Warum ein Trainer nicht einfach Trainer sein kann

Rundum-Sorglos-Lösungen

Vorbei die Zeiten, als Spieler noch Spieler waren, Fans noch Fans, Trainer noch Trainer. Nach dem Rücktritt von Frank Schaefer wird deutlich: Der moderne Fußball dürstet auf allen Ebenen nach multifunktionalen Lösungen. Warum ein Trainer nicht einfach Trainer sein kannimago

Irgendwann vor Jahren, als die Welt schneller und unüberschaubarer wurde, krähten besorgte Menschen nach Multifunktionalität. Ein Ding, so ihr Plädoyer, sollte nicht nur seinen eigentlichen Nutzen erfüllen, sondern so viele Aufgaben wie möglich ausüben. Ganz in der Tradition des Wenger Schweizer Offiziermessers mitsamt seinen 81 Einzwelwerkzeugen und 141 Funktionen. Findige Menschen warfen also Produkte auf den Markt wie die Allzweck-Fernbedienung, den Four-In-One-Drucker, die Shampoo-Spülung-Kombination oder die Mütze mit integriertem Ventilator und Bierdosenhalterung an der Seite. Wer brauchte in dieser wahrlich fantastischen Waren-Revolution noch etwas, das sich spezialisierte?

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Auch der moderne Fußball, der seinen Rahmen stetig ein bisschen enger formt, sucht seit einigen Jahren nach Rundum-Lösungen auf allen Ebenen. Das Idealbild des Fans etwa ergibt sich aus seiner tradierten Eigenschaft als Anheizer. Pathetisch gesprochen, stellt der Fan sogar die Seele des Vereins dar, denn er ist Hüter der Tradition und des Guten, der Geschichte und der Erfolge. Zugleich aber erfüllt er auch die Funktion des Kunden, der, positiv dem Produkt gegenüber und konsumfreudig in der Haltung, die gute Botschaft seines Vereins in die Welt transportiert. Plakate mit Slogans wie »Koan Neuer« oder »Und du willst Metzger sein, Uli?« haben dort keinen Platz.

Einfach nur Fußball spielen

Auch der Fußballprofi ist lange schon nicht mehr ausschließlich Spieler, er ist Star, er ist ein Klubvertreter, Werbeträger, Vorbild. Streichen wir also die Bezeichnung »Spieler«, und ersetzen sie durch »Akteur«. Gemeinhin geht man davon aus, der Akteur führe all die ihm zugeschriebenen Funktionen gerne aus. Wenig erstaunlich ist es daher, dass Profis, die einfach nur Fußball spielen wollen (Jiri Nemec), als Sonderlinge abgestempelt werden. Ganz zu schweigen von solchen, die diesen Wahnsinn nicht mitmachen wollen und ihre Karriere frühzeitig beenden.

Der Rücktritt von Frank Schaefer ließ jüngst zahlreiche Spekulationen über seine Motive folgen. War der Trainer zu gläubig? War Volker Finke zu egozentrisch und machtvoll? Was der Rücktritt in erster Linie verdeutlicht: Auch der Trainer hat seine im Begriff verankerte Bedeutung verloren. Tatsächlich ist Frank Schaefer ein sehr unaufgeregter Mensch, einer, der so gar nicht in die Riege der aktuellen Fußballtrainer passt. Neben einem scheinbar dauerhaft unter Hochspannung agierenden Mann wie Jürgen Klopp wirkt er zu sachlich, beinahe altbacken, neben einem General wie Louis van Gaal zu gutmütig, neben einem Pep Guardiola mit seinen weltmännischen Designer-Anzügen, steht er da, ja, wie ein Übungsleiter. Schaefer trägt Trainingsanzug.

Der Trainer – ein Anachronismus?

Die Vorstände dürsten indes nach Stars auf der Bank, sie wollen Feldherren, Taktikfüchse, Animateure, Außenminister, Patriarchen, Männer, an deren Revers die Erfolge der Vergangenheit haften und für die man einen Begriff wie »Konzepttrainer« erfinden konnte, die zugleich aber auch wild, jung, unverbraucht und ein Stück weit anarchisch wirken. Bestenfalls wollen sie einen Typen, der alle diese Merkmale in einer Person vereint.

