Warum ein Stadionbesuch wie Kino ist

Fußball als Fiktion

Es gab, im Kino und im Stadion, einst die Magie der teilnehmenden Passivität. Heute ist, hier wie da, nur die Passivität übrig geblieben. Es scheint, als habe sich eine unsichtbare Wand zwischen Spiel und Zuschauer geschoben. Warum ein Stadionbesuch wie Kino ist

Als ich am Samstag nach dem 0:1 gegen Hertha die lächelnden Werder-Fans aus dem Olympiastadion kommen sah, fragte ich mich: Wird der Fußball etwa nicht mehr ernst genommen?

Offenbar hat sich ein Wandel vollzogen, vielleicht der gleiche, dem auch Kinobesucher unterworfen waren. Als 1895 die ersten Lichtspielhäuser öffneten, war den Kinogängern noch nicht klar, dass sie dort einen Film zu sehen bekamen.

Die Leinwand war für sie ein Fenster, durch das jederzeit Unheil über sie hereinbrechen könnte. Wenn ein Zug heranraste, warfen sie sich zu Boden. Sie duckten sich vor Schüssen aus Cowboyrevolvern. Oder sie riefen »Hinter dir!«, um die Schöne vor dem Mörder zu warnen.

Magie der teilnehmenden Passivität

Ganz ähnlich war es einst im Stadion: Auch dort war der Zuschauer in keinem Drehbuch vorgesehen, bildete sich aber so fest ein, Teil des Geschehens zu sein, es sogar per Gedankenkraft lenken zu können, dass er sich hinterher als Gewinner oder Verlierer fühlen musste. Er glaubte tatsächlich, den Ball über die Linie brüllen, beten oder rauchen zu können. Und nicht selten schrie er »Hintermann!«, um den Stopper vor seinem Gegner zu warnen wie die Schöne vor dem Mörder.

Es gab, im Kino und im Stadion, diese Magie der teilnehmenden Passivität. Heute ist, hier wie da, nur die Passivität übrig geblieben. Die Leute sind abgeklärter geworden. Niemand wirft sich in einem Multiplexkino zu Boden. Und im Stadion? Eine unsichtbare Wand scheint sich auch hier zwischen Zuschauer und Spiel zu schieben. Halten sie den Fußball etwa für Fiktion? Für etwas, das letztlich nicht ernst zu nehmen ist? Und seit wann, dachte ich, als ich die Werder-Fans lächeln sah, gibt es Popcorn im Stadion?

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