Warum die Roten Nachbarsteufel auf einmal so gut sind

Der Genuss, Belgier zu sein

Sie haben Glam und sind das nächste große Ding im Weltfußball. Doch  woher kommt der überraschende Erfolg von Belgiens Roten Teufeln? Eine Spurensuche.

imago
Heft: #
145

In der Stunde des Triumphs ging es zurück zu den Wurzeln. Zu Beginn des Abends hatte das belgische Nationalteam sein entscheidendes Match in Kroatien mit 2:1 gewonnen. Nach der Landung in Brüssel drehte man eine Runde durch die Bars der Hauptstadt. Für drei Protagonisten aber lag das eigentliche Ziel dieser Nacht 100 Kilometer weiter östlich, auf den Hügeln oberhalb von Lüttich: mit knallroten Brillen auf der Nase schlugen Nacer Chadli, Steven Defour und Axel Witsel in einer notorischen Promifalle namens Fiesta Club auf, spritzten mit Champagner um sich und grölten aus der DJ-Box, dass sie nach Brasilien fahren werden, zur Weltmeisterschaft.

Das Ziel an diesem Abend war nicht zufällig gewählt, denn etliche Spieler aus dem belgischen Kader haben eine besondere Verbindung zu dieser Stadt. Chadli, Flügelstürmer bei Tottenham, und Witsel, inzwischen bei Zenit St. Petersburg, wurden hier geboren. Als Standard Lüttich 2008 und 2009 nach 25-jähriger Abstinenz wieder belgischer Meister wurde, war Chadli schon in die Niederlande transferiert. Witsel und Defour, der kleine Irokese, inzwischen beim FC Porto, bildeten mit jeweils gerade mal 20 Jahren den Doppelantrieb im Mittelfeld.

Nur ein paar Kilometer liegen zwischen dem Fiesta Club und dem Ausbildungszentrum von Standard. Axel Witsel durchlief in der »Académie Robert Louis-Dreyfus« vom elften Lebensjahr an alle Jugendteams. Chadli und Marouane Fellaini, heute bei Manchester United, absolvierten hier einen Teil ihrer Ausbildung, ebenso wie Kevin Mirallas (Everton), Christian Benteke (Aston Villa) und Hannovers Verteidiger Sébastien Pocognoli. Auch der 17-jährige Zakaria Bakkali, der für den PSV Eindhoven wirbelt und kürzlich debütierte, stammt von hier.

...als sei das ein Zufall

Was aber verbindet die Diables Rouges, die Roten Teufel der belgischen Nationalmannschaft, und die Rouches, die Roten, wie Standard Lüttich genannt wird? Jean-François de Sart, der technische Direktor des Klubs, weiß das. Der 51-Jährige, als Verteidiger 1990 im belgischen WM-Kader, ist lang und hager, der Seitenscheitel gibt ihm etwas Jugendliches. De Sart ist zuvorkommend und der Hang zum Aufschneiden geht ihm völlig ab. »Nun, viele Teufel haben mal hier gespielt«, sagt er bescheiden. Ganz so, als sei das ein Zufall.

Genau das aber ist es nicht. Eher ein Notfall: Standard, wo sich einst internationale Kaliber wie Horst Hrubesch, Asgeir Sigurvinsson oder der Niederländer Simon Tahamata tummelten und gut verdienten, konnte in den Neunzigern nicht anders, als sich auf die Jugend zu besinnen. Ähnlich wie die Niederlande vermochte auch Belgien die Lücke zu den großen Ländern nicht mehr zu schließen. Im globalisierten Fußball konnte die finanzschwache Jupiler League nur ein Zulieferungsbetrieb sein. Und, dank einer entspannten Ausländerregelung sowie der Möglichkeit, schnell Belgier zu werden, ein Showroom für ausländische Talente.

Der Rückgriff auf die eigene Jugend ist unter diesen Voraussetzungen als Geschäftsmodell naheliegend. »Es ist die einzige Möglichkeit, als Klub zu überleben«, sagt De Sart. »Junge Spieler auszubilden, sie in die erste Mannschaft zu bringen und dann in andere Ligen zu verkaufen. Das ist die Philosophie des Klubs, und in die investieren wir viel.« Die beiden Meistertitel bestätigten diesen Ansatz nicht nur, sie brachten auch frisches Geld – und die Konkurrenz auf den Plan: Andere Spitzenklubs wie Anderlecht und Genk haben inzwischen ebenfalls erfolgreiche Nachwuchsakademien.

250 Nachwuchskicker in 18 Teams

Bei den Pionieren in Lüttich steckt man heute zwei der 30 Millionen Euro des Gesamtbudgets in die Nachwuchsakademie, die 2004 ihre Tore öffnete. Auf der Website des Klubs bekommt die Ausbildung das Label »absolute Priorität« zugebilligt. Um die 250 Nachwuchskicker in 18 Teams zwischen U8 und U21 kümmern sich mehr als 20 Coaches, darunter Fitness- und Torwarttrainer. Im Jugendbereich hat die Akademie elf Umkleiden, Büros für Trainer und technische Direktoren für die Mannschaften der älteren Jahrgänge, ein medizinisches Büro, Studierraum und Konferenzzimmer. Insgesamt gibt es fünf Rasenplätze und einen mit Kunstrasen, einen riesigen quadratischen Trainingsplatz und einen ausladenden Fitness-Saal.

»Das sind die besten Bedingungen in ganz Belgien«, sagt Laurent Ciman, der mit 28 einer der alten Haudegen ist – bei Standard und im Nationalteam. »Ich sehe das bei den jungen Spielern. Sie bekommen hier alle Möglichkeiten, sich zu entwickeln.« Ciman selbst stammt aus dem Nachwuchs von Sporting Charleroi. »Was wir damals hatten, war nichts dagegen.« Zu den äußeren Bedingungen kommt bei Standard laut Ciman eine besondere Mentalität: »Der Kampfgeist, das Arbeiten, ohne das du nicht akzeptiert wirst. Aber inzwischen ist in der Ausbildung auch die technische Seite sehr wichtig.«

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!