Warum der BVB heute die Wende schaffen kann

Gelbes Wunder

Der BVB steht vor dem Champions-League-Aus. Doch Wunder gab es in Dortmund immer wieder: Zum Beispiel im Uefa-Cup 1994, als der 18-jährige Lars Ricken in der 119. Minute gegen Deportivo La Coruna traf. Eine Erinnerung. Warum der BVB heute die Wende schaffen kannimago

Ottmar Hitzfeld trägt wieder diesen riesigen grauen Mantel, in dem er manchmal seine Hände vergräbt, als suche er nach einer Idee, die dem Spiel noch eine andere Wendung geben kann. Dabei scheint nun, in der 102. Minute, eh alles zu spät. Der General hat Martin Kree für Stephane Chapuisat gebracht und Lars Ricken für Thomas Franck, er hat seiner Mannschaft in der Halbzeit gesagt, dass dieses Spiel hier nur mit der bekannten Brechstange zu gewinnen ist und er hat was von Glauben und Willen erzählt. Doch die Spanier haben das 1:1 erzielt. Der BVB braucht nun zwei Tore. Dieses Uefa-Cup-Achtefinale am 6. Dezember 1994 ist gelaufen.

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Einige Fans auf der Südtribüne haben bereits ihre Fahnen eingerollt, das Bier schmeckt auf einmal schal, das Flutlicht blendet, die Spieler sehen aus wie nasse alte Männer und Präsident Gerd Niebaum auf der Tribüne guckt ins Nichts: »Ich hatte das Spiel abgehakt, die Mannschaft hatte das Spiel abgehakt, da war ja keine Power mehr drin.« Fußball – dieses ewige Versprechen.

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Doch dann passiert etwas, für das im Fußball inflationär Begriffe wie »Wunder« oder »Auferstehung« verwendet werden. Karlheinz Riedle trifft in der 116. Minute nach einer Möller-Flanke zum 2:1, und plötzlich versteht man im Stadion sein eigenes Wort nicht mehr. Ein Tor fehlt, ein verdammtes Tor in den verdammten vier Restminuten. Mit einem Mal läuft hier ein anderer Film: Die Spieler sehen aus wie Gladiatoren und der feuchte Rasen wirkt im Flutlicht wie ein Gemälde von Rubens. Fußball – dieses ewige Versprechen.

Lars Ricken ist an dem Tag des Spiels gerade mal 18 Jahre alt. Neunzehn Monate zuvor, im März 1993 hatte er gegen den MSV Duisburg sein Bundesligadebüt gemacht und gegen den MSV Duisburg sein erstes Tor als (Teilzeit-)Profi erzielt. Lars Ricken, dieses Juwel, dieser Wunderknabe aus der eigenen Jugend. So einen darf man nicht verheizen, wiederholen die BVB-Verantwortlichen gebetsmühlenartig. Mit ihm wollen sie alles richtig machen. Und doch scheint es manchmal, als wüssten sie nicht genau, wie sie das anstellen sollen.

Ziehsohn von Matthias Sammer

Er geht tagsüber weiterhin zur Schule, selbst am Tag nach dem Spiel gegen Deportivo wird er im Klassenzimmer eines Dortmunder Aufbaugymnasiums sitzen, Geschichte, Mathe, Deutsch und Englisch stehen auf dem Stundenplan. Er genießt beim BVB eine Art Sonderstatus, Privilegien, Kleinigkeiten eigentlich, doch die Presse schreibt, dass andere, ältere Spieler das skeptisch beäugen. Auf dem Klub-Parkplatz steht etwa sein Honda Civic direkt neben dem Mercedes vom Trainer, der schon mal Sachen sagt wie: »Wenn er eine Entschuldigung für die Schule braucht, schreibe ich die gerne.«

In der Mannschaft gilt er als Ziehsohn von Matthias Sammer. Lars Ricken ist die personifizerte Zukunft des Vereins. Das Vorzeigetalent. Gegen La Coruna kommt er in der 78. Minute ins Spiel. »Für den Überraschungsmoment, für den Schwung«, sagt Hitzfeld später.

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Nun, in der 119. Minute, treibt Bodo Schmidt den Ball durchs Mittelfeld. Ein bisschen ungestüm sieht das aus, der Blick auf dem Ball, mit dem Kopf durch die Wand. Überall: Blaue Trikots. Sechs, sieben Gegenspieler stehen um ihn herum, doch er flippert den Ball durch eine Lücke in den Strafraum.

»Den hauste einfach mal rein!«

Dort steht Ricken ganz alleine, er nimmt Anlauf und schießt aus vollem Lauf. Der Ball knallt von der Unterlatte ins Tor, 3:1, Dortmund ist im Viertefinale. Niebaum sitzt schon seit Riedles Tor nicht mehr. Nun springt er auf. »Nie zuvor sah ich das Stadion so wackeln wie in diesem Moment«, jubelt er später. An dieses Spiel werden wir uns noch in 30 Jahren erinnern.« Die Zeitungen überschlagen sich am nächsten Tag, beschwören den Teamgeist, Ottmar Hitzfeld, Lars Ricken und natürlich: das Wunder. Nur Matthias Sammer denkt schon am Abend an das nächste Spiel: »Wir haben noch nichts erreicht. Am Wochenende geht es gegen Hamburg.«



Lars Ricken sah das alles ganz locker. Später sagte er: »Ich wusste ungefähr, wo das Tor steht, da hab ich mir gedacht, den hauste einfach mal rein!« Im Verein war er da bereits mit Lobeshymnen überschüttet worden. Einen Tag nach dem Tor gegen La Coruna diktierte Ottmar Hitzfeld den Reportern auf einer Pressekonferenz in die Blöcke: »Dieser Junge wird uns noch viel Freude bereiten.« Er sollte Recht behalten.

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