Warum »Dirty Talk« zum Fußball gehört

Gib mir Tiernamen!

Das Verbalscharmützel zwischen Vedad Ibisevic und Philipp Wollscheid beweist: »Dirty Talk« ist im modernen Bundesligafußball ein Tabuthema. Tim Jürgens fordert deshalb das Grundrecht auf freie Rede ein. Warum »Dirty Talk« zum Fußball gehört

»Dirty Talk« bezeichnet laut Lexikon eine erotische Praktik, bei der »das Benutzen von sehr anschaulichen und direkten Wörtern vor oder während des Aktes« zur Erhöhung der Stimulation beiträgt. Auch im Fußball liegt ein Reiz darin, wenn Personen sich unzweideutig über ihre Bedürfnisse und Haltungen in Kenntnis setzen. Und wenn  sie Außenstehende daran teilhaben haben lassen, bekommen Reporter feuchte Hände und  bei der Zielgruppe steigt der Blutdruck an die Grenzen zur Schnappatmung. 


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Bitte nicht falsch verstehen: Nichts läge mir ferner, uns Fußballinteressierte als lüsterne Spanner zu klassifizieren. Wir sind sachkundige Analysten eines sportlich-gesellschaftlichen Phänomens. Wissen, was One-Touch-Fußball ist, sind überzeugt, dass der Sechser der entscheidende Mann ist und ein Torwart heute nicht mehr die Kiste sauber hält, sondern das Spiel eröffnet. 
Ich aber gebe freimütig zu: In Bezug auf den Fußball stehe ich wahnsinnig auf dieses Intimgefasel.

Horst Hrubesch sagte: »Kauf dir´n Eis, Junge!«

Meine Obsession entdeckte ich vor mehr als 25 Jahren, als ein Bekannter – gerade A-Jugendlicher geworden – in der ersten Herren in einem Freundschaftsspiel gegen die Profis des BVB eingesetzt wurde. Das ganze Dorf war auf den Beinen, er gerade 18, ein hoffnungsvoller Nachwuchsvorstopper. Als er in der 87. Minute auf den Platz lief, um dort die Bewachung des alternden Horst Hrubesch zu übernehmen, begrüßte ihn der passionierte Dorschangler – so erzählte der Jüngling nachher stolz – kalt lächelnd mit den Worten: »Kauf dir n’ Eis, Junge.« Geeeeilll. Hrubesch gab Fersengeld und köpfte noch zweimal ein.

Diese Sprüche machen Fußball erst richtig scharf. Wer kennt sie nicht, die Schnurren von Ente Lippens, Wolf-Dieter Ahlenfelder oder Joachim Hopp. Mehr als deren sportliches Schaffen, haben ihre Verbalaffekte die Zeit überdauert. Wissen Sie noch, wie Italien im WM-Finale 2006 gegen Frankreich spielte? Ich auch nicht. Aber ich erinnere mich bestens, was Marco Materazzi mit der Schwester von Zinedine Zidane anzustellen trachtete. Und ist nicht Stefan Effenberg erst zum Inbegriff des Leitwolfs geworfen, als er David Beckham in Old Trafford umsenste, ihm anschließend den Handschlag verweigerte und mit ausgefahrenem Zeigefinger noch eine Wagenladung dreckige Hamburgensien über ihm auskübelte?

Nun ist eine bedauerliche Begleiterscheinung der Kommerzialisierung, dass »Dirty Talk« für ein Produkt wie Profifußball offenbar nicht mehr standesgemäß ist. Schon der Künstler Joseph Beuys wusste: »Die raffinierteste Technik des Kapitalismus den Menschen sprachlos und stumm zu machen, ist der Lebensstandard, die Verlockungen des Konsumismus.«

Ibisevic zu Wollscheid: »Gleich wird´s wehtun!«

Dass heutige Profis sich aus Statusmotiven moralischen Verflichtungen der Szene unterwerfen, beweist ein aktueller Fall: Glaubt man dem Nürnberger Philipp Wollscheid, hat der Hoffenheimer Vedad Ibisevic ihm am vergangenen Samstag zwischenzeitlich mitgeteilt »Gleich wird’s wehtun!« und ihm kurz darauf im Vorbeigehen eine Watschn verpasst. Der Bosnier bestreitet dies und doziert onkelhaft: »Man sieht, dass er noch jung ist und noch viel lernen muss. So einen Blödsinn kann man nicht im Fernsehen erzählen.« Wollscheids Trainer Dieter Hecking wiederum glaubt seinem Spieler, mahnt beim Youngster jedoch den Ehrenkodex an: »Was auf dem Platz gesprochen wird, sollte auch auf dem Platz bleiben.«

Da kann ich nur vehement widersprechen. Oder ist die Bundesliga wirklich nur noch »Truman-Show«? Was enthält man uns sonst noch alles vor? Geben die sich da auf dem Platz insgeheim Tiernamen? Wo beginnt für Profis das politisch Unkorrekte: Fäkalsprache, Flüche mit religiösem Background oder doch erst bei Rassismus und Homophobie? In welcher Sprache werden Spieler beleidigt, die des Deutschen nicht mächtig sind? Englisch, Spanisch, mit einigen Brocken aus dem kleinen Latinum, auf Plattdeutsch, damit der Schiri nichts mitkriegt, oder doch in Esperanto? 


Freunde, schreit es raus!

Der scheidende DFB-Präsident Theo Zwanziger hat  gesagt: »Der Fußball steht mitten im Leben: Es gibt viel Licht und viel Schatten.« Das wäre also von höchster Stelle geklärt. Dann könnten die Protagonisten doch auch so ehrlich sein und jede noch so durchtriebene Nebensatzkonstruktion, die im grünen Rechteck in Richtung Gegenspieler abgesondert wird, ab sofort brühwarm in der Mixed-Zone herunterbeten. Jede fiese Schweinerei, jede plump geblökte Todesandrohnung, jeden Rufmord, jedes verbale Kleinod aus dem Repertoire der Jugend-, Milieu- und Gossensprache des globalisierten Durchschnittsprofis. Freunde, schreit es raus.

Fußball ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft und in diesem Land herrscht das Recht auf freie Rede. Außerdem wissen wir nicht erst seit Lady Gaga, dass ein Tabubruch mächtig Renditechancen birgt. Das auch als Tipp an die Kollegen aus dem Controlling: Freudenhäuser, in denen ausnahmslos Blümchensex angeboten wird, sollen dem Vernehmen eher am Existenzminimum knapsen.

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