Warum ein Wolfsburg-Ultra säckeweise Post von HSV-Fans bekam

Old-School-Spam

Im Frühjahr 2008 rühmte sich ein Wolfsburger Fan damit, eine Internetseite der HSV-Ultragruppe »Chosen Few« gehackt zu haben. Die Retourkutsche war verheerend: Die HSV-Anhänger schickten dem Hacker eineinhalb Wochen säckeweise Post. Vor dem Aufeinandertreffen der beiden Klubs am Sonntag blicken wir zurück auf einen besonderen Fan-Streit.

CFHH

Der Plan klang großartig. Raffinierter als ein Fahnenklau, lässiger als ein Schmähgesang, stilvoller als ein Mittelfinger. Das hier würde den VfL Wolfsburg auf die Deutschlands Ultra-Landkarte setzen. Das hier war ein Angriff der hohen Schule.

Im Frühjahr 2008 setzte sich ein junger VfL-Anhänger mit erweiterten Computerkenntnissen an seinen Rechner und gab die URL der HSV-Ultragruppe »Chosen Few« (CFHH) ein. Danach schrieb er. Ein paar Codes hier, ein paar Tags dort, der Internet-Partisan löschte die Inhalte der Seite, hinterließ das Logo seiner eigenen Gruppe und den Spruch »Ihr nehmt es mit den Besten auf!«. Danach loggte er sich im fanübergreifenden Ultra-Forum »ultras.ws« ein und verwies auf den Coup.

Der Fan-Krieg 2.0 konnte beginnen
 
Dass es sich um ein altes und inaktives Forum der »Chosen Few« handelte, war erst einmal egal. Man wartete auf den Gegenschlag aus Hamburg, auf den Fan-Krieg 2.0. Doch die HSV-Ultras verhielten sich zunächst ruhig. War die Gruppe so erschüttert, dass ein Fan des ungeliebten Nordrivalen, den sie über all die Jahre als »Plastikverein« oder »Retortenklub« verhöhnt hatten, einfach so ihre Seite hacken konnte? Tatsächlich schmiedete die Gruppe ebenfalls einen Plan. Einen, der noch teuflischer sein sollte als der Hacker-Angriff.

Ein CFHH-Mitglied konnte recht schnell feststellen, dass der Wolfsburger im Überschwang vergessen hatte, seine Wegmarken zu löschen und sein Profil zu anonymisieren. Über die IP-Adresse fand er Name und Adresse des Hackers raus.
 
Statt mit einem Gegenangriff im Internet zu reagieren, setzten die Hamburger auf eine nahezu prämoderne Form der Kommunikation: die Post. 50 bis 60 Fans sondierten unzählige Gratis-Angebote im Internet und bestellten Muster, Kataloge oder Proben. Empfänger der Bestellungen war immer dieselbe Person: Der junge Ultra aus Wolfsburg.

»Er muss säckeweise Post bekommen haben«, erinnert sich ein Mitglied der CFHH heute. In den kommenden Monaten stand der Postbote jedenfalls täglich vor der Tür des verdutzten VfL-Fans. Mal brachte er Babywindeln oder Tampons, mal überraschte er mit Parfümproben und Fertiggerichten. Eines Tages überreichte er sogar Gleitcreme aus dem Beate-Uhse-Shop. »Old-School-Spam!«, heißt es aus CFHH-Kreisen. »Seine Eltern sollen nicht erfreut gewesen sein.«

»Wenn der Postmann 1887 mal klingelt!«
 
Wie beim Internet-Spam blieb auch bei dieser Postwelle der Absender für den Empfänger zunächst nebulös. Erst wenige Stunden vor dem Heimspiel gegen den HSV am 22. März 2008 bekam der VfL-Fan eine Ahnung davon, wer hinter dem Schrott-Bombardement steckte. Auf dem Weg zum Spiel hatten die HSV-Ultras einen kurzen Abstecher bei seiner Wohnung gemacht und einen CFHH-Sticker auf seinen Briefkasten geklebt. Im Stadion ereilte den jungen Hacker dann die Gewissheit, denn dort entrollten die HSV-Fans ein Banner, auf dem stand: »Wenn der Postmann 1887 mal klingelt!«

Der Rest der VfL-Kurve verstand allerdings nur Bahnhof. Kurz nach dem Spiel schrieb ein Wolfsburger in einem Internetforum: »Bei uns reicht einmal klingeln, wir sind ja nicht taub!«

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