Frank Schaefer war ein Trainer. Ein Begriff, der in der heutigen Zeit wie ein Anachronismus klingt. Und so seltsam es anmutet, es scheint in der gegenwärtigen Fußball-Hysterie schlichtweg nicht mehr auszureichen, genau das zu sein: ein Trainer. Da helfen auch keine Erfolge. Zur Erinnerung: Schaefer führte den 1. FC Köln von Platz 18 zwischenzeitlich auf Platz 11. Aktuell steht der Klub auf Rang 12, ein mehr als akzeptables Ergebnis.

»Einer, der in diesem Geschäft viel Geld verdienen kann«

In seiner Rücktrittserklärung wirkte Schaefer wie die Antithese zu der Aufgeregtheit des modernen Fußballs. »Ich hatte den Eindruck, dass ich den Verein belaste«, sagte er vor versammelter Journalistenschar. Das klang außergewöhnlich loyal für einen Mann, der in den vergangenen Wochen sukzessive demontiert wurde. Er hätte auch sagen können: Ich hatte den Eindruck, dass euer Zirkus mich nicht möchte. Zurück blieb ein Präsident, Wolfgang Overath, der das alles nicht so richtig greifen konnte: »Ich bin überzeugt, aus ihm wäre ein großer Trainer geworden, einer, der in diesem Geschäft viel Geld verdienen kann.« Ein Satz, der Lob impliziert, der zugleich aber auch die unterschiedlichen Haltungen verdeutlicht. Ein großer Trainer müsse sich, folgt man Overaths Ansicht, den Zwängen des Fußballs unterwerfen, es führt demnach kein Weg umhin, dauerhaft in den Scheinwerfern der Bundesliga zu stehen. Dort also, wo man nicht nur Trainer einer Mannschaft ist, sondern eben auch Außenminister des Vereins, wo man zur Notiz einer Klatsch-Schlagzeile werden, in der über Privates, über Religion und Familie berichtet wird. Dinge, die gerne als Begleiterscheinungen bezeichnet werden, und die durch »viel Geld« und Erfolge angeblich neutralisiert werden. Da wirkt es gar sonderbar, dass jemand zunächst nur das sein will, was ihn auszeichnet: nämlich Trainer. Einfach nur Trainer einer Fußballmannschaft.

Doch »einfach nur« und das sogar erfolgreich und konzeptionell – das ist vorbei. In den USA formt ein Verein seit einigen Jahren sogar das Maskottchen in Form des Taschenmessers Wenger. Beim Fußballklub Portland Timbers gibt es keinen Knuddelbär, sondern einen gut gelaunten Zeitgenossen, sie nennen ihn Joey Timber, der bei jedem Spiel vor der Fankurve dicke Holzstämme mit einer überdimensionierten Säge zerlegt. So ist Joey Timber nicht mehr einfach nur Animieronkel, auch er muss sämtliche Sehnsüchte des Vereins projizieren. Er soll die Wald- und Holzhackertradition der Region verkörpern, er soll zudem Ur-Fan, Animateur und Capo in Personalunion sein, er belustigt die Jungen, er begeistert die Altvordereren. Er gilt als unantastbar, bisweilen autoritär und egozentrisch, und er hat eine gewisse Kult-Status erreicht. Zugleich lässt er sich fraglos in das Konstrukt und die Ideen der Vereinshoheiten einbinden. Was unterm Strich dabei rauskommt – Nebensache.  Joey Timber ist ein Maskottchen, das nicht mehr nur Maskottchen ist, sondern in der modernen und komplexen Welt des Profifußballs auf allen Ebenen agiert – und somit alle Seiten, vor allem die Offiziellen, mehr als zufrieden stellt. Im aktuellen Bundesliga-Trainerkarussell wäre er ein gefragter Mann.

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