Warum der BVB Deutscher Meister werden sollte

Eine Vision des Fußballs

Nicht jeder muss sich in dieser Saison in den BVB verlieben. Aber dennoch sollte man sich wünschen, dass die Klopp-Truppe am Ende Deutscher Meister wird. Das meint zumindest unser Autor Christoph Biermann und erklärt hier, wie er zu darauf kommt.

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Oft sind Spitzenspiele nur eben das, dramatische Zuspitzungen einer Saison zwischen den besten Mannschaften. In Spitzenspielen werden die entscheidenden Punkte vergeben, wenn es um Meistertitel und Trophäen geht. Eigentlich reicht das auch für aufgeregt durchgeschwitzte Trikots, abgenagte Fingernägel und leergequarzte Zigarettenpackungen. Doch mitunter wird in solchen Begegnungen auch etwas verhandelt, das übers reine Ergebnis hinausgeht. Wenn Spitzenspiele nämlich überdies ein Wettstreit der Ideen sind, wie Fußball gespielt werden sollte.


Das WM-Finale von 1974 war so eine 90-minütige kulturelle Debatte, in der schließlich deutscher Pragmatismus über die Innovation des »Total Football« aus Holland siegte. Oder das letzte Finale der Champions League, als die britische Wucht von Manchester United an den katalanischen Tänzern des FC Barcelona leer lief. Auch in der Bundesliga gab es immer Spitzenspiele, die mehr waren als das. In den siebziger Jahren etwa, wenn Gladbach gegen Bayern spielte oder in den Achtzigern der Hamburger SV unter Ernst Happel gegen die Münchner antrat, trafen da unterschiedliche Schulen des Fußballs aufeinander. 

Es geht um eine Vision des Fußballs

Heute um 20 Uhr in Dortmund ist es wieder so weit, und wenn man sich wünschen muss, dass Borussia Dortmund in dieser Saison erneut den Titel holt, hat es nichts damit zu tun, dass gegen den FC Bayern dieser Tage viel einzuwenden gäbe. Trainer Jupp Heynckes ist in seiner ganzen, grundhöflichen Elder-Statesman-Haftigkeit ein Kandidat für den Titel des »nicest man in football business«. In seinem Team stehen keine glaubwürdigen Schurken, so dass gegnerische Fans ihre Antipathie schon an Arjen Robben aufschaukeln müssen, wenn er gelegentlich mal zu schnell fällt. Und selbst Uli Honeß, der sonst so vergnügt den Unmut auf sich zieht, hat die Abteilung Attacke weitgehend geschlossen.

Nein, man muss dem BVB nicht die Daumen drücken, damit der FC Bayern seinen gefühlt 328. Titel nicht gewinnt. Es geht im absoluten Spitzenspiel der Saison eher um eine Vision des Fußballs, und da hat der BVB mehr zu bieten als jedes andere Team der Liga.

Jürgen Klopp war in seiner ganzen, mittelmäßigen Karriere als Fußballprofi ein Defensivspieler, und über nichts redet er so gerne wie über die Kunst des Verteidigens. Das ist eine gefährliche Passion, weil sie zu schrecklichem Fußball führen könnte, zur Zerstörung von Spielkunst. Doch genau das Gegenteil ist bei Klopp der Fall. Wenn sich sein schwarz-gelbes Rudel auf den Gegner stürzt, ist das in den besten Momenten für jeden Zuschauer absolut elektrisierend. Es ist eine Verschmelzung kollektiver Kräfte, die deshalb so mitreißend ist, weil sich die Defensive im Moment der Balleroberung sofort in Offensive verwandelt. Ja, weil die ganz vom Geiste der Defensive getränkte Spielweise immer von Angriffslust getragen ist. Das Dortmunder Spiel durchweht ein Hunger auf Abenteuer deshalb, weil Klopp es gelungen ist, so nüchterne Kategorien wie Organisation auf dem Platz in emotionale zu verwandeln. Das Kontrollierte und das Leidenschaftliche sind eine Synthese eingegangen, und so spricht das Dortmunder Spiel eigentlich jeden Fan an, so er nicht alte Antipathien pflegt.

Natürlich verfügt Borussia Dortmund auch über großartige Spieler, denn nur mit solchen kann man in der Bundesliga 23 Spiele ohne Niederlage überstehen. Der BVB muss die Bayern nicht mehr »auf unser Niveau herunterziehen«, wie Klopp noch in der letzten Saison witzelte. Aber er ist nicht die Mannschaft von Shinji Kagawa oder Robert Lewandowski, von Mario Götze oder Mats Hummels. Beim FC Bayern ist das anders. Es ist die Mannschaft von Arjen Robben und Franck Ribery, von Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos, von Manuel Neuer, Philipp Lahm und Mario Gomez. Jeder von ihnen verfügt über phantastische Fähigkeiten und könnte in fast jeder europäischen Spitzenmannschaft spielen. Sie haben neben dem herausragenden fußballerischen Talent auch die Fähigkeit, den permanenten Druck auszuhalten, der beim FC Bayern auf jedem Spieler liegt.

Der Begriff »Konzeptfußball« ist irreführend

Jeder von ihnen kann Spiele entscheiden, das haben sie oft genug bewiesen. Aber was können wir von diesem FC Bayern lernen? Was kann ein anderer Trainer in der Bundesliga oder ein Coach irgendwo im Amateurfußball oder in der Jugend bei ihnen abschauen und selber versuchen? Dass es gut ist, die besten Spieler eines Landes zu versammeln? Dass es schwer ist, sie beisammen zu halten, aber Jupp Heynckes dazu in der Lage ist?

Der Begriff »Konzeptfußball« ist deshalb immer irreführend gewesen, weil er nahelegt, dass es Trainer mit einem Konzept gibt und welche ohne. Der Unterschied besteht aber darin, dass im einem Fall erst das Konzept steht und im anderen erst die Spieler. Jupp Heynckes hat viele tolle Spieler und fügt sie so zusammen, dass er möglichst erfolgreich ist. Jürgen Klopp hat zu einer Idee vom Spiel die passenden Protagonisten gesucht und ihnen sein Konzept beigebracht. Und das ist nicht nur gut, weil es ein Konzept ist, sondern weil es zu aufregendem Fußball führt. Und weil man sich davon was abschauen kann und mehr Mannschaften der Leidenschaft eine Form geben, sollte Borussia Dortmund auch Deutscher Meister werden. Es ist ja nichts dagegen einzuwenden, wenn Bayern die Champions League gewinnt. 

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