Ende September 2012. Alex Schulz, Christian Bieberstein, Ronny Licht und Anke Wiedenroth sitzen im Haus des Frankfurter Fanprojekts. Es befindet sich etwas versteckt in einem kleinen Waldstück, an den Wänden Graffiti, Aufkleber. Mainz-Fan Schulz ist Mitglied der Organisation »ProFans«, HSV-Anhänger Bieberstein ist Sprecher der Interessengemeinschaft »Unsere Kurve«, die Würzburg-Anhängerin Wiedenroth und der Chemnitz-Fan Licht vertreten die Pyro-Initiative. Sie nennen sich aktive Fans, sie sind Fußballanhänger, die jedes Wochenende in der Kurve stehen, die für Europacupspiele mit dem Zug nach Dnipropetrowsk oder Heidenheim fahren, die für die bunten Choreografien in den Stadien verantwortlich sind. Ja, es gebe auch heute noch einen Dialog mit dem DFB und der DFL, sagen sie, doch dieser sei nicht zufriedenstellend. Die Fans fühlen sich nicht verstanden, nicht von den Verbänden, nicht von den Vereinen, nicht von den Medien. »Wir befinden uns seit Jahren in einem Rückzugsgefecht. Es ist zermürbend«, sagt Bieberstein. »Bei uns werden immer mehr Stimmen laut, die keinen Sinn mehr in Gesprächen sehen«, sagt Schulz. Die Hardliner einiger Szenen sollen schon mehrmals ihr »finales Jahr« verkündet haben. Sie wollten sich eine letzte Saison lang richtig austoben. Ein Vorfall wie in Köln, als Fans mit Pyrotechnik eine riesige schwarze Rauchwolke produzierten, sei nur ein Vorgeschmack gewesen. Moderate Vertreter wie Schulz oder Bieberstein hielten sie im Zaum.
Dass sich der DFB bewegt, langsam zwar, aber immerhin, wird von den radikalen Kräften nicht mehr ernst genommen. Dabei gibt es insbesondere bei der Frage der Kollektivstrafen neue Perspektiven.
Seit geraumer Zeit verhängt der DFB nach Vorfällen Geldstrafen und Zuschauerausschlüsse. Die Mehrheit der Fans büßt für das Verschulden einiger Gewaltbereiter. Mit der Folge, dass sich Anhänger virtuelle Tickets kaufen und zu Tausenden vor den Stadien protestieren. Die »Geisterspiele«, also Partien von Dresden und Rostock ohne Fans, waren auf diese Weise ausverkauft und wurden zu »Anti-DFB-Mottopartys«. »Es ist richtig, Strafen auszusprechen. Sie müssen aber die Richtigen treffen. Kollektivstrafen führen allerdings dazu, dass die Falschen bestraft werden. Diese Sippenhaft hilft keinem«, befindet Kölns Präsident Werner Spinner.
Die Kriterien der DFB-Gerichtsbarkeit sind für Außenstehende schwer nachzuvollziehen. In der Satzungsordnung steht, dass man Platzsperren gegen einen Verein aussprechen kann, wenn die Situation »als schwerwiegend gewertet wird oder es sich um ein Wiederholungsvergehen handelt«. Sportanwalt Adam Piechnik sieht darin ein Problem: »Im Strafrecht wäre ein Paragraph unwirksam, wenn er zu weit auslegbar wäre.« Denn was heißt schwerwiegend? Ist eine Situation schwerwiegend, wenn Fans einen Platz wütend stürmen (Frankfurt) oder freudig über den Rasen rennen (Düsseldorf)?
»Früher wurden Urteile wenig flexibel gefällt. Davon wollen wir weg: Wir möchten den Katalog an Sanktionierungsmöglichkeiten erweitern« sagt der zuständige DFB-Vizepräsident Rainer Koch. »Bevor Platzsperren verhängt oder Geldstrafen ausgesprochen werden, kann man sich mit dem betreffenden Klub über eine kurzfristige Verbesserung seiner Sicherheitsmaßnahmen einigen. Zum Beispiel: Mehr Ordner oder bessere Kameras beim nächsten Spiel.« Ende September 2012, wenige Stunde vor einer DFL-Konferenz, räumt auch Helmut Sandrock Fehler ein: »Wir müssen selbstkritisch sein und sagen: Passen unsere Strafen, oder müssen wir da was ändern?« Die Ergebnisse dieser Konferenz werden später im Papier »Sicheres Stadionerlebnis« dokumentiert. Die DFL unterstreicht das Bestreben nach einer Strafenreform, allerdings zieht sie auch Maßnahmen in Erwägung, die bei der Fanszene auf Kritik stoßen. Zum Beispiel sollen Klubs Körperkontrollen der Fans in Containern durchführen. Bei Nichtumsetzung der Maßnahmen »kann dies bei Vorkommnissen bei der Strafzumessung durch das Sportgericht berücksichtigt werden und ggf. (...) angeordnet werden«, heißt es auf Seite 20 des Dokuments. Sportanwalt Piechnik befürchtet, dass die Vereine zu »Getriebenen der Verbandsstrafen« werden. Eine Ultragruppe sieht in den Vorschlägen »das Ende der Fankultur, wie wir sie bisher kannten«.
Die große Sorge vor englischen Verhältnissen
Klar ist: Es geht schon längst nicht mehr um Pyro, diese Fackel, die mittlerweile viel zu sehr zu einem Widerstandssymbol geworden ist, als dass man sich noch Hoffnungen auf eine Legalisierung machen würde. Es geht um die letzten sozialen Begegnungsräume im modernen Fußball, die Stehplätze. Es geht um die Angst vor englischen Verhältnissen in vollständig versitzplatzten und überwachten Stadien. Und schließlich geht es um eine Solidargemeinschaft »Der Fußball«, die auch die Fans mit einschließt, die sich im Gegenzug nicht hinter Parolen verschanzen. »Ein Plakat wie ›Fick dich, DFB‹ ist sicher nicht zielführend«, sagt auch Dirk Zingler. »Beide Seiten müssen verbal abrüsten.«
Vor diesem Hintergrund mag es erstaunen, wie Werner Spinner das Thema angeht, gab es doch zuletzt etliche Vorfälle im FC-Umfeld. Man dürfe den Dialog mit den Fans nicht abbrechen, sagt der Klubpräsident. Kurz vor seinem Amtsantritt besuchte er Kölner Ultras in ihrem Quartier. Er kam unangemeldet. Als sich die Tür öffnete, stand da ein verdutzter junger Mann. Spinner sagte: »Hallo, ich wollte mich mal vorstellen!« Der junge Mann sagte: »Hallo.« Dann drehte er sich um und rief: »Jungs, räumt mal auf, der Präses ist da!«
Es war der Anfang eines Dialogs auf Augenhöhe. Immerhin.