Warum der Fußball José Mourinho braucht

Danke, Darth Vader!

José Mourinho hat gute Chancen sich mit dem FC Chelsea in das Finale der Champions League zu mauern. Dafür wurde er längst zum Zerstörer des schönen Fußballs erklärt. Dafür muss man ihn lieben.

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José Mourinho ist ein Schwein! Zumindest kann man diesen Eindruck bekommen, wenn man sich den allgemeinen Tenor zur Arbeit des Portugiesen zu Gemüte führt und in fünf Worte zusammenfassen möchte. Immerhin treibt »The Special One« mit seinem FC Chelsea im Saisonfinale erneut all die Fußball-Schöngeister zur Weißglut. Dabei hatten sie es sich gerade so gemütlich gemacht in ihrer Kuscheloase. Haben sich mit Ballbesitzstatistiken eingedeckt, ein paar Passquoten auf der Zunge zergehen lassen und sich die schönsten Schnittstellenpässe der Messis, Robbens und Ronaldos bei Youtube angesehen. An ihren Wänden hängen die Bleistiftzeichnungen zeitgenössischer Pressingzonen, am Boden liegt ein Teppich aus feuchtem Naturrasen, zum Einschlafen lesen sie die Heilige Schrift – die Biographie von Pep Guardiola, dem Großmeister des »Savoir jouer«. Es war ihre heile Welt, in der man über den Erotikfaktor des FC Barcelona fabulieren konnte und über bayrische Angriffskollektive, die selbst Erich Honecker neidisch gemacht hätten. Hach, es war ein so schöner, weil so herrlich blumiger Fußball. Weich, flauschig, schnuckelig.

Er reißt dem Kuschelfußball die Maske runter

Und dann kam dieses Schwein in Person von José Mourinho und riss dem Tiki-Taka-One-Touch-Ballbesitz-Fußball seine sanft grinsende Maske runter. Das ist so gemein, jammern einige. Er macht den Fußball kaputt, sagen andere. Aber warum?

Natrülich lässt José Mourinho keinen Fußball spielen. Er baut vielmehr eine kalte Wand aus Defensivmonstern auf, die darauf vertrauen, dass vorne irgendwann ein Ball ins Tor fällt. Das ist hässlich. Das ist Fußball verachtend. Das ist blanker Hohn. Aber es ist uns allen im Grunde näher als die Direktpassorgien vieler anderer Mannschaften. Warum jubeln wir auf dem Dorfplatz unserem Verteidiger zu, wenn er den Ball mit einer Mischung aus Brachialgewalt und Rudimentaltechnik in des Nachbarn Garten drischt und verabscheuen Frank Lampard für die exakt gleiche Aktion? Warum raunen wir andachtsvoll, wenn unser Mitspieler mal wieder clever und unbemerkt vom Schiedsrichter Ball und Gegner zugleich malträtiert und schimpfen auf John Terry, der im Grunde nichts anderes tut? Warum wollen wir immer nur schönen Fußball sehen, wenn wir in diesem Hochgeschwindigkeitszirkus selbst als Ballkind überfordert wären? Es lässt tief in unsere Seele blicken, wenn wir etwas anschmachten, dass so viel mit unserem Leben zu tun hat wie eine Motoryacht im Hafen von Monte Carlo.

Was wäre Batman ohne den Joker?

Für diesen Fußball-Realismus sollte man José Mourinho eigentlich huldigen. Denn der Portugiese schert sich einen Dreck um das, was andere über seine Philosophie sagen. Er besetzt freiwillig die dunkle Seite des Spiels. Und die braucht unser geliebter Sport dringender denn je. Denn längst versuchen Marketingkonzerne und Verbände unserer großen Liebe die Ecken und Kanten abzuschlagen, ihn chemisch zu säubern, um am Ende ein septisch reines Produkt bis ins Unendliche zu kommerzialisieren. Fußball ist ein Disneyland in kurzen Hosen. Freundlich, knuffig, entertaining. Haben wir das so gewollt? Nein! Haben wir es verhindert? Eben!

Deswegen sollte man José Mourinho zumindest respektieren. Weil er sich nicht hinreißen lässt, zwanghaft das zu kopieren, was alle wollen, sondern mutig genug ist, einen Gegenentwurf zum Status Quo zu entwickeln. Den Mittelfinger rauszuholen. Ein Schwein zu sein, in einem Spiel, in dem alle immer lieb, korrekt und nett sein müssen. So schmerzhaft, dreckig und abstoßend das auch sein mag, ohne Trainer wie ihn wäre der Fußball wie wir ihn lieben längst dem Tod geweiht. Und was wäre Batman ohne den Joker? Was Luke Skywalker ohne Darth Vader? Was Rocky ohne Ivan Drago? Genau, ziemlich allein. Ziemlich traurig. Ziemlich langweilig.

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