grotesk gesteigerte Fallhöhe
blockiert und führt zu individuellen Fehlern sowie Überreaktionen. Im Spielbetrieb einer Ligasaison lassen sich solche Blackouts mit ein paar guten Spielen wieder wettmachen, bei einer WM sind sie fatal.

Und Glück ist nun mal mit den Tüchtigen, die Zweifelnden aber meidet es. Das Wort »Turniermannschaft« gibt es nur im Deutschen. Wenn die Engländer den Fluch besiegen wollen, werden sie sich ohne Zweifel an eine Übersetzung machen müssen.

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